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Deutsche Erstaufführung "Das Gewicht der Ameisen" von David Piquet

Jugendstück : Gemeinsam eine Macht

„Das Gewicht der Ameisen“ erlebte seine Erstaufführung im Jungen Schauspiel. Christof Seeger-Zurmühlen hat es nun überzeugend und schmissig umgesetzt.

Wusstest Du, dass eine Schnecke 14.000 Zähne hat? Und dass alle Ameisen auf der Welt zusammengerechnet schwerer sind als alle Menschen? Olivier hätte nicht gedacht, dass das Lexikon des unnützen Wissens ihm die Augen öffnet. Als er die kämpferische Jeanne kennenlernt, merkt er, dass man gemeinsam mehr erreicht als allein. Und dass jeder etwas bewirken kann, im Kleinen wie im Großen.

Auch wenn sich die Quintessenz etwas banal anhört, verpackt Autor David Piquet seine Botschaft sehr charmant. Sein Stück „Das Gewicht der Ameisen“, das nun im Jungen Schauspiel seine Deutsche Erstaufführung feierte, ist eine schnelle, freche Revue durch den Alltag zweier Schüler, die eigentlich etwas verändern wollen, aber an ihrem desinteressierten Umfeld abprallen.

Eigentlich sollte das Stück im Mai im Rahmen des Festivals Theater der Welt aufgeführt werden. Doch nach der Absage „schenkte“, wie Theaterleiter Stefan Fischer-Fels es ausdrückt, der Festival-Chef Stefan Schmidtke dem Jungen Schauspiel das Stück des Kanadiers Paquet. Christof Seeger-Zurmühlen hat es nun überzeugend und schmissig umgesetzt mit einem verwandlungsfreudigen Ensemble (Noëmi Krausz, Ali Aykar, Eduard Lind, Jonathan Gyles und Selin Dörtkardeş), das in zahlreiche Rollen schlüpft.

Bei der ersten Premiere nach der Corona-bedingten Schließung des Jungen Schauspiels ist alles anders. Die Zuschauer sitzen versetzt mit freien Plätzen zwischen ihnen. Jede zweite Reihe bleibt leer. Auch auf der Bühne hat die Regie Maßnahmen ergriffen, die dem Stück und seiner Dramaturgie der Schnipsel sogar entgegen kommen: Hinter Plexiglaswänden befindet sich eine Art Laufsteg, auf dem die Figuren auftreten, während der Platz davor meist den Protagonisten Jeanne (Krausz) und Olivier (Aykar) vorbehalten bleibt.

Bühne und Kostüme entstanden in deutsch-kanadischer Zusammenarbeit (Simone Grieshaber und Helen Yung). Ein Teil des kanadischen Teams ist während der Premiere live zugeschaltet, denn das Projekt gehört zu Kanadas Kulturprogramm als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2020.

Jeanne und Olivier leiden nicht nur unter ihren hilflosen Eltern und dem ignoranten Schulleiter (Lind), sondern auch unter dem Klimawandel und der Armut auf der Welt. Doch wie etwas verändern? Vielleicht als Schulsprecher? Bei der Wahl gewinnt allerdings der Opportunist Mike (Gyles), der allen Schülern Frei-Pizza verspricht. Wie weit geht der Idealismus der beiden? Erst als sie sich zusammenschließen, merken die beiden, dass sie vielleicht ihre Wut auf die Zustände in Handlung umsetzen können: „Wenn wir uns einig sind, haben wir eine Macht.“ Fridays for Future lässt grüßen.

Seeger-Zurmühlen setzt das skurrile Stück humor- und fantasievoll um. Die Therapeutin, die Mathelehrerin, die betrunkene Buchhändlerin, der Hausmeister: Die rund 20 Figuren sind Miniaturen, liebevoll und gleichzeitig herrlich klischeehaft ausgestaltet. Die kurzen Szenen wirken wie Youtube-Schnipsel als zeitgemäße Umsetzung für eine Generation, für die das Stück gedacht ist: Die Zuschauer ab zwölf Jahren werden ihre Freude daran haben.

Info Termine: 1., 3. und 24. Oktober,
je 19 Uhr, 2. und 27. Oktober, 11 Uhr.