"Das doppelte Lottchen" in Düsseldorf: Das hätte Erich Kästner gefallen

„Das doppelte Lottchen“ im Jungen Schauspiel Düsseldorf : Das hätte Erich Kästner gefallen

„Das doppelte Lottchen“ des Jungen Schauspiels ist eine werkgetreue und dennoch sorgsam modernisierte Fassung des berühmten Stoffs. Zu erleben ist ein wunderbares Stück – und am Ende erobert das Publikum die Bühne.

Links der Bühne eine riesige Brezel, rechts ein schräg drapiertes Stück Sachertorte, das später zur Spielfläche wird. Symbole für München und Wien, die Heimat der Zwillinge in „Das doppelte Lottchen“. Für viele ist es das schönste und anrührendste Kinderbuch von Erich Kästner. In der werkgetreu und dennoch wohltuend zeitgemäß aufbereiteten Bühnenfassung fürs Junge Schauspiel hat der Stoff nichts von seinem Zauber verloren. Wie nachhaltig er wirkt, erleben voller Verwunderung die erwachsenen Premieren-Besucher im Central. Da mag die Lektüre des Buches Jahrzehnte zurückliegen, und doch kommen bei den ersten ins Publikum gefragten Worten selige Erinnerungen auf: „Kennt ihr eigentlich Seebühl? Seebühl am Bühlsee?“ Schon ist man mittendrin in der Geschichte um die ein­eiigen Zwillingsmädchen, die früh getrennt wurden und nichts voneinander wissen – bis sie sich im Ferienheim begegnen.

Lotte Körner wächst bei ihrer Mutter in München auf, das Geld ist knapp. Ein pflichtbewusstes, viel zu ernstes Hausmütterchen mit braven Zöpfen, das kocht und putzt und früh Verantwortung übernimmt. Luise, die verwöhnte Tochter des Kapellmeisters Ludwig Palffy aus Wien, trägt ihre langen Locken offen. Ein kecker Wildfang, laut und selbstbewusst. Plötzlich stehen sich die bebrillten Schwestern gegenüber. Das gleiche Gesicht, die gleichen roten Haare. Sie starren sich an, als schauten sie in einen Spiegel, Lotte scheu, Luise trotzig. „Einem so die Ferien zu verhunzen“, mault sie und ist richtig fies zu der Neuen. Die verblüfften Betreuer platzieren die Mädchen absichtlich nebeneinander. Am Tisch und im Schlafsaal, damit sie sich aneinander gewöhnen. Das tun sie dann auch, mit schicksalhaften Folgen.

Bis auf die Gäste Emilia de Fries als Luise und Sina Dresp als Lotte verkörpern fünf Ensemble-Mitglieder eine Vielzahl von Figuren. Wie so oft im Jungen Schauspiel ist es eine Freude, der munteren Truppe bei den rasanten Rollenwechseln zuzuschauen. Mal sind die Schauspieler Kinder im Ferienheim, mal bilden sie den Chor, der mit Kästners Worten die Handlung transportiert. Daneben glänzen alle als Solisten und erwecken die aus dem Buch vertrauten Gestalten zum Leben. Auch wer es nicht gelesen hat, wird schnell in das Geschehen hineingezogen. In Seebühl am Bühlsee kommen Luise und Lotte ihrem Familiengeheimnis auf die Spur. Am selben Tag und am selben Ort geboren, eine ohne Vater, eine ohne Mutter – das kann kein Zufall sein. Man hat sie um ihre Schwester betrogen. Diese bittere Erkenntnis macht wütend und bricht im aufmüpfigen Song „Eltern, schaut euch mal die Welt an“ aus ihnen heraus. An dessen Ende heißt es: „Fragt uns, die Erwachsenen von morgen.“ Live-Musik begleitet die gesamte Aufführung, Geige und Gitarre untermalen geschickt die jeweilige Stimmung.

Die Zwillinge wagen das Abenteuer, Frisuren, Kleider, Koffer und Existenzen zu tauschen und nach den Ferien zum jeweils anderen Elternteil zurückzukehren. Zu quälend ist die Frage: Warum habt ihr uns halbiert? Bei dieser Szene muss man schlucken. Das herbe Thema Scheidung wird nicht ausgespart. Man ahnt, auch im Central sitzen einige Kinder, die schmerzliche Trennungen zu verkraften haben. Aber es ist eben gerade die Kunst Kästners, das Schwere leicht zu machen. Selbst der Alptraum, der Lotte und Luise heimsucht und mit dem Zersägen des gemeinsamen Bettes recht gruselig erscheint, schmälert nicht den Spaß bei dem jungen Publikum. „Das war doch lustig, ich hatte gar keine Angst“, sagt Johanna (8) hinterher. Lenchen (8) und Julia (5) hat alles gefallen, ohne Einschränkungen. Paul (11) fand es schön, dass auch gesungen wurde, und Felix (9) mochte besonders den raffinierten Kinder-Tausch.

In der Theaterfassung von Regisseur Robert Gerloff und Dramaturg David Benjamin Brückel stecken jede Menge Spielwitz und ulkige Einfälle. Zum Happy End vermeidet die Inszenierung jeden Zuckerguss und sendet eine ehrliche Botschaft, die klar und deutlich ankommt: Beim „doppelten Lottchen“ wurde alles gut, doch nicht jede Ehe kann gekittet werden. Eltern, hört eure Kinder an und redet mit ihnen, sie haben ein Recht darauf. Nach lautstarkem Jubel nehmen die kleinen Zuschauer die Bühne ein. Niemand bremst sie aus, wenn sie Dutzende Male von der Schräge rutschen, durch die Brezel klettern und auf dem Bett herumhüpfen. Wie schön. Das hätte Erich Kästner auch gefallen.

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