Kreuze und Werte

Kreuze und Werte

Der Kruzifix-Streit aus der Distanz: Dass die Kreuze nach dem Umzug ins neue Gericht nicht mehr in den Sälen angebracht wurden, hat die religiösen Gefühle vieler Bürger verletzt. Kreuze sind nicht überflüssig – als Zeichen eines langen Prozesses der Gesittung.

Man kann ein paar vernünftige Gründe dafür finden, dass die Düsseldorfer Richter keine Kreuze mehr in ihren Gerichtssälen haben wollen. In der Tat wird ja im Namen des Volkes Recht gesprochen und nicht im Namen Gottes. In unserer Geschichte war das eine mühsam erstrittene Errungenschaft. Es ist ein Gewinn, dass unsere Rechtsbücher, allen voran das "Bürgerliche Gesetzbuch", keine religiösen Vorschriftensammlungen sind. Stattdessen fassen sie die herrschenden Moralvorstellungen in Paragrafen und orientieren sich am allgemeinen Sittengesetz. Das zeigt zum Beispiel allen Angehörigen fremder Kulturen, dass bei uns nicht – wie in ihrer Heimat oft – religiöse Gesetze herrschen.

Diejenigen, die sich auf das christliche Abendland berufen, um die Kreuze zu rechtfertigen, sollten bedenken, dass das christliche Abendland – im Vergleich zu anderen Kulturen – gerade darin seinen Wert besitzt, dass es, zunächst gegen die Kirchen, die Idee der Toleranz zu einem seiner zentralen Werte gemacht hat. Deshalb dürfen die christlichen Kirchen heute auch guten Gewissens Toleranz von anderen Religionen fordern.

Was indes in der Öffentlichkeit weit über Düsseldorf hinaus Ärger und Protest auslöste, war der Umstand, dass die Kreuze nach dem Umzug ins neue Landgericht nicht mehr in den Gerichtssälen angebracht wurden. Das hat die religiösen Gefühle vieler Bürger verletzt. Sie haben es häufig als Geste des Verächtlichen verstanden, zumindest aber so, dass die Richter die Kreuze als unzeitgemäß ansahen. Dass dahinter letztlich ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts steht, ist in der Öffentlichkeit nicht angekommen.

An der nachfolgenden Debatte konnte man merken, dass nicht allen Richtern bewusst war, dass sie – bei aller Verweltlichung und richtiger Versachlichung der Rechtsprechung – doch auf den Grundlagen eines christlichen Menschenbildes Recht sprechen. Lediglich die Präsidentin des Oberlandesgerichts hatte dies begriffen.

Solange in unserer Geschichte das christliche Menschenbild in Geltung war, galt es als selbstverständliche Voraussetzung, dass der Mensch ein schwaches, sündiges Wesen ist, das während seines Erdendaseins viel Hilfe und Erziehung braucht, um nicht vom rechten Wege abzukommen. Und für diese Erziehung waren Elternhaus, Kirche, Schule und die umgebende Gesellschaft zuständig. Bei schweren Abweichungen sorgen bis heute die Polizei und die Gerichte für Strafe. Aber weil das dennoch alles meist nicht reichte, war der sündige Mensch am Ende noch auf die Gnade Gottes angewiesen.

Irgendwann im 18. Jahrhundert verfiel das Abendland in einem Anfall von kollektivem Wahnsinn der Idee, dass der Mensch nicht eigentlich sündhaft, sondern eigentlich gut sei. Er werde erst durch die gesellschaftlichen Verhältnisse verderbt. Damit war der Weg frei für all jene Irrtümer der Politik und der Erziehung, unter denen wir heute noch leiden. Erst mit dieser Idee des Schweizer Uhrmachersohns Jean Jacques Rousseau vom ursprünglichen Gutsein des Menschen war der politische Gedanke möglich, dass eine permanente Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse irgendwie auch zu lauter guten Menschen führen würde.

Diese radikale Abkehr vom skeptischen christlichen Menschenbild ist unendlich gut gemeint und hat doch in unserer Geschichte einen kaum abzuschätzenden Schaden angerichtet – unter anderem den Glauben verbreitet, dass eine gute Sozialpolitik die Wertevermittlung überflüssig macht. Das ist der zentrale Punkt jeder Diskussion über Werte.

Wir haben und brauchen diese Maßstäbe der christlichen Grundüberzeugungen deshalb, weil wir offensichtlich nicht von Hause aus gut sind und das Richtige tun. Und wir brauchen die Erziehungseinrichtungen wie Elternhaus, Schule, Kirche und auch Staat und Gerichte, damit wir nicht bloß unseren triebgesteuerten Impulsen folgen.

Gäbe es keine Gesetze, keine Gerichte, keine Polizei, so würden wir nicht etwa im Paradies, sondern in der Hölle leben. Auch das lehrt die historische Erfahrung.

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Kurzum: Eine richtige Erziehung lehrt uns, zwingt uns notfalls, unsere Triebe zu dämpfen, damit wir am Ende gut oder wenigstens einigermaßen gut miteinander auskommen.

Das ist schon viel. Aber es reicht immer noch nicht.

Denn wir erwarten ja von den großen Erziehern Familie, Schule, Medien, Kirche und Staat nicht nur, dass sie uns unsere Schlechtigkeit austreiben. Wir verlangen mehr: Wir brauchen positive Leitbilder, denen wir vertrauen und folgen können – also den Sinn für Menschenwürde, für Gerechtigkeit, für Erbarmen, für Toleranz, für Fairness, für Nächstenliebe. An der Stelle hat Rousseau wieder Recht.

Diese Wert-Herausbildungen entwickeln sich über Jahrhunderte, und nahezu alle kulturellen Schöpfungen der Menschen sind daran beteiligt: und zwar nicht bloß die Schule, sondern auch die Kunst, die Malerei, Theaterstücke, Romane, Kinder- und Jugendliteratur, der Sport nicht zuletzt. Und weil das so langsam geht, halten wir das Sittengesetz oft für etwas, was in unserer Natur liegt.

Nichts wäre falscher.

Im Gegenteil: Diese positiven Werte, Haltungen, Maßstäbe sind unserer Natur abgerungen, sind ihr abgetrotzt, müssen immer wieder neu zur Geltung gebracht werden. Diese Maßstäbe sind eben gerade nicht Natur. Sie sind Kultur oder Zivilisation.

Man sieht das daran: Immer wenn eine oder mehrere dieser großen Erziehungsinstitutionen schwach werden oder versagen, wenn wir gleichsam die Erlaubnis zur Missachtung von Grundwerten bekommen, führt das regelmäßig zu Katastrophen. So entstehen Pogrome und Schlimmeres.

Vielleicht sind Kreuze, auch in Gerichten, doch nicht überflüssig. Wahrhaftig nicht als Zeichen der Kreuzzüge. Aber als Zeichen eines langen Prozesses der Gesittung.

(RP)
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