Kölschrocker Peter Brings kritisiert Olaf Scholz „Ein Kanzler, der nicht spricht, ist kein Kanzler“

Interview | Düsseldorf · Politik gehört zum Karneval wie der Spaß an der Freud und das Fisternöllchen, findet der bekannte Bandleader von Brings. Am Kanzler hat er einiges auszusetzen, aber er findet auch vieles gut, was die Ampel-Koalition macht. Ein Gespräch über die ernsten und lustigen Dinge des Lebens.

 Peter Brings von der Band "Brings" steht bei der ersten "Alaaf & Helau-Sitzung" im Kölner Gürzenich auf der Bühne. Die beiden Städte Köln und Düsseldorf verbindet eine Hassliebe.

Peter Brings von der Band "Brings" steht bei der ersten "Alaaf & Helau-Sitzung" im Kölner Gürzenich auf der Bühne. Die beiden Städte Köln und Düsseldorf verbindet eine Hassliebe.

Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Brings war bei der Aktion „Arsch huh“ dabei, als 70.000 Menschen in Köln gegen Rechtsextremismus demonstriert haben. Wie politisch darf ein Kölsch-Rocker sein, der sein Geld auch mit Karnevalsliedern verdient?

Brings Karneval ist Politik pur – in den Kostümen stecken ja Menschen mit ihren Sorgen und Ansichten. Die wollen nicht nur feiern. Denken Sie an Jacques Tilly aus Ihrer schönen Stadt Düsseldorf. Dessen Mottowagen sind das Beste, was es an Politiksatire am Rosenmontag gibt. Davon kann Köln nur lernen. Manche Karnevalsbands sind unpolitisch. Wir gehören nicht dazu.

Fotos - Demo in Köln: Zehntausende protestieren gegen AfD​
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Erneut Zehntausende in Köln bei Demos gegen die AfD

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Foto: Reinhard Kowalewsky

Hier engagieren Sie sich gegen eine bestimmte Partei – die AfD. Passt das zum Karneval?

Brings Wir haben bei dieser Demo alle wichtigen lokalen Musikbands zusammengebracht. Es ist schon beängstigend, wie eine verfassungsfeindlich anmutende Partei wie die AfD an Zustimmung gewinnt. Dem müssen wir als Demokraten etwas entgegensetzen. Da sind wir alle gefragt.

Demo gegen rechts Düsseldorf: 100.000 dabei – Fotos
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100.000 Menschen demonstrieren in Düsseldorf gegen Rechtsextremismus

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Foto: Andrea Röhrig/ Uwe-Jens Ruhnau/ Tanja Brandes/ Martin Ferl/ Julia Nemesheimer/ Emely Schrön/ Dorothee Krings/ Markus Henrichs/ Alexander Esch/ Antje Hönig/ Nicole Lange

Eine einzige Enthüllungsstory über das Potsdamer Geheimtreffen hat jetzt Millionen aufgerüttelt. Warum nicht früher?

Brings Wer von der Vertreibung von Millionen Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft spricht, bedient sich eines Nazi-Jargons. So deutlich war das bisher noch nicht. Und wenn Sahra Wagenknecht noch immer meint, nicht alle von der AfD haben diese Gesinnung, dann hat sie nichts verstanden. Wer Demokrat ist, darf nicht mit Nazis in einer Partei zusammenarbeiten.

Würde Brings bei einer Veranstaltung auftreten, wenn der Elferrat oder andere Verantwortliche im Verdacht stehen, Sympathien zur AfD zu haben?

Brings Bei Karnevalsveranstaltungen von AfD-Sympathisanten würden wir nicht auftreten. Aber bei den meisten Sitzungen wissen wir natürlich nicht, wie viele Besucher die AfD wählen oder das erwägen. Die tragen ja keinen blauen Punkt auf der Stirn.

Die Bauern haben mit Traktor-Blockaden gegen den Subventionsabbau der Ampelkoalition protestiert. Haben Sie dafür Verständnis?

Brings Zunächst einmal ist das ein Zeichen lebendiger Demokratie. Bei uns kann eben jeder gegen alles demonstrieren, sofern er oder sie sich an die Regeln hält. Bei den Bauern habe ich mich über zwei Dinge gewundert: Erstens waren mir zu viele Deutschlandfähnchen an den Traktoren. Es ging ja um eine Subvention, die Agrardieselvergünstigung. Zweitens fand ich es deplatziert, dem Wirtschaftsminister Habeck den Weg von der Fähre aufs Land zu versperren. Er brauchte sogar Polizeischutz. Die AfD-Chefin Weidel hat sich ohne jeden Schutz unter die Bauern am Brandenburger Tor gemischt. Und die will aus der EU und aus allen Agrarsubventionen aussteigen. Das ist schon etwas merkwürdig.

