Rosenmontagszug in Köln 2017: Pferd stürzt - Kritik der Tierschützer

Diskussion um Pferde im Karneval: "Dieser Aufriss ist doch Wahnsinn"

Gehören Pferde in einen Karnevalszug? Nachdem eines der Tiere im Kölner Rosenmontagszug zusammenbrach und in Bonn zwei Pferde mit einer Kutsche durchgingen, fordern Tierschützer erneut ein Verbot von Pferden im Karneval.

Es waren keine schönen Bilder, die am Rosenmontag durch die sozialen Netzwerke gingen. Ein Video zeigt das Pferd, das im Zug zusammengebrochen ist. Es liegt auf dem Boden, mehrere Mitglieder der Nippeser Bürgerwehr versuchen, es zum Aufstehen zu bewegen, sie zerren an dem Tier, treten sachte gegen seine Beine. Doch das Pferd schafft es zunächst nicht wieder auf die Beine. Eine Amtstierärztin gibt ihm eine Beruhigungsspritze, mit Hilfe der Feuerwehr wird das Tier in einen Anhänger gezogen.

Am Dienstagmorgen veröffentlicht die Nippeser Bürgerwehr drei Fotos und ein Video auf Facebook. Sie sollen zeigen: dem Pferd namens Querida geht es gut. Sein Reiter und der Kommandant waren am Montagabend im Stall, die Bilder zeigen, wie sie das Pferd streicheln, das wieder in seiner Box steht, "ohne gesundheitliche Blessuren", wie die Bürgerwehr mitteilt.

Es kommt immer wieder zu Unfällen mit Pferden bei Festzügen oder auch auf Schützenfesten. Im vergangenen Herbst ist in Neuss der Reitersieger Wolfgang Behmer beim Anreiten zum Ringstechen gestürzt. Das Pferd fiel auf den 55-Jährigen. In Roßleben in Thüringen gingen vor vier Jahren bei einem Karnevalsumzug drei Pferde durch, drei Menschen wurden schwer verletzt. 2013 wurde eine 22-Jährige schwer verletzt, als beim Straberger Schützenfest die Pferde einer Kutsche panisch wurden und losrannten.

Tierschützer fordern nun erneut ein generelles Verbot von Pferden im Karneval. Zumal es einen zweiten Vorfall gab: In Bonn gingen im Rosenmontagszug zwei Pferde mit einer Kutsche durch. Zwei Menschen wurden verletzt und mehrere Autos beschädigt. Eines der Pferde rutschte unter ein geparktes Auto und wurde dort eingeklemmt. Die Polizei sucht Zeugen, weil unklar ist, warum die Tiere plötzlich gescheut haben. Es gibt Hinweise, dass ein Mann einem der Pferde einen Schlag versetzt hat.

Drei Tierschutzorganisationen hatten bereits im Januar einen Antrag im Beschwerdeausschuss der Stadt Köln gestellt, keine Pferde im Rosenmontagszug mitlaufen zu lassen. Der Ausschuss lehnte ab. Das NRW-Umweltministerium fordert nun aber eine Überprüfung bei den Karnevalsveranstaltung in Köln und in Bonn: "Das Tierschutzgesetz und damit der Tierschutz gilt in allen Bereichen und damit natürlich auch bei Brauchtumsveranstaltungen", sagt Staatssekretär Peter Knitsch. Für den Vollzug der tierschutzgesetzlichen Regelungen seien die kommunalen Veterinär-Ämter zuständig. "Bei Vorfällen wie jetzt im Karneval muss daher überprüft werden, ob die Tierschutzbestimmungen eingehalten worden sind", so Knitsch.

