Düsseldorf Bert Gerresheim zeichnet das Jenseits

Düsseldorf · Der Düsseldorfer Künstler hat mit Bleistift eine groteske Welt entworfen..

Der 78-jährige Düsseldorfer Bildhauer und Grafiker Bert Gerresheim hat Skulpturen für ungezählte Kirchen geschaffen, hat Menschen porträtiert und auch an den Straßen seiner Heimatstadt plastische Spuren hinterlassen. Wer als Künstler einen Auftrag ausführt, hat naturgemäß nicht immer freie Hand, das zu tun, was ihm in den Sinn kommt. Da bietet die Zeichnung mehr Möglichkeiten. Sie ist nicht an teures Material wie Bronze gebunden, und man fertigt sie zunächst nur für sich selbst an — ohne die Absicht, dass andere daraus einen Nutzen ziehen.

Gerresheim ist im Umgang mit dem Bleistift seit je ebenso erfahren wie in der Arbeit mit Gips und Bronze. Der Stift fordert Künstler allem Anschein nach weitaus mehr als Metall dazu heraus, der irdischen Welt mit leichter Hand eine andere entgegenzusetzen. Gerresheims jüngstes Buch umfasst 99 Vexierbilder zum Thema Jenseitsreise. Und damit von vornherein klar ist, dass es nicht um Paradiesansichten geht, hat er seinem persönlichen Jenseits einen auch von der Wortbildung her eigenwilligen Namen gegeben: "Extramundi".

"Außerhalb der Welt" tummeln sich in Gerresheims Zeichnungen schräge Gestalten, die man schon von Hieronymus Bosch, James Ensor und den Surrealisten zu kennen glaubt. Und doch fügen sie sich jetzt zu einem Kosmos, dessen Kuriositäten aus dem Formenrepertoire von der Antike über die Renaissance bis eben zum Surrealismus zu stammen scheinen. Der untergründige Humor, der aus jedem dieser Blätter blitzt, kündigt sich meist schon im Titel an. "Die versetzten Götter" sind ein Torso, ein Skelett und ein Mensch, dem man die Haut abgezogen hat. In anderen Bildern mühen sich Gestalten zwischen Mensch und Tier mit Flugversuchen.

Dem "Spiel der Untoten und Wiedergänger" ist wie zuvor dem "Traum vom Fliegen" ein eigenes Kapitel reserviert. Auf Vogelmenschen trifft man auch dort. Hier und da haben sich sogar historische Persönlichkeiten nach Extramundi verirrt — in Gestalt von Vexierbildern, die Hieronymus Bosch, Cervantes oder Novalis gruselig in Szene setzen. Allenthalben treiben Skelette und Totenschädel ihr Unwesen, auch in der "Mythenstunde".

Und dann gibt es da noch — der Kirchenkünstler Gerresheim weiß, wovon er spricht — Heiligenscheine, die man anfassen kann, die sogar kollidieren und die richtig zu handhaben die Heiligen erst einmal erlernen müssen.

Am Ende nähert sich die Jenseitsreise der Auferstehung. Die Titel lauten jetzt "Aufstiegsplanung", "Auferstehungsphase", "Das Haus der Sterne" oder "Ein himmlisches Jerusalem?". Extramundi ist nun nicht mehr gar so todesdurchwirkt.

Bert Gerresheim jagt den Betrachtern seiner Blätter Schrecken ein, aber er hält sie auch bei Laune in ihrem Glauben an ein Leben danach.

(RP)
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