„Inklusive Bildung NRW“: Start des Projekts für Menschen mit Behinderung

Startschuss für „Inklusive Bildung NRW“ : „Ich will zeigen, was ich kann“

Startschuss für Projekt „Inklusive Bildung NRW“: Menschen mit geistiger Behinderung werden als Bildungsfachkräfte qualifiziert.

Florian Lintz hatte trotz seiner Behinderung immer das Ziel, einen Job auf dem regulären Arbeitsmarkt zu bekommen. „Ich habe eine Zeit lang in der Krankenpflege gearbeitet. Man hat mir auch gesagt, dass ich kognitiv relativ fit bin“, sagt der junge Mann. „Aber ich musste dann wegen Mobbings aufhören“, berichtet er. Doch jetzt ist Florian Lintz glücklich. Ab April wird er zusammen mit sechs weiteren Menschen mit geistiger Behinderung zur Bildungsfachkraft an Hochschulen qualifiziert.

Nun fiel in Köln der offizielle Startschuss für das Projekt „Inklusive Bildung NRW“, das erstmals Behinderte in Nordrhein-Westfalen zu Experten in eigener Sache ausbildet. „Die Teilnehmer sollen dazu beitragen, dass Studierende darauf achten, sich auf die Belange Behinderter einzustellen“, erklärt die Staatssekretärin im nordrhein-westfälischen Bildungsministerium, Annette Storsberg (CDU).

Florian Lintz und die sechs anderen Teilnehmer sollen drei Jahre lang zu Inklusions-Experten ausgebildet werden. Nach Abschluss des Programms durch das Institut für Inklusive Bildung NRW werden sie Lehrkräften und Studierenden an nordrhein-westfälischen Hochschulen die speziellen Bedürfnisse und Kompetenzen von Menschen mit Behinderungen vermitteln. Gefördert wird das Projekt vom Landschaftsverband Rheinland (LVR), der Stiftung  Wohlfahrtspflege NRW sowie  der Kölner  Kämpgen-Stiftung.

Mit Unterstützung einer pädagogischen Assistenz oder einer hauptamtlichen Lehrkraft werden die Bildungsfachkräfte künftig Seminare und Workshops abhalten, etwa zu Themen wie Barrierefreiheit oder die Anforderungen an einen inklusionsorientierten Arbeitsplatz. Ziel sei es, die beiden gesellschaftlich getrennten Welten der hochschulischen Exzellenz und der sogenannten geistigen Behinderungen miteinander zu verbinden, erklärte Claudia Paul vom Institut für Inklusive Bildung in Nordrhein-Westfalen.

„Das ist eine tolle Idee“, freut sich Jennifer Cöllen. Die 24-Jährige, die derzeit in einer Kölner Behindertenwerkstatt arbeitet, hat bereits Erfahrungen in einem Projekt mit Studierenden gesammelt. „Ich freue mich darauf, anderen viel zu vermitteln.“ Auch sie hat bei einem Praktikum im Einzelhandel erfahren, wie wenig die Arbeitswelt auf Menschen mit Behinderungen eingestellt ist.

Das Projekt „Inklusive Bildung NRW“ will bereits bei den Studierenden ein Bewusstsein für die Bedürfnisse von Behinderten wecken. „Das Projekt soll langfristig und innovativ zur Umsetzung der UN-Behindertenkonvention beitragen“, sagt die Staatssekretärin Storsberg. Diese schreibt unter anderem die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen vor.

„Es ist ein tolles und lange überfälliges Experiment“, sagt der Präsident der Technischen Hochschule Köln, Stefan Herzig. Die Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule ist Partner des Projekts. Es sei Zeit, die Perspektive zu öffnen und Behinderte zu Experten in eigener Sache zu machen. Die Bildungsfachkräfte sollten zunächst am Studiengang Kindheitspädagogik und Soziale Arbeit eingesetzt werden, sagt Claudia Paul. Geplant sei aber die Ausdehnung auf weitere Studienfächer. Denkbar sei zum Beispiel die Schulung von Architekturstudenten, damit diese in ihrer späteren Berufspraxis die Belange von behinderten Menschen besser berücksichtigen könnten.

Ziel ist es, den Einsatz der künftigen Bildungsfachkräfte auf möglichst viele nordrhein-westfälische Hochschulen auszudehnen. Dazu sollen entsprechende Kooperationen vereinbart werden. In Schleswig-Holstein, das einzige Bundesland, in dem bereits ein entsprechendes Projekt läuft, funktioniert das bereits sehr gut. Dort schulten die Bildungsfachkräfte mit geistiger Behinderung im vergangenen Jahr insgesamt 3.400 nicht behinderte Menschen.

Nach Abschluss ihrer Ausbildung soll den Bildungsfachkräften eine reguläre Anstellung im ersten Arbeitsmarkt angeboten werden. Dazu ist die Gründung eines Inklusionsunternehmens vorgesehen. Florian Lintz freut sich über diese Chance. „Ich will zeigen, dass ich nicht das bin, was man unter einem klassischen Menschen mit Behinderung versteht. Ich will zeigen, was ich kann.“

(epd)
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