Buch "Tyrannei des Schmetterlings": Die große Frank Schätzing-Show in Köln

Buchvorstellung "Tyrannei des Schmetterlings": Die große Frank Schätzing-Show in Köln

Der neue Thriller des Kölner Bestellerautors über Künstliche Intelligenz wurde gestern im Musical Dome als Weltpremiere vorgestellt.

Der neue Thriller des Kölner Bestsellerautors Frank Schätzing über Chancen und Gefahren der Künstlichen Intelligenz wurde am Montagabend im Musical Dome als Weltpremiere vorgestellt.

Am Anfang seiner Thriller steht die Show. Keine schnöde Buchvorstellung oder so. Sondern ein Spektakel, das mit dem Etikett "Weltpremiere" versehen gleich noch ein wenig grandioser anmutet. Und das die ersten paar Minuten sogar ohne den Schöpfer selbst auskommt, ohne Frank Schätzing. Im Kölner Musical Dome wird uns nämlich erst Kalifornien, einer der Hauptschauplätze des Romans, in einem Werbefilm vorgeführt. Bis Schätzing dann wirklich vor uns steht in der ersten von zwei Shows am Montagabend, die als späte Nachlese zur Lit.Cologne längst ausverkauft waren.

Sphärenklänge einer E-Gitarre stimmen zu seiner Lesung ein - aber nicht aus dem Buch, sondern, schöne neue Welt, von einem iPad. Dazu schreitet der 60-Jährige die Bühne auf und ab, in Super-Slow-Motion. Dabei wächst sich schon sein Recherchebericht aus Kalifornien zu einem Abenteuer aus - mit Truckergesprächen und Riesenburgern. Und natürlich mit den Besessenen aus dem Silicon Valley, deren Droge Machbarkeit heißt. Goldgräberstimmung herrsche dort noch immer, sagt Schätzing mit Marlboro-Cowboystimme, nur werde diesmal nach Daten geschürft. Und dann kommt die eigentliche Vorführung. Willkommen im neuen Schätzing-Thriller.

Schon zu Beginn wird es blutig

Das Cover des neuen Thrillers. Foto: dpa, obe kno

Der freilich beginnt handfester, archaischer und irgendwo in Schwarzafrika. Ein Haufen bestens ausgebildeter Soldaten nähert sich einer Stadt; wir erfahren, dass es ein Unabhängigkeitskampf ist und ahnen, dass diese Truppe um ihren Anführer Agok die Guten sind, die Gerechten, die sich bei Nacht langsam durch sintflutartigen Regen vorwärtsschleichen und sich in all dem Matsch Schritt für Schritt zu Kreaturen verwandeln, zu bis an die Zähne bewaffneten Golems. Dann kommt es zum Kampf, und das ist genau der Punkt, an dem man Frank Schätzing zu verfluchen beginnt. So grausam ist das Gemetzel, so unerträglich der geheimnisvolle Feind, der sich zu Hunderten irgendwie in seine Gegner hineinfrisst.

Ein Schätzing-Prolog, der einen auf Betriebstemperatur bringt, die auch nicht sinkt, als nach ein paar Dutzend Seiten Szene und Stimmung wechseln. Unverhofft landen wir also bei Luther Opuko. Der ist Sheriff im trostlosen Sierra County, eine Berggegend in Kalifornien, in der früher mal nach Gold geschürft wurde und in der jetzt offenbar von ganz anderen Zukunftsvisionen mehr als nur geträumt wird. Ganz schlaue Köpfe basteln in geheimen Laboren an der Erschaffung noch schlauerer Köpfe: an der Entstehung Künstlicher Intelligenz.

Die letzten Sätze nach 730 Seiten: So vollzieht es sich. Vielleicht.

Schätzing hat also wieder mal den richtigen Riecher bewiesen für ein brandaktuelles Thema. Die Frage die er sich dabei stellt, lautet, "ob wir mit unserer eigenen Erfindung werden koexistieren können". Beantworten wird der Kölner das in seinem Thriller natürlich nicht. Die beiden letzten Sätze nach fast 730 Seiten lauten: "So vollzieht es sich. Vielleicht."