Alle sind unzufrieden mit der Ampelkoalition. Sie auch?

Brings Vorsicht. Es wird von der Ampel verlangt, dass sie innerhalb von zwei Jahren alle Versäumnisse der Merkel-Regierung korrigiert. Das ist doch unmöglich. Immerhin haben sie es geschafft, dass wenigstens wieder Windräder gebaut werden und die Klimawende vorangeht. Das findet keine Anerkennung. Dafür wird die Ampel von morgens früh bis abends spät nur gedisst.

Muss einem Olaf Scholz leidtun?

Brings Nein, überhaupt nicht. Niemand hat ihn gezwungen, Kanzler zu werden. Er mag ja sein Kabinett gut führen. Ein Kanzler muss aber rausgehen und den Menschen erklären, was passiert und was jetzt zu tun ist. Ein Kanzler, der nicht spricht, ist kein Kanzler. Er hat noch nicht einmal etwas dazu gesagt, dass Millionen jetzt auf die Straße gehen.

Karneval war früher eher unpolitisch, die Korps und Tanzgruppen sogar konservativ bis spießig. Was hat sich geändert?

Brings Gruppen wie die Bläck Fööss und die Höhner, später dann auch wir oder junge Bands wie Cat Ballou und Kasalla haben den Karneval jünger, lustiger und anarchischer gemacht. Jetzt ist es wirklich ein großes Fest für Jung und Alt. Als wir 2001 die Superjeilezick gebracht haben, waren die jüngsten Besucher auf Sitzungen so um die 40 Jahre alt.

Karneval ist aber auch ein massentouristisches Ereignis geworden. Fehlt da der Geist von früher?

Brings Nein überhaupt nicht. Städte wie Köln oder Düsseldorf müssen schon sehr attraktiv sein, wenn Tausende von jungen Leuten extra zu Karneval anreisen. Eine bessere Liebeserklärung gibt es ja gar nicht.

Machen Sie deshalb auch Lieder wie „Romeo und Julia“, die eher die romantische Seite ansprechen?

Brings Das gehört alles zusammen – die Politik, der Spaß an der Freud, die Liebe, das Leben, auch das Fisternöllchen, die Liebelei zu Karneval. Genau das wollen wir uns erhalten – mit allen Menschen, die hier leben. Deshalb spielen wir genauso gern auf Demos wie auf Karnevalssitzungen.

Sie machen ja auch Konzerte mit Klassikorchestern wie im vergangenen Jahr mit dem Beethoven-Orchester aus Bonn. Kommt Brings mit Streichern besser?

Brings Es hat unsere Herzen höherschlagen lassen. Am Anfang hatten wir ganz schön Respekt vor der Sache, denn außer unserem Drummer kann bei uns keiner richtig Noten lesen. Aber es hat funktioniert. Und gibt es etwas Schöneres, als auf dem Domplatz Musik zu machen?

Soll das Projekt weiter gehen?

Brings Im Sommer 2025 wollen wir gemeinsam mit dem Beethoven-Orchester ein Open-Air-Konzert auf einem Flughafen in der Eifel geben. Das wird ein ganz prägendes Erlebnis werden.

Sie werden demnächst 60 Jahre alt. Wie lange will Brings in der Besetzung noch weitermachen?

Brings So lange wir das gesundheitlich können. Kurzum: Su lang mer noch am Lääve sin.

Auch noch mit 80 wie Udo Lindenberg oder Keith Richards?

Brings Wenn wir das noch schaffen, warum nicht? Soll ich lieber im Ruhestand auf mein Ableben warten? Nein. Wir würden zwar nicht mehr 150 Konzerte im Jahr geben wie heute, aber einige schon. Stellen Sie sich vor, die Bläck Fööss würden mit ihrer alten Besetzung ein Konzert in Köln veranstalten. Da würden allein wegen denen so viele kommen wie bei der jüngsten Demo gegen die AfD. Das wäre generationsübergreifend – vom siebenjährigen Mädchen bis zum 80-jährigen Großvater. Das gibt es nur hier – oder bei den Rolling Stones.

Düsseldorf und Köln – gibt es neue Erkenntnisse darüber, wo der Karneval schöner ist?

Brings Von dieser Rivalität halte ich überhaupt nichts. Unser Manager kommt aus Düsseldorf, wir haben super Konzerte hier, alle sind textsicher. Und was ist schöner, als wenn Zehntausende Düsseldorfer und Düsseldorferinnen singen „Ich ben ne Kölsche Jung“.

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