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Dormagen: Kindergärtner sucht das Land

Dormagen : Kindergärtner sucht das Land

Von knapp 400 Erzieherinnen und Erziehern in Dormagen sind nur zwei Männer. Die Kommune will das ändern und beteiligt sich deshalb an einem bundesweiten Modellprojekt. Experten glauben, dass Kinder von männlichen Erziehern profitieren.

Christian Roy-Chowdhury ist ein Mann wie ein Baum: Knapp 1,90 groß, mehr als zwei Zentner schwer, das dunkle schulterlange Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. "Auf Feten machen sich meine Freunde manchmal den Spaß, Leute meinen Beruf erraten zu lassen", berichtet der 38-Jährige. Richtig getippt hat bislang noch niemand: Roy-Chowdhury ist Erzieher in der integrativen Kindertagesstätte Dormagen-Stürzelberg.

Männer sind selten in diesem Beruf. In Dormagen arbeiten nur zwei Kita-Erzieher. Damit liegt die Quote noch unter dem bundesweiten Schnitt von gut drei Prozent. Familienministerin Kristina Schröder will das ändern. Sie hat ein mit 13 Millionen Euro gefördertes Modellprojekt auf den Weg gebracht, das den Anteil von Männern in Kindergärten erhöhen soll. In Nordrhein-Westfalen beteiligt sich unter anderem das Jugendamt der Stadt Dormagen daran. Besonders Kinder alleinerziehender Mütter würden von Männern in Kindergärten profitieren, betont Jugendamtsleiterin Elisabeth Gartz: "Viele Kinder sind doch, bis sie in der Schule die Sekundarstufe II erreicht haben, nur von Frauen umgeben", sagt sie.

Leiter des Projekts "Mehr Männer in Kitas" ist Jens Krabel von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. Der Experte bestätigt die Einschätzung der Dormagenerin. "Kinder lernen am Modell", sagt Krabel, "da ist es wichtig, dass sie auch Männer in der Rolle als fürsorglichen Erzieher erleben." In skandinavischen Ländern weiß man das schon lange. In Norwegen und Dänemark liegt der Anteil männlicher Erzieher in Kitas über neun Prozent.

Dahin will Deutschland auch kommen. Eine von Krabel betreute Befragung weist nach, dass Männer grundsätzlich in Kindertagesstätten willkommen sind. Dabei fällt allerdings auf, dass Verantwortliche in den Trägereinrichtungen eine positivere Einschätzung der Befähigungen von Männern als Kita-Profis haben als Eltern. Der Aussage "Männliche Erzieher sind wichtig, weil sie Interessen und Sichtweisen haben, die in Kitas zu wenig berücksichtigt werden", stimmten etwa 53 Prozent der pädagogischen Führungskräfte, aber nur 30 Prozent der befragten Eltern zu.

Auch der Dormagener Roy-Chowdhury begegnet gelegentlich Vorbehalten bei Eltern. Die könnten, mutmaßt der begeisterte Motorradfahrer, aber auch mit seinem Äußeren zu tun haben. Eigentlich wundert ihn eher, dass es nicht auf mehr Skepsis stößt: "Ich muss mir ja auch selbst eingestehen, dass ich ein Auto lieber bei einem Mann als bei einer Frau kaufen würde." Von geschlechtsneutraler Erziehung hält der 38-jährige Single nichts: "Sowohl Mädchen als auch Jungen müssen die Gelegenheit haben, sich gegenüber dem anderen Geschlecht abzugrenzen." Die Kinder sollten auch lernen, dass Männer und Frauen unterschiedliche Herangehensweisen an viele Situationen haben.

Roswitha Schmidt ist Leiterin der Kindertagesstätte. "Christian traut den Kindern einfach mehr zu als wir Frauen", sagt die Erzieherin. Und er komme ganz selbstverständlich auf Ideen, die ihren Kolleginnen eher ferner lägen. Feuer machen, mit Wasser spritzen, Fußball spielen – da ist der Kindergärtner in seinem Element. Allerdings, so Schmidt, müsse er auch aufpassen, dass er nicht zu sehr im männlichen Rollenfach aufgehe und von den Kolleginnen als Hausmeister missbraucht werde.

Zu seinem Beruf fand Roy-Chowdhury eher zufällig: "Während meiner Gymnasialzeit musste ich einmal Fünftklässler bei einem Sportfest beaufsichtigen. Das war ein ganz toller Tag für mich. Und da ich keinen Bürojob wollte, habe ich mich eben zum Erzieher ausbilden lassen. Bereut habe ich die Entscheidung noch keinen einzigen Tag." Er findet, dass viel mehr Männer diesen Weg gehen sollten. Das größte Hindernis sieht er in der Bezahlung. Die Brutto-Gehälter liegen deutlich unter 3000 Euro, Aufstiegs-Chancen sind praktisch nicht vorhanden. "Alleine komme ich mit dem Geld klar", sagt Roy- Chowdhury, "aber eine Familie könnte ich davon nicht ernähren."

Dennoch klagt er nicht: "Das Beste sind doch die Kinder – und was man von ihnen zurückbekommt."

(RP)