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Die Tierrechtsorganisation Peta übt scharfe Kritik an den Veranstaltern des Rosenmontagszugs und forderte Behörden und Politiker auf, die Pferdenutzung bei künftigen Karnevalsumzügen generell zu untersagen. "Der Vorfall zeigt auf tragische Weise, dass Pferde beim Karneval nichts zu suchen haben", sagt Peter Höffken. "Pferde sind Fluchttiere und sehr schreckhaft. Laute Musik, fliegende Süßigkeiten, Menschenmassen setzen sie hohem Stress aus."

Auch Sara Beckmann von der Tierrechtsinitiative Köln findet, das Pferde generell nicht in einen Festtagsumzug gehören. "Das sind schöne Traditionen, aber sie sollten nicht auf Kosten der Tiere gefeiert werden." Beide Unfälle würden belegen, dass es schlicht auch gefährlich sei für Reiter, Zuschauer und Tiere. Beckmann war mit ihren Kollegen von der Initiative auch beim Kölner und beim Bonner Rosenmontagszug. Sie haben die Pferde gefilmt, um beweisen zu können, dass es alles andere als ein Vergnügen für die Tiere ist. "Manche hatten bläulich verfärbte Zungen, weil die Kandaren so stark angezogen wurden, ein Pferd blutete am Huf. Gleich zu Beginn des Zuges wurde ein Tier herausgenommen, weil es gestiegen ist." Fast alle Tiere seien nervös gewesen. "Das ist einfach unnötig."

Andrea Schnitzler sieht das anders. Sie betreibt einen Reiterhof in Langenfeld und verleiht ihre Pferde regelmäßig für Festtagsumzüge. Auch Querida, das gestürzte Pferd aus dem Kölner Zug, lebt auf ihrem Hof. 14 ihrer Pferde waren im Rosenmontagszug dabei. "Querida geht es gut, sie macht das schon sehr lange, ist gesund und munter. Wenn man ihr ein bisschen Zeit gegeben hätte, wäre sie von selbst wieder aufgestanden." Die Holländer-Stute sei ausgerutscht auf dem glatten Asphalt. Schon im Hänger auf dem Weg in die Klinik sei das Pferd von selbst wieder aufgestanden. Vorwürfe, die Stute könnte sediert gewesen sein, schmettert sie ab: "Es gibt strenge Auflagen, wir dürfen die Tiere gar nicht spritzen." Schnitzler hält die Reaktionen für schlicht überzogen. "Dieser Aufriss ist doch Wahnsinn. Und wenn ein Mensch hinfällt, gehen viele einfach vorbei."

"Dann hängen 450 im Kühlhaus"

Friesen und Kaltblüter würden nur für Veranstaltungen dieser Art und Shows gehalten. "Die Pferde haben doch gar keine Daseinsberechtigung mehr, wenn es heißt: Pferde raus aus dem Rosenmontagsumzug. Von den 500 Pferden in Köln hängen dann 450 im Kühlhaus", sagt Schnitzler. Das klingt drastisch, sie will aber auf die Doppelmoral hinweisen, die sie denjenigen unterstellt, die sich jetzt aufregen.

Die Auflagen seien streng, vor jedem Zug müssten Reiter und Pferd 35 Reitstunden absolvieren. "Wir üben in der Halle mit Musik, so dass die Pferde sich daran gewöhnen", sagt Schnitzler. Sie habe noch nie ein Tier "auf Biegen und Brechen zu Veranstaltungen geschleppt." Wenn ein Pferd zu nervös sei und sich nicht eigne, werde es nicht gezwungen.

Unterstützung bekommt Schnitzler in ihrer Haltung von den Grünen im Landtag. Der tierschutzpolitische Sprecher der Fraktion, Martin-Sebastian Abel, sagt: "Pferde gehören zum Karneval. In 99 Prozent der Fälle geht das ja auch gut. Ich bin dagegen, dass Einzelfälle immer gleich zu Verboten führen sollen." Man müsse der Eigenverantwortung der Halter vertrauen und könne davon ausgehen, "dass die selbstständig bemüht sind, alles zu unterlassen, was den Tieren schadet."

(hsr)
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