Karneval 2018 - Kölle Helau oder Düsseldorf Alaaf?!

Karneval: Kölle Helau oder Düsseldorf Alaaf?!

Die Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf ist legendär – besonders beim Karneval. Wir haben einen Düsseldorfer nach Köln und einen Kölner nach Düsseldorf geschickt. Dies sind ihre Erlebnisse.

Kölle Helau

Hier berichtet der Düsseldorfer Thorsten Breitkopf aus Köln.

Köln ist anders. Das zeigt schon die Fahrt im Zug, also in einem echten Zug, nicht im Zoch, von Düsseldorf nach Deutz. Gut eine Woche vor den tollen Tagen am helllichten Tag im Lackschuh-Karnevals-Dress mit Narrenkappe - das erregt ein bisschen Aufsehen in der NRW-Hauptstadt. Vielleicht liegt es auch an der Dose Früh-Kölsch, die ich als Zeichen rheinischer Versöhnung (und zur Gewöhnung) bei mir trage. Am Düsseldorfer Hauptbahnhof wird man in etwa so angeguckt, als hätte man sie nicht mehr alle.

Das lässt mit jeder Haltestelle Richtung Dom nach. Nicht nur, dass den Kölnern so viele Tage vor Altweiber ein Kostümierter gar nicht auffällt - kurz hinter Leverkusen sind die Unverkleideten flugs in der Minderheit.

Köln ist anders. Das zeigt auch der Besuch der "Lachenden Köln-Arena". Allein das Betreten lehrt den Düsseldorfer Demut. Weit mehr als 10.000 Menschen drängen sich auf den Rängen. Und das 13 Mal pro Session. In manchen Jahren kamen 200.000 Besucher - mehr als Krefeld Einwohner hat.

Ich erwarte eine brillante Begrüßungsrede eines mit Orden behängten Ober-Präsidenten. Doch es kommt ein älterer Herr im Frack auf die Bühne, dessen einzige Aufgabe es ist, Dutzende Vereinsnamen zu nuscheln, um dann frenetisch "Köllleeee" zu rufen, um dann ein gigantisches Echo aus der Arena zu erhalten. Kein Witz, kein Aufwärmer, keine Tanzmariechen. Von einer Sekunde auf die andere ist die Karnevalsmaschine angesprungen. Im Sekundentakt ziehen Garden und Korps ein wie bei der Eröffnung der Olympischen Spiele. Nur dass es keinen Kommentator gibt, sondern nur den kleinen Mann der "Köllleee" ruft und nicht lange auf das durch die Arena rollende "Alaaf" der Massen warten muss. Das Dreigestirn, das ebenfalls auftritt, mögen Düsseldorfer für zu viel halten, doch fairerweise muss man sagen, dass Köln fast doppelt so groß ist wie Düsseldorf. Rein statistisch können sie es sich erlauben.

Dann kommt die zweite Überraschung. Denn in der "Lachenden Kölnarena" wird viel Musik geboten. Brings, Querbeat und Höhner (kenn ich schon aus der S-Bahn). Stimmung machen die, aber zum Lachen? Einen einzigen Redner gibt es. Und der ist auch nicht lustiger als der Stadionsprecher der Esprit Arena. "Schunkel-Grölende Kölnarena" wäre wohl der treffendere Name für diese Veranstaltung. Spaß macht sie trotzdem.

Endlich spricht mich auch eine junge Frau auf meine etlichen (schönen und schweren) Orden an. Die hat mir Düsseldorfs Ex-Prinz Rüdiger I., genannt "der Spritzenprinz" (weil er Orthopäde ist), nur ausgeliehen. Reine Protzerei. Sie bleibt die Einzige. Düsseldorfer Orden sind in Köln so viel wert wie venezoelanische Bolivar nach einer Hyperinflation. Und als ich der Frau sage, dass ich mich als Düsseldorfer inkognito bewege, entpuppen sich die Dame und meine ganze Sitzreihe als Nicht-Kölner. Nicht mal Imis, wie die nicht in Köln geborenen, aber dort lebenden genannt werden, sondern Fremde, aus Lindlar, Hürth, Bergisch Gladbach und Gummersbach. Das "Kölleee-Brüllen" beherrschen auch sie perfekt. Eine Eingemeindung der Herzen.

