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"De Materie" von Louis Andriessens

Duisburg : Das Schweigen der Lämmer zur Radioaktivität

Louis Andriessens komplexes Musiktheaterwerk "De Materie" wurde bei der Ruhrtriennale in der Duisburger Kraftzentrale aufgeführt.

Gelegentlich müsste vielen braven Erdenbürgern eine Tapferkeitsmedaille verliehen werden, wenn sie etwa im Museum vor einem Gemälde oder einer Skulptur stehen und sie die Frage umtreibt: Was will mir der Künstler damit sagen? Das Ringen um Erkenntnis kann ein quälender Vorgang sein, zumal der Erfolg häufig verwehrt ist. Dabei wäre es für die Besucher befreiend zu wissen, dass sich Künstler manchmal gar nicht viel denken. Sie haben irgendwann Stil und Technik gefunden, und beidem lassen sie Lauf, wenn Lust und Kreativität sie überkommen. Dies alles untersteht dem Freiheitsbegriff der Kunst, gerade in Zeiten der Abstraktion. Das System ist aber unvollständig, wenn nicht der Frager, der Deuter, der Interpret, gelegentlich eben auch der Ochs vorm Berg hinzutreten.

Im 20. Jahrhundert hat diese Freiheit beispielsweise dazu geführt, dass Opernkomponisten irgendwann nicht mehr an realen Handlungen interessiert waren, sondern sich für theatralische Bildsprache außerhalb jeder linearen erzählerischen Konsequenz begeisterten. Zu ihnen ist der 1939 geborene Holländer Louis Andriessen zu zählen. In seinem Werk "De Materie" (1989) - das jetzt bei der Ruhrtriennale zu sehen ist - würfelt er Kunsttheorien von Mondrian, Tagebucheinträge der Madame Curie zur Radioaktivität, das religiöse Seufzen einer Nonne, frühe holländische Verfassungstexte und die Bauanleitung für ein hölzernes Hochseeschiff in die Partitur. Es fehlt aus unserer Sicht nur die Ansprache von Sepp Blatter vor der FIFA im Jahr 1985, als er zur Besinnung auf die einzig relevante Materie - den Ball - aufrief. Jedenfalls erklingt eine Musik, die von Bach über Atonalität bis Boogie-Woogie alles möglich macht.

Als Regisseur sollte man, um dieses musiktheatralischen Wechselbalgs Herr zu werden, das Spielkind in sich nicht abgetötet haben. Ein Fall für Heiner Goebbels: Der Intendant der Ruhrtriennale legte höchstpersönlich Hand an die Materie und baute mit seinem Bühnenbildner Klaus Grünberg die gewaltige Kraftzentrale im Duisburger Landschaftspark, einen länglichen Industrie-Dom, zu einem wunderlichen Phantasialand um. Während der 144 Fortissimo-Schläge aus dem Orchester zum Beginn und zum Dröhnen gewaltiger Hämmer schauen wir auf fluoreszierende Zelte, die wie das Basislager einer Expedition zum Nanga Parbat wirken, der über Nacht der Berg abhanden gekommen ist. Statt des Gipfels sehen wir drei hell schimmernde Zeppeline, die in ruhigster Bewegung über dieser Szene kreisen. Sie sind den ganzen Abend über zur Animation unserer Vorstellungskraft unterwegs und erfüllen gewiss auch die Aufgabe von Zäpfchen, mit denen sich klemmende Einfälle des Regisseurs unverzüglich abführen lassen.

Bald kommt ein tenoraler Schreihals, der wie von Rembrandt gekleidet Atomismustheorien vorträgt (ein vokal anspringender Rhetor: Robin Tritschler); auf der linken Balustrade stehen acht holländische Edelleute, die jene Bauanleitung Hölzchen für Hölzchen absingen (exzellent: ChorWerk Ruhr). Bald ist die Bühne in giftgrünes Licht getaucht, unter dem ein ganzes Frauenkloster einzieht und sich auf Bänke bettet, während eine Brabanter Begine namens Hadewijch (mit wonnig knabenhaftem Sopran: Evgeniya Sotnikova) von einer Vereinigung mit dem Heiland träumt; im Mittelalter wurde das "unio mystica" genannt. Danach turnen zwei Tänzer wie Duracell-Häschen zu Farbkreisen in Rot, Gelb, Weiß und Blau (Mondrian!).

Der Höhepunkt aber ist der vierte Akt, in dem Goebbels die Essenz von Andriessens Werk, die Vermählung des Werdens und Gehens zu einem fromm-rituellen Gebrabbel, theologisch deutet: Schafe schreiten ernst zur Schlachtbank. Ihnen liefern Sonette des Niederländers Willem Kloos ein gefährlich leckeres Futter: "Träum schönen Tod, unsterbliches Verlangen". Solche intellektuellen Bildprobleme kann die Ruhrtriennale nicht mit lokalen Kräften lösen; also ließ Goebbels laut Programmheft "100 Schafe aus dem Raum Düsseldorf" importieren, die aus der Kraftzentrale eine Außenstelle des Duisburger Zoos machten. Sehr diszipliniert, mit eher seltenem Blöken und Mähen, zog die Herde über die Bühne und drehte Kreise, während das Orchester wütete oder säuselte. Sie ließ eine erkleckliche Menge an Materie unter sich und verschwand irgendwann wieder in der Garderobe, während im Vordergrund Madame Curie an einem riesigen Tisch neben vielen männlichen Wissenschaftlern Platz nahm und ein Klagelied abbetete. Den Geruch der Materie ertrug sie stoisch.

Natürlich wird an solchen Abenden nicht das Rad der Geschichte und der Lauf der Kultur gewendet; man erfreut sich an schönen Bildern, gähnt zwischendurch herzergreifend, soll wohl auch staunen, wenn ein ganzes Orchester auf einer riesigen Bühne quer durch den Raum geschoben wird. Aber Kinderkram oder gar albern ist das Ganze nicht. Die Schafe sind zwar zu bedauern, spielen andererseits tiefsinnig auf den rätselhaften vierten Akt in Claude Debussys Oper "Pelléas et Mélisande" an. Auch dort werden Schafe in den Tod getrieben. Insgesamt handelt es sich in Bild und Ton um ein Mysterienspiel.

Musikalisch ist die Partitur (obgleich das Ensemble Modern unter Peter Rundel bravourös musiziert) allerdings schwächer als seine etwas spätere Pferde-Oper "Rosa", die Andriessen zu einer minimalistischeren Schreibweise zurückführte. "De Materie" ist ja auch der Versuch einer nationalbiografischen Erkundung: Hier leuchtet ein Klavierstück seines Vaters, des Utrechter Domorganisten Hendrik Andriessen, als Pavane auf, da schimmern Melodien der flämischen Vokalpolyphonie aus der Frührenaissance durch; dort lässt sich das B-A-C-H-Motiv orten. Das Dröhnen der Hämmer ist Wagners "Rheingold" nachempfunden. Das Schweigen der Lämmer wirkte jedoch gewaltiger.

Das Publikum, darunter die Spitze der NRW-Landesregierung, kam rasch ins Jubeln. Danach hieß es: Bitte lüften!

Tickets für die Veranstaltung finden Sie hier!

(RP)