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Interview: Dominikus Schwaderlapp: "Der Zölibat ist zeitgemäß und notwendig"

Interview: Dominikus Schwaderlapp : "Der Zölibat ist zeitgemäß und notwendig"

Der Kölner Weihbischof stellt Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft in Frage und schlägt Hospitäler mit katholischer Prägung vor.

Sind Priesterinnen in der katholischen Kirche denkbar?

Schwaderlapp Bei aller Hochschätzung der Frauen hat Christus in den Dienst der Apostel nur Männer berufen. Bischöfe und Priester sind nach unserem Glauben die Nachfolger der Apostel. Die Kirche hat nach ihrer Überzeugung nicht das Recht, diese Entscheidung Christi zu ändern. Wer meint, dass sich in dieser Frage etwas ändern könnte, dem kann ich ehrlicherweise keine Hoffnung machen.

Wird es weitere Zusammenschließungen von Gemeinden geben?

Schwaderlapp Das wird eine der Herausforderungen unseres Erzbischofs sein. Kardinal Woelki sind in seiner Zeit in Berlin ja ganz andere Räume und Entfernungen begegnet. In der Diaspora kann man ja nur davon träumen, welche Dichte von Kirchen und Priestern wir im Rheinland haben. Wir klagen also auf hohem Niveau. Vergessen wir nicht: Die Hälfte der 1200 Kirchen im Erzbistum ist nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut worden. Die Leute waren damals nicht annähernd so mobil wie heute, und dennoch blühte das kirchliche Leben Anfang des 20. Jahrhunderts. Wir müssen neue Wege gehen, aber die sind möglich.

Was heißt das konkret?

Schwaderlapp Wir werden größere Räume haben müssen. Darin sind geistliche Zentren wichtig, an denen wir zu Gottesdienst und Gebet zusammenkommen. Andererseits werden wir Wege finden müssen, wie die Gläubigen ortsnah zusammen kommen können, um ihren Glauben zu teilen und sich gegenseitig zu stärken. Faszinierend für mich ist die Idee von Gemeinschaften in Wohnzimmergröße.

Können das auch geistliche Gemeinschaften wie Opus Dei sein?

Schwaderlapp Solche Gemeinschaften könnten uns auf diesem Weg auch Impulse geben - wenn sie bereit sind, sich dann auch in Gemeinden einzubringen. Aber mir geht es nicht darum, geistliche Gemeinschaften zu implantieren. Ich möchte unterhalb der Pfarreiebene ein Netz von Gemeinschaften fördern, das Ortsnähe und persönliche Nähe gewährleistet. So eine ähnliche Sozialstruktur - im bürgerlichen Bereich - konnte ich in Neuss erleben mit den Schützenzügen, in denen man sich einander hilft.

Erfordert der Priestermangel eine Debatte auch über den Zölibat?

Schwaderlapp Nein, ich bin der Meinung, dass der Zölibat nicht nur zeitgemäß, sondern notwendig ist. Er ist das unausgesprochene Zeugnis dafür, dass ich meinen Entschluss, mein Leben in den Dienst Christi zu stellen, ernst meine - mit ganzem Leib und ganzer Seele.

Aber die Entscheidung zum Zölibat könnte Priestern freigestellt werden.

Schwaderlapp Ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich freiwillig den Zölibat angenommen habe. Mich hat niemand gezwungen, Priester zu werden. Ein Priester ist kein religiöser Funktionär. Es geht darum, Christus in dieser Welt auch durch die eigene Lebensweise sichtbar und berührbar zu machen. Jesus hat auch auf eine Ehe verzichtet zugunsten seiner Liebe zu allen Menschen, das versuche ich als Priester ebenfalls zu leben mit meinen bescheidenen Mitteln. Der Zölibat bewahrt uns Priester, die wir in Deutschland ziemlich bürgerlich leben, ganz und gar zu verbürgerlichen. Erneuerung der Kirche kann nach meiner Überzeugung nie durch weniger, sonder immer nur durch mehr Hingabe gelingen.

Warum verkämpft die Kirche sich dann bei Themen wie Zölibat oder Verhütung?

Schwaderlapp Ich halte Themen wie Sexualität vor der Ehe nicht für nebensächlich. Dass Sexualität Ausdruck von Hingabe ist und der Weitergabe von Leben dient, das hat schon direkt mit dem Glauben zu tun. Was den Zölibat angeht: Die Früchte des Zölibats werden gern in Anspruch genommen. Menschen schätzen es, wenn Priester ganz für Gott und die Gemeinde da sind.

Bestimmte moralische Positionen der katholischen Kirche sind doch schon gar kein Thema mehr in vielen Familien - wie vorehelicher Sex.

Schwaderlapp Die Frage, wie ein junger Mensch seine Sexualität lebt, ob er sich vergibt, wenn er bereit ist, alles jederzeit zu präsentieren, ist existenziell ungemein bedeutsam. Wir dürfen nicht aufhören, diese Frage zu stellen, ob das nun populär ist oder nicht. So viele Jugendliche suchen Geborgenheit, Erfüllung und Annahme in Sex und werden am Ende ausgenutzt. Was als Liebe daherkommt, ist oft nichts anderes als Egoismus. Und dass früh ausgelebte Sexualität nicht unbedingt glücklicher macht, ist bekannt. Unsere Botschaft ist anspruchsvoll, nur sie dient dem Menschen, sie führt zu mehr Freude, Treue, Geborgenheit - und das sind alles Dinge, nach denen sich Menschen sehnen. Wenn sie sich Jugendstudien ansehen, belegen die genau das. Das Problem ist, dass die katholische Morallehre oft als "Spielverderber"-Moral gesehen wird. Aber was viele davon wissen, ist eigentlich eher eine Karikatur dieser Lehre.

Hat die Kirche nicht Anteil daran, dass nur "die Karikatur" ihrer Morallehre bei den Menschen ankommt?

Schwaderlapp Ja, da haben Sie Recht. Gerade zum Thema Sexualität gibt es oft nur eine defensive Verkündigung, es trauen sich wenige an das Thema ran.

Bei Krankenhäusern in kirchlicher Trägerschaft sind Sie auf Personal angewiesen, das sich an die katholische Morallehre hält. Wie lange können Sie sich noch leisten, einen Chefarzt rauszuwerfen, wenn er erneut heiraten will?

Schwaderlapp Ich frage hier, ob wirklich alle Einrichtungen, die wir derzeit unterhalten, in kirchlicher Trägerschaft bleiben müssen. Ich könnte mir auch vorstellen, stattdessen eine Art Auditierung einzuführen. Das heißt: Es werden Standards aufgestellt, die dazu berechtigen, das Audit "Krankenhaus katholischer Prägung" zu führen. Zu solchen Standards gehören ethische Vorgaben, was insbesondere Lebensanfang und -ende angeht. Diese Auditierung kann jedes Krankenhaus erwerben, das sich diesen Leitsätzen verschreiben will.

Also eine katholische DIN-Norm, die aber nicht für die Lebensführung der Angestellten gilt?

Schwaderlapp Die Institutionen wären private Einrichtungen mit weltlichem Arbeitsrecht. Die Pflege, ethische Richtlinien und seelsorgerische Grundsätze wären katholisch geprägt. Ich glaube, dass das gefragt wäre, denn es gibt viele Menschen, die sich in Häusern mit katholischem Geist aufgehoben fühlen.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN DOROTHEE KRINGS, REINHOLD MICHELS, LOTHAR SCHRÖDER UND STEFAN WEIGEL.

(RP)