Ausstellung im Lehmbruck-Museum Duisburg Künstler Jochen Gerz lädt zum Gedanken lesen

Duisburg · Der große deutsche Konzeptkünstler hat die Glasfassaden des Duisburger Lehmbruck-Museums mit Schriftbändern beklebt.

 Nachdenklich: Jochen Gerz bei der Eröffnung seiner Ausstellung am Duisburger Lehmbruck-Museum.

Nachdenklich: Jochen Gerz bei der Eröffnung seiner Ausstellung am Duisburger Lehmbruck-Museum.

Foto: Christoph Reichwein (crei)

Die neueste Ausstellung findet im Freien statt. Wer erfahren will, was es mit dem Titel „The Walk - keine Retrospektive“ auf sich hat, braucht das Lehmbruck-Museum in Duisburg nicht zu betreten und auch keinen Eintritt zu zahlen. Fast alles, was der 78-jährige Konzeptkünstler Jochen Gerz dem Publikum zu sagen hat, lässt sich von den Glasfassaden ablesen.

Auf einem eigens errichteten, vier Meter hohen eisernen Steg kann man das Haus umwandern und mit einiger Mühe den Zusammenhang der Texte erfassen. Es empfiehlt sich, den Rundgang zu ebener Erde zu wiederholen, weil man nur so alles mitbekommt.

Der Aufwand des Schauens und Spazierens auf schwankendem Grund lohnt sich, denn Jochen Gerz führt den Betrachter anhand seiner Biografie durch die Zeitgeschichte, die er durchmessen hat. Eigenes Erleben und politische Geschichte verbinden sich zu Reflexionen über die Demokratie und die Gefahren, denen sie ausgesetzt ist, über die Art und Weise, wie sich die Franzosen in den 80ern endlich mit ihrem Kolonialismus auseinandersetzten, und am Ende über die „Autorschaft der Gesellschaft“. In allen Sätzen spürt man, dass Gerz von der Literatur kommt. Seine Gedanken haben Stil und lesen sich, als führe jemand Selbstgespräche mit dem Ziel, dass möglichst viele zuhören.

Das klingt so: „Mehr als andere Welten scheint die Kunstwelt ein Erbrecht auf Revolutionen zu haben.“ Immer wieder geht es um die Rolle der Kunst in der Gesellschaft, um Gedichte nach Auschwitz, auch um Kinder nach Auschwitz.

Gegen Ende des Rundgangs, der eigentlich ein Gang in zwei übereinanderliegende Sackgassen ist, wird Gerz grundsätzlich: „Die zeitgenössische Demokratie braucht eine nicht-kommerzielle Energie.“ Und „Autorschaft der Gesellschaft“ bedeutet für ihn, „Kreativität zum Teil des gesellschaftlichen Ganzen und der intimen Kompetenz von immer mehr Menschen zu machen und dadurch die Gesellschaft selbst zu emanzipieren.“

Das erinnert an den Optimismus der späten 60er und frühen 70er Jahre. Gerz hat das Geschehen in Deutschland viele Jahre aus dem Ausland beobachtet, aus London und vor allem aus Paris. Im Unterschied zu manch anderen Künstlern, denen es zur Gewohnheit geworden ist, Deutschland zu bekritteln, bekennt sich Gerz dazu, dass er Deutschland bewundert: für die Art und Weise, wie sich die Deutschen ihrer Vergangenheit gestellt haben und nach wie vor stellen. Von vornherein, so Gerz, habe die deutsche Gesellschaft auf eine „pflegeleichte“ Bewältigung der Hitler-Zeit verzichtet.

Vielleicht verklärt er die Nachkriegszeit damit ein wenig. Wenn er aber in die Zukunft blickt, wird ihm fast schwarz vor Augen, und dann wird auch Jochen Gerz zum Kritiker der Deutschen: „Wir sind zu sehr eine Staunkultur“, erklärte er bei der Pressekonferenz zu seiner Ausstellung, „zu sehr eine Zuschauer-Kultur und zu wenig Macher.“ Und raunend fügte er hinzu: „Ich weiß, dass auf die deutsche Gesellschaft etwas zukommt, und zwar nicht die Immigranten, sondern etwas aus uns selbst.“

Später wurde er im Gespräch mit unserer Redaktion deutlicher: Er sei froh, dass er bereits ein Alter erlangt habe, das es ihm erspare, die Auswirkungen des neuen Nationalismus und Rechtsradikalismus noch ertragen zu müssen. So schlagen zwei Herzen in seiner Brust: einerseits die Überzeugung, dass Kunst „ein Werkzeug zum Bessermachen“ sei, wie er überhaupt seine Ausstellung als Hommage ans Museum und speziell ans Lehmbruck-Museum versteht, andererseits die Furcht, dass Kunst womöglich nichts gegen Gewalt ausrichten kann.

Der Text auf den Glaswänden setzt sich fort in illustrierten Fußnoten, die als Heft kürzlich exklusiv der Rheinischen Post beilagen. Mit dem Heft in der Hand kann man vom Steg aus anhand der Zahlen mitlesen, was Gerz sonst noch zu sagen hat. Persönliche Erinnerungen mischen sich mit Fakten aus Wikipedia. Liest man den Text der Glasfassaden künftig im Internet, so werden einem die Fußnoten als Pop-ups entgegenspringen: ein bruchstückhafter Essay und ganz nebenbei eine kleine deutsche Geschichte von 1940 bis 2010, dem Jahr, als Jochen Gerz 70 wurde und vieles wollte, nur keine Retrospektive.

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