Triales Studium „Freizeit hatte ich nicht so viel“

Sie gehört zu den ersten, die das triale Studium an der Hochschule Niederrhein abgeschlossen haben: Lina Höttges machte eine Ausbildung im Handwerk, studierte Betriebswirtschaft und hat ihren Meister als Fahrzeuglackiererin – und das alles gleichzeitig.

 Lina Höttges ist die erste Absolventin des trialen Studiums.

Lina Höttges ist die erste Absolventin des trialen Studiums.

Foto: Ingo Lammert

In zehn Semestern über den Lehrling zum Meister samt Bachelorabschluss – das triale Studium der Hochschule Niederrhein unterstützt junge Menschen, die sich für eine Karriere im Handwerk interessieren, auf ihrem Weg zum eigenen Unternehmen. „Diese Kombination aus Handwerk und Betriebswirtschaft war es auch, die mich stark angesprochen hat“, sagt Lina Höttges. Die heute 26-Jährige startete vor gut fünf Jahren ins triale Studium, nachdem sie bereits ausgebildete Fahrzeuglackiererin war. Nun ist sie die erste, die das anspruchsvolle Programm abgeschlossen hat.  „Der Studiengang ist unheimlich vielseitig, man erhält alle wichtigen Qualifikationen, die es braucht, um im Handwerk erfolgreich zu sein, in einem Paket. Ein reines BWL-Studium ohne den Aspekt Handwerk hätte mich definitiv nicht so stark angesprochen.“

 Dabei ist das Pensum, das es im trialen Studium zu bewältigen gilt, nicht zu unterschätzen: Neben der Ausbildung im Betrieb findet das Studium am Freitagnachmittag sowie am kompletten Samstag statt. „Mit dem Studium habe ich die Gesellenprüfung als Karosseriebauerin begonnen, danach kam die Meisterschule. Die habe ich dann tagsüber in Vollzeit absolviert, einen Teil aber auch noch in der Abendschule“, sagt Lina Höttges. „Freizeit hatte ich also tatsächlich nicht so viel. Das eint uns triale Studierende und macht uns zu einer starken Truppe. Auch wenn wir von den Gewerken her eine bunte Mischung sind, vom Schreiner bis zum Maler, haben wir doch alle ähnliche Ambitionen und unterstützen uns, wo wir können.“

 Der Lohn für die Mühen sei die hohe Anerkennung ihrer Leistungen durch andere, so Höttges: „Egal, wo man davon berichtet: Das triale Studium ringt doch allen sehr viel Respekt ab. Vor allem als Frau ist es im Handwerk immer noch schwierig, nicht immer wird man respektiert. Man muss sich ständig beweisen, ist oft die einzige Frau unter Männern. Das triale Studium bringt einem aber – gerade als junge Frau – die nötige Anerkennung. Und dann traut man sich auch, seine Meinung zu sagen.“ Denn schließlich sind die Absolventen nicht nur Experten ihres Fachs, sondern durch das Bachelor-Studium gleichzeitig in Sachen Unternehmensführung und Unternehmensstrategie auf dem neuesten Stand.

 Ursprünglich hatte Lina Höttges das Studium auch absolviert, um den großväterlichen Betrieb zu übernehmen, in dem sie schon seit ihrer Jugend mitarbeitete. „Das hat aber leider nicht geklappt.“ Stattdessen ebnete ihr das triale Studium einen Weg in einen Bereich, über den sie vorher gar nicht nachgedacht hatte: in die Lehre. „Tatsächlich unterrichte ich inzwischen selbst an der Meisterschule der Handwerkskammer Düsseldorf, nachdem mich einer meiner Dozenten darauf angesprochen hat“, sagt die 26-Jährige. „Seit drei Jahren gebe ich Kurse im Bereich Fahrzeuglackierung. Das wäre ohne das Studium niemals möglich gewesen. Ich bin froh über diese Möglichkeit, mein Wissen weiterzugeben und auch Vorbild zu sein.“

 Ihre Bachelorarbeit hat die Mönchengladbacherin über die Frage geschrieben, warum Betriebsübernahmen in der Familie oft scheitern – das Thema hat sie auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen gewählt. „Und auch deshalb, weil es im Handwerk derzeit ein großes Thema ist, in den kommenden Jahren werden viele Betriebe in diese Situation kommen.“ Und so hat das triale Studium Lina Höttges auch noch einen weiteren Berufsweg aufgezeigt: „Es muss gar nicht mehr die eigene Werkstatt sein – auch wenn das immer noch ein schöner Gedanke für die Zukunft ist. Aber nun kommt für mich auch eine beratende Tätigkeit in Frage, für eine Gruppe von Unternehmen oder in der Industrie. Dort kann ich auch meine Expertise zum Thema Betriebsübernahmen im Handwerk einbringen. Auch dieser Weg ist nur durch das Studium möglich geworden und durch die Kontakte, die ich vielseitig knüpfen konnte.“

 Das triale Studium an der Hochschule Niederrhein beginnt jährlich zum Wintersemester und dauert insgesamt fünf Jahre. Im ersten Studienjahr sind die trialen Studierenden nur einen Tag an der Hochschule  – neben drei praktischen Tagen im Ausbildungsbetrieb und zwei Tagen am Berufskolleg. Ab dem dritten Semester reduziert sich der Besuch am Berufskolleg auf einen Tag; nach dem fünften Semester legen die Studierenden ihre Gesellenprüfung in ihrem Gewerk vor der Handwerkskammer ab. Auch danach bleibt das Pensum hoch: Neben Praxis im Betrieb und Theorie an der Hochschule kommt dann der Besuch der Meisterschule dazu. „Das triale Studium ist nicht leicht, aber es bereitet perfekt auf die Selbstständigkeit vor“, sagt Harald Vergossen, Koordinator des trialen Studiums an der Hochschule Niederrhein.

 Besonders beliebt ist das Studium übrigens in Kombination mit einer Berufsausbildung zum Tischler/in, Elektroniker/in, KFZ-Mechatroniker/in und Anlagenmechaniker/in SHK, aber auch die Verbindung mit anderen Ausbildungsberufen ist möglich. Für Unternehmen ist das Studium vor allem deshalb attraktiv, weil sie in Zeiten des Fachkräftemangels den Fach- und Führungskräftenachwuchs während der gesamten fünf Jahre an sich binden – und die Bachelor-Absolventen samt Meistertitel auch nach dem Studium dem Betrieb oft treu bleiben.

Absolventin Lina Höttges empfiehlt Schülern und Schulabgängern eine Ausbildung – auch nach dem Abitur. „Stürzt euch in eine Ausbildung eurer Wahl. Mit einer Ausbildung gewinnt man einen guten Einstieg in ein Arbeitsleben, das dann umso erfüllender und erfolgreicher verläuft, je mehr Interesse und Motivation man mitbringt.“

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