Köln ist anders. Immer wieder. Der nächste Gang führt zur Immi-Sitzung. Dort sind die "Fremden" die Veranstalter. Die müssten also Verständnis für einen Düsseldorfer in Köln haben. Grundsätzlich stimmt das auch. Also dass die Präsidentin Brasilianerin ist und andere Akteure aus Ägypten, der Türkei oder sonst woher kommen, war mir schon bewusst. So wundert es mich auch nicht, dass mir ein freundlicher Mann vom Veranstalter bei einem Glas Kölsch erklärt, wie tolerant sie wirklich sind. Denn man habe sogar einen (er erhebt die Stimme) Düsseldorfer im Ensemble. Der heiße Robby Göllmann, würde aber nicht gesehen, weil er nur der Puppenspieler ist, und dürfte obendrein nur mit französischem Akzent sprechen. Aber sonst: sehr tolerant seien sie. Im Karneval ist dem Kölner Brasilien dann doch näher als die Landeshauptstadt.

Und anders als in der Lachenden Arena ist hier Lachen auch Programm, wenngleich auch nicht immer. Denn es geht sehr politisch zu. Vor allem sehr politisch korrekt. Der Besuch einer Düsseldorfer Herrensitzung würde die Mehrzahl der Besucher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an den Rand der Empörung inklusive demonstrativem Verlassens des Saales bringen.

Köln bleibt anders. Denn auch diese alternative Sitzung ist ein Geschäftsmodell. Mehr als 23 Mal pro Session wird das immer gleiche Programm dargeboten, nicht von Hobby-Narren, sondern von Profi-Schauspielern. Köln ist die Hauptstadt der Karnevals-Industrie. Alaaf!

Der Autor Thorsten Breitkopf (40) ist Wirtschaftsredakteur, gebürtiger Bergischer und seit zehn Jahren Wahl-Düsseldorfer. Den Karneval erlebt er seit einigen Jahren als Senator der Prinzengarde Blau-Weiss.

Düsseldorf Helau

Der Wahl-Kölner Stefan Worring war in der Landeshauptstadt bei einer Herrensitzung, beim Biwak und in der Kneipe unterwegs. Dies ist sein Bericht.

"Ich kumm us däm Dorf
öm dä Dom röm"

Kasalla, "Stadt met K"

Schöne Helena, wo bleibst du? Schon zwei Nummern sind ohne dich gelaufen. Noch sind die 650 Herren geduldig, die an langen Tischen sitzen und sich das Bier aus Pittermännchen selber zapfen.

Sonntagmorgen, 10.21 Uhr in den Düsseldorfer Rheinterrassen, die Herrensitzung eines Vereins läuft seit einer halben Stunde. Eine Kleiderordnung scheint es nicht zu geben: Anzugträger mit Narrenkappen treffen auf Clubs mit bedruckten Shirts, so manches scheint bei der letzten Wäsche eingegangen zu sein. Kostüme sind selten, der Altersdurchschnitt ist Ü 50.

Wiljo Mooreen und seine Kumpels aus Dormagen haben FC-Trikots an, fahren zum Karneval mal nach Köln, mal in die Landeshauptstadt. "Macht Spaß hier, die Redner sind okay", sagt er, "nur Musik können sie in Düsseldorf nicht." Und Büttenredner Jens Singer ergänzt: "Die Düsseldorfer hören einfach besser zu als die Kölner", lobt der hauptberufliche Regierungsdirektor, der zwar heute nicht auf dem Programm steht, der aber zwischen NSA- und Amri-Ausschuss als "Dä Schofför der Kanzlerin" durch die Säle beider Städte zieht.

Und dann kommt sie doch noch, die schöne Helena, das Nummerngirl, in schwarzer Wäsche und auf High Heels - die Rheinbahn hatte Verspätung. Der Saal johlt. "Ruhig, sie kommt ja gleich wieder", freut sich der Sitzungsleiter und kündigt Oli, den Köbes, an, der knallhart beim Thema bleibt und über Sex witzelt, Selbstbefriedigung, Bordelle und äh - Sex. Der Mann verkauft das gut, aber da wundert sich der Kölner schon etwas, sowas hat er im Gürzenich noch nicht erlebt.

