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"Keiner weiß, wer er ist"

"Keiner weiß, wer er ist"

Morgen hat "Così fan tutte" an der Rheinoper Premiere. Das Stück ist der Auftakt eines Mozart-Zyklus. Die Inszenierung stammt von dem Opernregisseur Nicolas Brieger,

Die Qualität von "Così fan tutte" galt lange als strittig, auch der Text von Lorenzo da Ponte. Wie sehen Sie das?

Nicolas Brieger Das ist die Schwierigkeit des Stücks. Der Plot um zwei Männer, die mit einem Maskenspiel die Treue ihrer Frauen testen, war schon zur Entstehungszeit um 1790 der Schmarrn von vorgestern. Mozart hat sich auch nur an dieser abgestandenen Sex-Burleske beteiligt, weil er – mal wieder – Geld brauchte. Darauf muss man in einer Inszenierung reagieren.

Wie soll das gehen?

Brieger Das Entscheidende ist die Musik von Mozart. Die geht aus von dieser einfachen Behauptung, dass jeder, Frau wie Mann, fremd geht. Die Gefühle werden durcheinandergewirbelt, am Ende ist nichts mehr, wie es war. Es geht in dem Stück, wie ich es sehe, um sechs Personen, die die Liebe suchen und durch das Maskenspiel feststellen, dass es keine Beständigkeit der Gefühle gibt.

Verurteilt Mozart die Figuren dafür?

Brieger Gar nicht, es geht ihm nicht um Moral. Den Titel, der übersetzt "So machen es alle Frauen" lautet, verstehe ich als Provokation. Mozart hat viel von den Frauen gehalten. Es geht in der Oper nicht um den Betrug an den Partnern, sondern um den Selbstbetrug. Die Menschen können nicht treu leben.

Am Ende bleiben die Paare zusammen, obwohl sie jetzt ihre Abgründe kennen. Ist das ein versöhnlicher oder ein grausamer Schluss?

Brieger Er ist grausam, denn die Paare können nicht mehr zurück in den Zustand der Unschuld, den es vor dem Maskenspiel noch gab. Sie müssen lernen zu leben wie der ältere, zynische Don Alfonso. Die Figuren in "Così fan tutte" stellen einen Lebenslauf dar: Die jungen Paare sind am Ende da, wo Don Alfonso am Anfang schon war. Der Schluss ist aber auch schön: Wir sehen den Mensch in seinem vollen Ausdruck. Das ist auch der entscheidende Unterschied zu "Don Giovanni" und "Die Hochzeit des Figaro": In "Così fan tutte" spielt die Gesellschaft keine Rolle, sondern nur diese sechs Menschen.

Hat uns diese Oper von 1791 denn heute noch etwas zu erzählen?

Brieger Sie ist aktueller als je zuvor, denn heute wissen wir, dass jeder Mensch viele Persönlichkeiten in sich hat. So wurde im 19. Jahrhundert noch nicht gedacht. Ein Mensch ist nicht nur bestimmt von seinen Genen, sondern hat verschiedene Masken. In "Così" gibt es vielleicht nur ein Paar, das sich in sechs Figuren aufsplittet und – wie wir – in vielen Maskeraden durchs Leben geht. Am Ende sind alle in ihren Gefühlen verunsichert. Keiner weiß, wer er selbst ist. Und welchen Teil seiner Persönlichkeit der andere liebt: die Maske oder das, was sich dahinter verbirgt.

Können Menschen denn treu sein?

Brieger Nein. Manchmal ist die Idee von Treue nötig als Klebstoff für eine Beziehung, aber das funktioniert heute so wenig wie im 18. Jahrhundert, auch wenn man das nicht gern hören möchte. Die Liebe lässt mich für einen Augenblick durch die Augen des anderen sehen. Wenn sie schwächer wird, werde ich auf mich selbst zurückgeworfen. Dann wird mir bewusst, dass ich allein bin. Da sind die Ehe und andere Treueversprechen sind Mittel für Zwangsgemeinschaften.

Wie war denn ihre erste Zusammenarbeit mit GMD Axel Kober?

Brieger Beispielhaft schön. Man hat mit ihm keinen Hahnenkampf, es geht um die Sache. Er hat eine glückliche Art, Dinge durchzusetzen. Kober hat auch mit extremen Bühnenlösungen kein Problem, wenn es dem Stück dient.

Sie kommen vom Sprechtheater. Wie haben Sie sich zur Oper entwickelt?

Brieger Das ist eine heikle Frage, weil ich das Sprechtheater schätze. Aber im Musiktheater gibt es nicht diesen Anspruch, immer aktuell sein zu müssen. Die Oper ist sowieso künstlich, denn Politiker singen eben nicht. Sie zeigt andere Bereiche, sie lässt den Traum, die Landschaft hinter der Sprache erleben. Das hat mich mehr interessiert.

(RP)