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"Ein Bericht für eine Akademie" im Düsseldorfer Schauspielhaus

Nach Franz Kafka : Affe macht sich zum Menschen

Kilian Land brilliert in Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ im Schauspielhaus. Die szenische Einrichtung im Kleinen Haus übernahm Regisseur Roger Vontobel.

Von einem schmalen Lichtstrahl begleitet, tapst ein junger Mann ungelenken Schrittes auf die Bühne. Drei Flaschen stellt er auf dem Boden ab, aus einer gießt er sich plätschernd das Glas voll und trinkt. Er trägt eine dunkle Jacke, ein weißes Hemd und eine etwas zu kurze Hose, aus deren unterem Rand rötliches Fell quillt. Dichte Haare wuchern ihm auch aus Ärmeln und Halsausschnitt – rudimentäre Reste seines „äffischen Vorlebens“.

Kilian Land hat sich Franz Kafkas Monolog „Ein Bericht für eine Akademie“ vorgenommen. Die szenische Einrichtung im Kleinen Haus übernahm Regisseur Roger Vontobel, in Düsseldorf bekannt durch saftige Klassiker wie „Hamlet“ oder „Der Kaufmann von Venedig“. Von dem spröden Titel sollte sich niemand abschrecken lassen. Mit sparsamen Mitteln und überzeugender Darstellungskraft gelingt dem Schauspieler ein berührendes Theatererlebnis. Erzählt wird in 45 konzentrierten Minuten die Geschichte der Menschwerdung eines Affen. Es ist die Zeit der Schimpansenjagd in Afrika, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts von Gesandten des Tierparks Hagenbeck in Westafrika betrieben wurde. Auch der Affe Rotpeter wird angeschossen, gefangen genommen und verschleppt. Seine Freiheit, das dämmert ihm schon auf dem Dampfer, ist auf ewig verloren. Was bleibt ihm als Ausweg? In einem demütigenden Prozess der Anpassung setzt Rotpeter alles daran, sich in einen Menschen zu verwandeln. Dieser Zustand, so hofft er, werde ihm zumindest ein gewisses Gefühl von Freiheit vermitteln. Und doch, das weiß er, ist es bloß eine Täuschung.

Obwohl unter Deck im engen Käfig hilflos eingesperrt, lernt er dazu, an jedem Tag der Überfahrt. Als erstes den Handschlag, „ein Handschlag bedeutet Offenheit“. Er beobachtet die Menschen um ihn herum und ahmt sie nach, ungeachtet seiner zitternden Knie. „Affen gehören bei Hagenbeck an die Kistenwand“, so brüllt sich Rotpeter seinen Schmerz von der Seele, wieder und wieder, laut und gellend. Schnaps ist ihm widerlich, und doch zwingt er sich verbissen dazu, eine Flasche zu öffnen. Er übt so lange, bis er „ein Trinker vom Fach“ ist. Der Gedanke an die zwei Perspektiven – Zoologischer Garten oder Varieté – treibt ihn an. Dann lieber ins Varieté, akrobatische Kunststücke zeigen und ein Mitglied der menschlichen Gesellschaft werden, irgendwie.

Kilian Land fühlt sich geschmeidig ein in die Metamorphose. Er verfällt nicht der Verlockung, sich buchstäblich „zum Affen zu machen“. Da spricht ein Wesen, das um seine Daseinsberechtigung ringt. Das Leid der gewaltsamen Selbstverleugnung geht ans Gemüt.

Franz Kafka veröffentlichte den „Bericht für eine Akademie“ 1917 in der Zeitschrift „Der Jude.“ Sein Freund Max Brod deutete den Monolog als Gleichnis für die erzwungene Assimilation der Juden in Europa. In Corona-Zeiten suchen Theater nach kompatiblen Formaten. Kilian Land, fasziniert von der Prosa Kafkas, entschied sich für den Grenzgänger Rotpeter. Es dürfen gerade nicht sehr viele Zuschauer ins Kleine Haus. Aber die wenigen machten das bei der Premiere wett und beklatschten die brillante schauspielerische Leistung ausdauernd und stark.

Info Weitere Aufführungen am 26. September, 3. und 17. Oktober, jeweils um 20 Uhr.