"Denn ich bin
nur ne kölsche Jung"
Brings, "Kölsche Jung"

Im dichten Schneetreiben geht es zum Funkenbiwak der Prinzengarde auf den Marktplatz. Musik von Höhnern, Brings oder Querbeat begleitet vom Band die Auftritte der Korps und Tanzgruppen. Wir bekommen erste Nachhilfe im Düsseldorfer Karneval, denn der Tonnenbauer nebst -bäuerin und Garde aus Niederkassel zieht mit großer Entourage in Klompen (= Holzschuhe) auf. Mit der Tonne, einer Art Fass auf Schubkarre, hat man früher auf den Feldern die Gülle verteilt. Noch heute gibt es Karnevalssonntag ein Tonnenrennen. So sieht Tradition aus. Die wohl dem Wetter geschuldeten nur etwa 200 bis 300 Besucher applaudieren zurückhaltend, aber freundlich. "Der Düsseldorfer tut sich schwerer", sagt Hannelore Löffler, "er feiert, wenn die Zeit da ist. Wir müssen erstmal warm werden."

Auftritt Prinz Carsten und seine Venetia Yvonne beim "größten rheinischen Gardetreffen": Sie fahren mit staatsmännisch schwarzen Mercedes-Limousinen vor und werden von einer kleinen Equipe zur Bühne eskortiert. Man lobt sie "für die unendliche Freude", die sie verbreiten, gratuliert ihm zum dritten Kind und ihr zum heutigen Geburtstag. "Düsseldorf, Helau!" Artig bedankt sich Yvonne: "Ihr tragt uns durch die Säle." Das gerät alles so kühl wie die Außentemperaturen, vielleicht liegt es auch an den 19 (!) Auftritten, die das Paar am Vortag zu bewältigen hatte. In den Abgang der Tollitäten platzt der Spielmannszug der Kölschen Funken rut-wieß, gefolgt von einem 100-köpfigen Aufgebot. Markus Ritterbach, Ex-Präsident des Kölner Festkomitees und heute Kommandant, kann sich ein Grinsen nicht verkneifen: "Dass wir hier in der Überzahl sind, konnten wir nicht ahnen."

"Drink doch eine met,
stell dich nit esu an"
Bläck Fööss, "Drink doch eine met"

Weiter geht es zum "Närrischen Frühschoppen" im "Goldenen Kessel", dem Stammhaus der Brauerei Schumacher. Hier herrschen Zustände wie auf dem Kölner Autobahnring, es droht der Kollaps. Wir treffen seine Durchlaucht, Sellerieprinz Manfred I. (54). Er schwärmt vom großen Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly, vom kleinsten Zug der Stadt in Itter ("Drei Wagen, fünf Fußgruppen, super!"). Oder Eva Hlouschek (30), die für ihre Bürgerwehr einen Brauch wiederbelebt, der 54 Jahre ruhte: das Gerresheimer Grafenpaar. Die smarte junge Frau ist beruflich in der Computerbranche unterwegs, und liebt in der Freizeit das Abtauchen in die Traditionen des Karnevals. Oder Jochen Kücking (84), seit vielen, vielen Jahren Stammgast im Schumacher. "Rivalität mit Köln? Ist doch alles Quatsch", sagt er, das sei "künstlich gemacht wie bei Schalke und dem BVB".

In der Kneipe kommt alles zusammen, hier ist man nah an der Ursuppe des Karnevals. Hier kann der, der sich darauf einlässt, erleben, warum rheinischer Karneval Weltkulturerbe ist, ob Heimathirsch oder Imi, ob Düsseldorfer oder Kölner.

Der Autor Stefan Worring (59) ist Fotograf und stellvertretender Kölner Lokalchef. Seit über 35 Jahren Imi aus Kurpfalz, hat einen Bildband über Karneval veröffentlicht und gehört seit vielen Jahren zum Jecken-Team des "Kölner Stadt-Anzeiger".

Hier geht es zur Bilderstrecke: So feiern die Düsseldorfer Karneval

(RP)