Studienabbrecher erzählen Scheitern als Chance

Bonn · In Deutschland bricht jeder Dritte einmal sein Studium ab, doch die Angst davor ist bei vielen groß. Vier Studenten beziehungsweise Ex-Studenten erzählen von ihren Zweifeln und davon, welche Möglichkeiten sich für sie ergaben.

 Verrannte sich wegen zu hoher Erwartungen: Anna Olenberger

Verrannte sich wegen zu hoher Erwartungen: Anna Olenberger

Foto: Uni Bonn

So richtig Lust auf ein Studium hatte Lars Spilles nach dem Abi­tur eigentlich nicht. Aber für seine Familie war klar: Mit dem Abi in der Tasche studiert man auch. Er entschied sich für ein Informatikstudium. Doch nach privaten Schicksalsschlägen und einem lukrativen Nebenjob geriet das Studium langsam, aber sicher aus dem Fokus. Nach 14 Semestern war die Entscheidung getroffen, das Studium abzubrechen. Vertane Zeit? Nicht für Lars Spilles: „Erst die 14 Semester haben mich dazu befähigt, herauszufinden, was ich wirklich tun will.“ Und das ist eine Ausbildung als Fachinformatiker.

Seine Geschichte erzählte der 28-Jährige bei der ersten „Fuckup Night“ der Universität Bonn. „Fuck­up Nights sind ein Format der Gründerszene, bei dem Unternehmer über ihre gescheiterten Geschäftsideen sprechen und anderen damit auch Mut machen und zeigen wollen, dass Scheitern zum Leben dazugehört“, sagt Theresa Fabian von der Zentralen Studienberatung der Universität Bonn. „Das Format haben einige Unis für sich entdeckt und auf das Thema Studienzweifel übertragen.“

Vier Teilnehmer schilderten in Bonn ihre Geschichten von Studienzweifeln und Studienabbruch. „Und das auf sehr persönliche Weise“, sagt Theresa Fabian. „Wir wollten mit dem Format zeigen: Studienzweifel sind normal und nichts Schlimmes – schließlich bricht jeder dritte Student in Deutschland sein Studium ab, es ist Alltag in der Studienberatung. Und die vier Betroffenen haben den Zuhörern ihren persönlichen Weg geschildert, wie sie damit umgegangen sind. Vielleicht hat das dem einen oder anderen geholfen und gezeigt: Ihr seid nicht allein.“ Denn eine Umfrage im Publikum der Bonner „Fuckup Night“ zeigte: 85 Prozent der Besucher hatten schon mal Studienzweifel, und 77,4 Prozent davon noch keine Unterstützung in Anspruch genommen.

Auch Florian Müller fühlte sich lange Zeit allein mit seiner Ziellosigkeit: „Mein Studium zum Wirtschaftsingenieur hat mir Spaß gemacht, aber nach etwa vier Semestern klafften Erwartungen und Realität weit auseinander.“ Viele Klausuren schob er auf, in einigen Fächern erhöhte der dritte Prüfungsversuch den Leistungsdruck. Die Semester verstrichen, immer neue Projekte wurden begonnen: Sprachkurse, Werkstudentenjob – der Abschluss zögerte sich hinaus. Nach 14 Semestern sah sich Müller in einer Zwickmühle. Zu viel Zeit war in das Bachelorstudium geflossen, doch seine Leidenschaft entdeckte er erst über diese Umwege: Zwar hat er den Bachelor mittlerweile in der Tasche, seit drei Semestern studiert er nun allerdings Asienwissenschaften. Was andere davon halten, ist dem Studenten mittlerweile egal: „Wichtig ist, dass ich weiß, was meine Ziele sind und dass ich diese Ziele selbst definiert habe – und niemand anderes.“

Auch Lara Töppich kannte Zweifel seit Beginn ihres Psychologiestudiums. Zu Beginn noch euphorisch, kam sie schnell an den Punkt, „nächste Woche alles hinzuwerfen“. Während Kommilitonen immer klarere Vorstellungen bekamen, welchen Fokus sie wählen, schloss Töppich mehr Bereiche für sich aus. Nach dem Bachelorabschluss waren die Zweifel so groß, dass neben einem möglichen Master auch alternative Wege wie eine Schauspielausbildung oder ein Freiwilliges Soziales Jahr zu konkreten Gedankenspielen wurden. Sie entschied sich fürs „Dranbleiben“, doch dies gelang erst über Umwege als sie im Master von der Universität Wuppertal wieder nach Bonn wechselte.

Anna Olenberger erzählt, wie sie letztlich an Ihren eigenen Erwartungen scheiterte. Geprägt davon, dass ihr schon ihre Grundschullehrerin kaum etwas zugetraut hatte, wollte Olenberger es allen und vor allem sich selbst zeigen: Nach einem sehr guten Abitur entschied sie sich für ein Lehramtsstudium. Trotz guter Noten war sie als Studentin „todesunglücklich und litt an depressiven Verstimmungen“, erzählt sie. Eine Operation am Kiefer mit langwierigem Heilungsprozess führte letztlich dazu, dass sie ihre Vorlesungen gar nicht mehr besuchte, alles wurde ihr zu viel.

Ein Perspektivwechsel durch einen Nebenjob in einer Bäckerei habe sie gerettet, erzählt Anna Olenberger. Und allmählich ließ sie einen neuen Gedanken zu: „Vielleicht wäre eine Ausbildung doch das richtige.“

Und so war es auch: Heute arbeitet Anna Olenberger für den Deutschen Akademischen Austauschdienst, geht in Schulen und kann ihre Erfahrungen weitergeben. Ihre früheren Vorbehalte gegenüber einer klassischen Ausbildung reflektierte sie kritisch.

Der Stigmatisierung und Tabuisierung des Themas Studienzweifel entgegenzuwirken – das ist Ziel der Zentralen Studienberatung in Bonn. „Jeder zweifelt mal im Studium“, sagt Theresa Fabian. „Die Gründe dafür sind ganz unterschiedlich: Viele leiden an Überforderung, andere haben sich die Inhalte des Fachs ganz anders vorgestellt. Mangelnde Motivation ist manchmal auch ein Grund, außerdem eine fehlende Perspektive, also dass man nicht weiß, was man mit dem Fach später machen möchte“, so die Expertin von der Studienberatung. „Andere haben den Wunsch nach einer praktischen Tätigkeit.“

 „Erst die 14  Semester haben mich dazu befähigt, herauszufinden, was ich wirklich tun will“, sagt Lars Spille. Er macht jetzt eine Ausbildung zum Fachinformatiker.

„Erst die 14  Semester haben mich dazu befähigt, herauszufinden, was ich wirklich tun will“, sagt Lars Spille. Er macht jetzt eine Ausbildung zum Fachinformatiker.

Foto: Uni Bonn
 Lara Töppich

Lara Töppich

Foto: Uni Bonn
 Er ist heute glücklich mit Asienwissenschaften: Florian Müller

Er ist heute glücklich mit Asienwissenschaften: Florian Müller

Foto: Uni Bonn
Scheitern als Chance: Die Universität Bonn ludt zur ersten "Fuckup Night"
Foto: grafik

Die Studienberaterin betont, dass es für jeden einen individuellen Weg gebe – „und der führt manchmal eben auch aus der Uni heraus“. Zum Beispiel in eine Ausbildung, oder in ein anderes Fach, an eine andere Universität oder an eine andere Hochschulform. „Scheitern kann man auch als Chance sehen“, so Fabian.

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