Düsseldorf: Auf dem Worringer Platz entsteht eine Theaterbühne

Performance in Düsseldorf : Theaterbühne am Worringer Platz

Das Duo Gintersdorfer/Klaßen hat einen Pavillon aufgebaut. Zu erleben gibt es bis Freitag öffentliches Theater. Jeder kann teilnehmen, mitmachen oder einfach nur zusehen.

Es soll ja viele Düsseldorfer geben, die einen großen Bogen um den Worringer Platz machen und nicht mal für die vielen türkischen Grillhäuser hierher kommen. Dieses Schmuddelkind ängstigt – und das nicht ganz zu Unrecht. Schließlich ist der Platz Treffpunkt der lokalen Drogenszene und dadurch ganz weit weg vom Glanz der nicht allzu weit entfernten Kö. Täglich kann man hier die kleinen und großen Dramen beobachten. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die von der Gesellschaft abgehängt, vergessen und missachtet werden.

Wegen eben dieser vielschichtigen gesellschaftlichen Zusammensetzung ist Knut Klaßen mit seinem Theaterprojekt „Institut für unvorhergesehene Zusammenarbeit“ auf diesen Platz gekommen. „Der Worringer Platz war mein Wunschort für dieses Projekt“, sagt Klaßen. Gerade bauen er und einige Helfer in der nördlichen Ecke einen Pavillon auf, der bis Freitag als Bühne dienen wird. Ab mittags proben die Theatermacher Gintersdorfer und Klaßen mit acht Performern, um 19 Uhr findet dann eine Aufführung statt. Dabei ist der Pavillon ein offenes Haus für alle Interessierten. Show, Diskurs, Materialtanz, Möbelbau, Küche und Party sind die Schlagwörter der Aktion. „Es gibt Kaffee bei uns, und wer sich einbringt, kann auch abends bei der Aufführung mitmachen“, sagt Klaßen.

Das Konzept des öffentlichen und täglich neuen Theaters haben das Duo Gintersdorfer/Klaßen bereits etliche Male erprobt. Seit 2005 entwickeln sie Projekte, in denen sie Lebensstrategien und Ausdrucksformen der Darsteller zum Zentrum machen und mit eigenen Strategien und Ästhetiken konfrontieren. Mit „Kabuki Noir Münster“ traten sie 2017 für dreieinhalb Monate sechs mal pro Woche im Rahmen der Skulptur-Projekte auf. Der jetzige Pavillon stand bereits in Dresden, Hamburg und Münster. Neu und spannend für Klaßen ist in Düsseldorf aber der Ort: „Sonst stehen wir vor Theatern oder in der Innenstadt, wo das Publikum ein geschliffeneres Kunstverständnis hat.“ Gerade hier könne er seinen Theateransatz verwirklichen, täglich eine schnelle, klassenübergreifende und transkulturelle Performance zu erarbeiten.

Der Pavillon als Ort des Geschehens geht auf eine Rekonstruktion zurück. 1942 gestaltete der zweite Bauhaus-Direktor Hannes Meyer im mexikanischen Exil zusammen mit dem Grafikerkollektiv TGP einen ähnlichen Raum. Übriggeblieben ist davon nur ein einziges Foto. Für das „Institut für unvorhergesehene Zusammenarbeit“ baute Klaßen gemeinsamen mit seinen Studenten an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, wo er Professor für Bühnenbild und Kostüm ist, den Pavillon nach. Heute besteht er aus Aluprofilen und lässt sich an einem Tag aufbauen.

Hannes Meyer, dessen Wirken am Bauhaus immer im Schatten der andern Direktoren, Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe, stand, fasziniert Klaßen seit seiner Jugend. Nachdem der Schweizer 1930 aufgrund seiner linkssozialistischen Haltung am Bauhaus fristlos entlassen worden war, ging der spätere Stalinist erst in die Sowjetunion, dann nach Mexiko. Dort war er zwar nicht mehr als Architekt tätig, arbeitete aber im Kollektiv TGP als Designer, Grafiker und Dichter. „So ist Meyer nicht der isolierte Westler geblieben, sondern hat sich auf die mexikanische Kultur eingelassen“, sagt Klaßen. Auf einer Studienreise mit Studenten nach Mexiko City fand er dann sogar den Standort des Pavillons. Wie es sich für die überzeugten Kommunisten um Meyer und TGP gehört, stand der übrigens auf der Plaza de la Revolución in Mexiko City.

Am Worringer Platz wird derzeit natürlich nicht mehr an der Revolution gearbeitet, sondern an einem großen Theater-Experiment. Und: Teilnehmen, mitmachen oder einfach nur zusehen, alles ist dort möglich.

Info Von Mittwoch bis Freitag, jeweils von 13 bis 20 Uhr.

(henl)
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