Kolumne Studentenleben Novemberblues

Hohe Energiekosten, dichter Verkehr, Klimaproteste und eine umstrittene WM – derzeit gibt es genug Themen, die auch Studierende belasten. Unser Autor über den Winterblues auf dem Campus.

 Luca Schafiyha studiert Germanistik und Politikwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Luca Schafiyha studiert Germanistik und Politikwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Foto: Richard Salomon

Es ist 12:15 Uhr. Ich sitze in meinem spärlich beleuchteten WG-Zimmer. Die einzige Lichtquelle, eine Energiesparlampe, flimmert elend, und es ist kalt, weil wir die Gas-Heizung Mitte November noch nicht angestellt haben um Kosten zu sparen. Ich streife mir einen zweiten Second-Hand Pullover über und esse den letzten Rest meines vor der Mülltonne geretteten Essens aus einer Food-Sharing-App. Ich tippe ein paar Extrazeilen in meine Studenten-Kolumne, weil ich das Geld gut gebrauchen kann und checke, ob die 200 Euro Energiepauschale für Studenten doch noch dieses Jahr ausgezahlt wird. Wird sie natürlich nicht.

Ich bin spät dran für meinen Kurs und flitze nach draußen auf die lärmende Straße. Die Bahnen streiken, ich komme nicht zur Uni. Letzte Woche habe ich meinen Anbieter fürs E-Scooter-Sharing gewechselt, weil es einen neuen Dienstleister gibt, der drei Cent weniger pro Kilometer nimmt. Ich habe Glück: Mein Führerschein wurde bereits akzeptiert, also ziehe ich mir einen Helm aus dem Gepäckträger und schwinge mich auf den Roller.

Nach meinem Kurs gehe ich noch schnell in die Mensa. Obwohl ich lieber etwas vegetarisches Essen möchte, nehme ich das Schnitzel für 1,10 Euro. Das beste Gericht kostet 6,45 Euro – da fällt die Entscheidung leicht.

Während ich den Knorpel meines zähen Stück Fleisches zerkaue und dabei Würgereiz bekomme, scrolle ich durch mein Smartphone und lese mir Meinungsbeiträge von Männern durch, die mir erklären wollen, warum die aktuelle Fußball-Weltmeisterschaft in Katar eine große Chance für die prekäre Menschenrechtslage im Land des Ausrichters sei, und warum ein Boykott nichts bringen würde. In einem Video aus einem anderen Beitrag sehe ich junge Leute, die eine Glaswand über einem Gemälde mit Tomatensoße bekleckern und dies Klimaprotest nennen- Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, als ich mir die vom Hass getränkten Kommentare und Unmutsbekundungen verschiedener User darunter im Kommentarbereich durchlese.

Ist natürlich nicht wirklich alles so schlimm, denke ich mir. Irgendwie komme ich schon klar, diese blöde WM wird irgendwann enden und die Energiekrise durch eine andere Krise abgelöst. Die Kostenspirale wird sich schon wieder entwirren, wenn ich einfach mehr arbeite und noch mehr spare.

Die Person, die das an einem einzigen Tag durchlebt hat, ist in diesem Fall frei erfunden. Sie ist angelehnt an die zahlreichen Studierenden, die einem an einem ganz normalen Novembertag über den Weg laufen und von den erwähnten Themen berichten. Auf dass der Novemberblues bald endet.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort