Karneval in NRW: Fünf Jecken aus Düsseldorf, Mönchengladbach und Leverkusen zeigen uns Kostüme

Karnevals-Fundus geöffnet : Die berührenden Geschichten hinter den Kostümen der Jecken

Wer als Karnevalist etwas auf sich hält, bastelt Kostüme selbst. Fünf Rheinländer haben uns auf Dachböden und in Keller geführt und ihre Kisten, Koffer und Schränke geöffnet. Die Kostüme darin erzählen von Leben, Schweiß und Liebe.

Daniela Lörks (33), Düsseldorf

„Am liebsten sind mir Verkleidungen, die durch ein bestimmtes Detail auffallen. Für mein Pfauen-Kostüm habe ich zum Beispiel einen Federschweif gebastelt, der sofort ins Auge sticht. Inzwischen sind die Federn durch das Gedränge in den Kneipen etwas mitgenommen, die Wirkung hat aber nicht nachgelassen. In jeder Session kommt ein Kostüm dazu: In diesem Jahr werde ich mich als alte Dame verkleiden, da bastel ich gerade noch dran. Die ganzen Kostüme richtig zu verstauen, ist eine echte Herausforderung. Vor zwei Jahren wurde der Haufen einfach zu groß und chaotisch. Da musste Ordnung rein. Seitdem bewahre ich meine Kostüme sortiert in Kleidersäcken und in einer großen Kiste auf. So gehen auch die vielen Accessoires nicht verloren. Anhand der Fotos an den Kleiderbügeln kann ich sehen, was drin ist und die Sachen bei Bedarf schnell raussuchen. In meinem Freundeskreis bin ich für meinen Fundus bekannt. Jedes Jahr verleihe ich drei bis vier Kostüme an andere, auch für Mottopartys. Wegschmeißen könnte ich die Sachen nicht, dafür steckt zu viel Liebe und Geschichte in den Kleidungsstücken. Pro Kostüm investiere ich zwischen 50 und 100 Euro. Oft habe ich wilde Ideen, meine Mutter hilft mir dann beim Nähen und prüft auf Machbarkeit. „Der verrückte Hutmacher“ ist beispielsweise noch ein Traum von mir. Der wird mit seiner aufwendigen Jacke und dem hohen Hut aber eine Herausforderung beim Nähen. Einmal habe ich mich dem Gruppenzwang einer Clique gebeugt und ein Prinzessinnen-Kostüm getragen. Viel Pink, viel Glitzer. Das ist eigentlich nicht mein Stil. Mein Lieblingskostüm ist der Clown, weil ich dabei so eine schöne rote Perücke tragen kann.“


Familie Hamdorf, Eva (40), Sören (44), Luise (6), Ole (9), Mönchengladbach

Foto: Endermann, Andreas (end)

„Ein neues Familienkostüm für den Veilchendienstagszug in Gladbach ist bei uns Pflicht! Am zweiten Weihnachtsfeiertag beginnt die gemeinsame Ideensuche. In den letzten Jahren sind wir schon als wandelndes Meer mit Fischen gegangen oder als Schlümpfe. Luises Lieblingskostüm war, als sie das Rotkäppchen sein durfte, Bruder Ole war Wolf, Mama der Jäger und Papa die Großmutter. Wenn es in unserem Familienkostüm eine Männer- und eine Frauenrolle gibt, dann tauschen die Eltern die Geschlechter. Das ist einfach lustiger, finden wir. In unserem Keller stapelt sich ein gutes Dutzend durchsichtiger Kisten, so kann man von außen immer schon sehen, was drin ist. Luise hat außerdem noch eine Verkleidungskiste in ihrem Zimmer, damit spielt sie auch außerhalb der jecken Tage. Wenn die Kinder aus Kleidungsstücken rausgewachsen sind, kommen sie weg. 
Mutter Eva hat das Kommando über die Kostümgestaltung, ihr ist es wichtig, dass die Accessoires stimmen und alles gut zueinander passt. Vor einigen Jahren hat sie in einem Trachtengeschäft mal Lederhosen und Dirndl entdeckt, zack! Das Volksmusikanten-Kostüm war geboren. Oft kommt die Inspiration aber auch einfach beim Shoppen im Kaufhaus. Zu Beginn der Planung setzen wir uns ein grobes Budget, das wir bereit sind, auszugeben. Aber je näher der große Tag rückt, desto mehr ufert es aus. Es muss aber nicht immer etwas neu gekauft werden: Evas Hochzeitskleid wurde auch schon zum Barbie-Kostüm umfunktioniert. Selbst Vater Sören, der eigentlich aus Norddeutschland kommt, ist inzwischen richtig jeck und hat oft die besten Ideen. Ihm ist es wichtig, dass die Kostüme einen gewissen Witz haben. Stereotype Verkleidungen wie Mönch und Krankenschwester findet er eher langweilig. Und klar, die Eltern vererben den Wahnsinn an ihre Kinder weiter: Je älter Ole wird, desto wichtiger ist es ihm, dass die Kostüme cool aussehen. Als Familie halten wir es in diesem Jahr klassisch und werden Ringelclowns.“


Brigitte Steingräber (61), Leverkusen

Foto: Endermann, Andreas (end)

„Als ich vor zwei Jahren umgezogen bin, habe ich viele Kostüme aussortiert. Trotzdem reicht der Platz in meinem schmalen Keller eigentlich nicht aus. Aber irgendwie kriege ich die Kisten doch immer zwischen Klarspüler, Prosecco und Werkzeug verstaut. Ich bin mit dem Karneval aufgewachsen. Meine Mutter war Schneiderin und ein echtes kölsch Mädche. Vielleicht kommt daher meine Leidenschaft für opulente Verkleidungen. Besonders stolz bin ich auf mein Cupcake-Kostüm. Als wandelndes Gebäck-Teilchen mit viel Tüll war ich ein echter Hingucker. Auch die Verkleidung von letztem Jahr finde ich gelungen: Da bin ich als Badeschaum gegangen. Mehrere Wochenenden habe ich damit verbracht, Wattebällchen und Quietscheentchen auf ein T-Shirt zu nähen. Ein gutes Kostüm muss für mich bequem und praktikabel sein. Perücken eignen sich für draußen beispielsweise eher schlecht. Kommt man einmal in einen Regenschauer, ist die Haarpracht hinüber. Gerade für den Straßenkarneval ist es wichtig, dass Handy und Portmonee sich gut verstauen lassen. Mein Outfit als Lappenclown ist zwar simpel, erfüllt aber diese Kriterien. Das Meerjungfrauen-Kostüm hingegen werde ich wohl nie wieder anziehen, obwohl es aufwendig mit Pailletten bestickt ist. Es war einfach zu eng, ich konnte mich nicht gut bewegen und habe geschwitzt wie eine Matrone. Als Chefsekretärin der Rheinischen Post habe ich vor zwei Jahren sogar mal den Kostümwettbewerb des Verlags gewonnen. Da war ich als Strand-Party verkleidet und hatte einen großen Schwimmring um die Hüften. Ein paar Utensilien von der Stange habe ich auch in meinem Fundus, das finde ich nicht schlimm.“


Jürgen Thielmann (63), Düsseldorf

Foto: Endermann, Andreas (end)

„In meinem Keller stapeln sich Kisten aus mehreren Jahrzehnten Karnevalsleidenschaft, auch die Schränke sind voll. Und jedes Jahr kommt ein Kostüm dazu. Seit sechs Jahren bin ich als Mitglied sogar für die Kostüme der schwul-lesbischen Karnevalsgesellschaft KG Regenbogen zuständig. Wenn ich über die Jahre eins gelernt habe, dann das: Das Wichtigste sind die oberen zwei Drittel einer Verkleidung, die nehmen die Leute wahr. Welche Schuhe oder Hose man getragen hat, weiß später niemand mehr, aber an die Hüte können sich alle erinnern. Besonders viel Arbeit stecke ich daher in meine Kopfbedeckungen, die diesjährige besteht aus 26 Einzelteilen. Außerdem liebe ich Glitzer! Jedes meiner Kostüme funkelt an irgendeiner Stelle, sogar der Römerpanzer von dieser Session ist mit Strass beklebt. Besonders stolz bin ich auf mein asiatisches Kostüm – ein schwarzes Gewand mit edlen Ärmeln in rot und blau. Bei den Stoffarbeiten lasse ich mir von einer Schneiderin helfen, Nadel und Faden sind nicht mein Ding. Auf den letzten Drücker arbeiten kann ich gar nicht. Meistens kommen mir schon im Sommer die ersten Ideen für neue Kostüme, dann kribbelt es schon wieder in den Fingern. Die kreative Arbeit im Kostüm-Team der KG Regenbogen macht mir besonders viel Spaß, da komme ich richtig in Stimmung. An Aschermittwoch bringe ich die Kostüme in die Reinigung. Danach kommen sie sauber wieder in den Keller und dürfen sich erholen, wie wir Jecken auch.“


Bernd Gothe (78), Mönchengladbach

„Als ehemaliger Präsident des Mönchengladbacher Karnevalsverbands habe ich natürlich viele Abende in Uniform bestritten. Aber wenn um mich herum alle anderen kostümiert sind, habe ich auch keine Lust mehr auf Anzug und Fliege. Dann ist es schon mal vorgekommen, dass ich – sobald der offizielle Teil einer Sitzung vorüber war – draußen auf dem Parkplatz in ein Kostüm gewechselt bin. In meinem Keller befinden sich mehrere tausend Orden und ein alter Koffer mit bunten Utensilien. Mit fast jedem Stück verbinde ich eine Erinnerung. Einmal wurde ich auf die Sitzung eines schwul-lesbischen Vereins eingeladen, und habe mir dafür ein Federgerüst in Regenbogenfarben gebaut, das ich auf den Schultern trug. Als Gastgeschenk wurde mir ein Paar pinke Lackpumps in Größe 47 überreicht, mit denen ich dann ein paar Meter über die Bühne staksen musste. Die Pumps habe ich immer noch, ziehe sie aber zugegebenermaßen selten an. Besonders am Herzen liegt mir eine englische Schuluniform, die ich von meinem Vater geerbt habe. Die blaue Jacke mit dem weißen Kragen wird also seit knapp hundert Jahren als Kostüm in den Gladbacher Karneval ausgeführt.

Foto: Endermann, Andreas (end)

Außerdem hatte ich immer Spaß daran, in meiner Position mit Kostümen zu provozieren, die Etikette hinter mir zu lassen. Mit meiner Lebensgefährtin habe ich mich mal als Rocker verkleidet. Als wir in unserer schwarzen Lederkluft auf einer Veranstaltung auftauchten, gab es geteilte Reaktionen. Einige fanden es mutig, andere nicht angemessen. Vor einigen Jahren hat eine Schneiderin mir ein Schneewittchen-Kostüm für meine Körpergröße genäht. Zusammen mit sieben Damen aus unserem Freundeskreis, die allesamt als Zwerge verkleidet waren, sind wir einen Abend als wandelndes Märchen durch die Kneipen gezogen.“

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