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Das ist nur für den unbefriedigend, der lieber Sachbücher liest und alles ganz genau schwarz auf weiß haben möchte. Thriller aber sind immer große Möglichkeitsmaschinen, die das ausspucken, was man nicht erwartet. Und sich nach Schätzings Worten darum auch so herrlich vom Krimi unterscheiden: "Der Krimi kommt dem deutschen Gemüt sehr nahe, indem er mit einer Eskalation beginnt und dann nach und nach wieder Ordnung schafft. Am Ende ist der Täter überführt, sitzt im Knast oder ist tot - und der Kommissar kann einen weiteren Erfolg verbuchen", so Schätzing. Der Thriller aber funktioniere genau andersrum: Der skizziere zunächst ein alltägliches Bild der Normalität, und dann bricht etwas ein, das nicht zu kontrollieren ist und eskaliert. "Der Thriller entlässt den Leser zumeist mit einem Gefühl der Verunsicherung."

Und in extremer Form jetzt im neuen Schmöker, der "Die Tyrannei des Schmetterlings" heißt und schon ein Riesenerfolg ist. Das Buch wird ab Dienstag in den Buchhandlungen zu haben sein. Mehr als die Hälfte der Startauflage von 200.000 Exemplaren ist bereits bestellt, der erste Nachdruck wird nach Verlagsangaben schon vorbereitet.

Ares ist das Monster

Sicher, das Thema ist fast die halbe Miete. Aber ohne Schätzing eben doch kein Erfolgsgarant. Der spielt gekonnt auf der Spannungsklaviatur, lässt einen Autounfall zum Anlass werden, dem Ungeheuerlichsten der Menschheitsgeschichte auf die Spur zu kommen. Die Künstliche Intelligenz ist - ohne zu viel zu verraten - bei Schätzung eine wuchernde Struktur, eine Art Riesenhirn, genannt Ares. Sie ist nicht von Natur aus bösartig. Sie wird nur aus einem einzigen Grund vernichtend: A.R.E.S. fühlte sich bedroht. Ein unglaubliche Entwicklung wird dieses Wesen vollziehen, denn mit jeder Häutung, die seine Intelligenz vollzog, hinterfragte es sogleich den Sinn seiner Programmierung. Kurzum: A.R.E.S. verwandelte sich ohne Wissen seiner Schöpfer von einer Maschine zum Wesen. Und irgendwann hat es begonnen, den Menschen seine Entwicklung zu verschweigen. Das ist ebenso faszinierend wie glaubhaft gedacht. Warum, beginnt man sich irgendwann zu fragen, soll sich das, wovon wir täglich reden, nicht vollziehen?

Wahrscheinlich sind wir ja alle immer noch viel zu naiv

Zumal die meisten von uns vergleichsweise kenntnislos ohnehin nur diffuse Ängste vor dem haben, was als Künstliche Intelligenz in den Debatten herumgeistert. Wahrscheinlich sind wir ja alle immer noch viel zu naiv. Aber gerade Menschen, so Schätzing, die Künstliche Intelligenz am meisten fürchteten, "sind eben dieselben, die gedankenlos ihr Fahrtziel in ihr Navi eingeben, auf dem Smartphone rumspielen, ihr Privatleben in Social Networks ausbreiten, die Künstliche Intelligenz also längst nutzen."

Vielleicht lesen wir mit der "Tyrannei des Schmetterlings" so etwas wie ein Zukunftsszenario in Echtzeit. Die Aufmerksamkeit, die dem Thriller schon im Vorfeld zugedacht wurde, spricht jedenfalls dafür, dass die Menschen auch auf das Thema anspringen. In ihm scheinen viele Ängste, Ungewissheiten, Bedrohungsgefühle verborgen zu sein.

Und dann kommt ein Schmetterling daher, dann verunglückt ein gepanzerter Mercedes in der kalifornischen Wüste, stirbt eine Biologin, stürzt einen Abhang herunter, verfängt sich in den Bäumen und findet ihre letzte Ruhe als eine Art "blutiger Engel". Ein Sheriff nimmt sich der Sache an, und alles kommt ins Rollen. Unglaublich? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. "Ich bin kein Prognostiker. Prognosen werden meist von Menschen getätigt, die zu wissen vorgeben, wie es werden wird. Das weiß keiner von uns. Wir können aber Szenarien entwickeln, um zu zeigen, wie es möglicherweise werden könnte. Bei einem so großen Thema wie Künstlicher Intelligenz - die ebenso viele Chancen wie Risiken birgt - ist es unbedingt notwendig, über so viele Szenarien wie möglich nachzudenken. Aus unterhaltsamen Gründen neige ich zum Desaster."

(los)