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Im Projekt "Rock your life" helfen Studierende Jugendliche aus einem bildungsferneren Umfeld

Projekt „Rock your life“ : Zeigen, was möglich ist

Im Projekt „Rock your life!“ kümmern sich Studierende um Jugendliche, die aus einem eher bildungsfernen Umfeld kommen. Sie zeigen ihnen Möglichkeiten und Wege auf, wie es nach der Schule weitergehen kann, helfen bei der Suche nach Praktika und geben auch mal Mathe-Nachhilfe.

„Ich kann doch eh nichts.“ Als Baboucarr Jobe diesen Satz von einem Hauptschüler der 9. Klasse hört, kann er ihn so natürlich nicht stehen lassen. Und findet schnell heraus: Der Junge ist durchaus technisch begabt, auch wenn er sehr schüchtern und zurückhaltend ist und wenig selbstsicher. „Ich habe mit ihm gesprochen, ihm aufgezeigt, was nach der Schule möglich ist. Er hat ein Praktikum gemacht und ist aufs Berufskolleg in den technischen Bereich gewechselt.“ Eine kleine Erfolgsgeschichte, die typisch ist für das Projekt „Rock your life!“, in dem sich der Jura-Student Baboucarr Jobe engagiert. Das Mentoring-Programm wurde von einigen Studenten der Uni Friedrichshafen im Jahr 2008 ins Leben gerufen. Heute gibt es Hochschulgruppen in über 40 deutschen Städten. 

„Ziel von Rock your life! ist es, für Bildungsgerechtigkeit einzutreten und benachteiligten Jugendlichen zu helfen“, sagt  Verena Thun, Programmmanagerin bei „Rock your life!“. „Die Studierenden engagieren sich, indem sie Zeit investieren. Zeit, um den Jugendlichen Wege aufzuzeigen, wie es nach der Hauptschule für sie weitergehen kann.“ Dafür treffen sich die Studierenden, die Mentoren, mit den Schülern und lernen sich in einer Art Speeddating kennen. So findet jeder diejenige oder denjenigen, der zu ihr oder ihm passt. Bei den anschließenden Treffen zwischen den Studierenden und den Schülern, muss es gar nicht so sehr um schulische Leistungen gehen. „Natürlich wird auch mal gemeinsam an einem Referat gearbeitet oder über Probleme in Mathe gesprochen“, sagt Verena Thun. „Es geht vielmehr darum, dass die Jugendlichen – oft das erste Mal überhaupt – mit ihren Fähigkeiten und Stärken gesehen werden. Dass sie überlegen: Was möchte ich mit meinem Leben machen? Und dass sie verstehen, dass sie es selbst in der Hand haben, ob sie ihre Pläne verwirklichen können.“

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 Die Studierenden seien an diesen Fragen selbst noch nah dran. „Sie wissen, wo man sich über Berufsbilder informieren kann. Die Jugendlichen haben oft nur vage Vorstellungen, was sich hinter einem bestimmten Beruf verbirgt und vor allem wissen sie nicht, welche Voraussetzungen man mitbringen muss. Manchmal kennen sie auch schlicht nichts anderes als Hartz IV. Dann hilft es, ihnen klar zu sagen: Du kannst aber etwas anderes aus deinem Leben machen“, sagt Verena Thun. Ein bis zwei Jahre dauere das Mentoring, dass inzwischen nicht mehr nur Hauptschulen, sondern zum Teil auch Gesamt- und Realschulen einschließt, oft blieben die Studierenden mit „ihren“ Jugendlichen noch über Jahre freundschaftlich verbunden.

 Auch Baboucarr Jobe hat erfahren, wie viel Unterstützung an der richtigen Stelle bewirken kann: „Mir ging es auch darum, die Schüler selbstbewusster zu machen. Mit ihnen an Ideen zu feilen, einen Weg zu entwickeln. Ihnen zu zeigen: Ihr könnt auch was!“ Weil sich sein Studium dem Ende neigt, sucht der engagierte Jurist nach Nachfolgern für die „Rock your life!“-Gruppe in Düsseldorf. 

Und die Studierenden profitieren durchaus auch von dem Mentoring: Indem sie Verantwortung für die jüngere Generation übernehmen erweitern sie die eigene Perspektive, lernen andere Kulturen und Sprachen kennen, denn die Jugendlichen haben oft einen Migrationshintergrund. „Sie bauen außerdem die eigenen Sozialkompetenzen aus und werden zudem in ihrer Rolle als Mentorinnen und Mentoren  geschult“, sagt Verena Thun. Gleichzeitig gehört zur Organisation der Gruppe vor Ort auch die Kommunikation mit den Schulen sowie das Fundraising, also das Ansprechen möglicher Unterstützer.

 Marie-Christine Schädlich ist Vorsitzende von „Rock your life!“ an der Universität Duisburg-Essen. „Ich habe bereits 2011 noch an der Uni Düsseldorf den Verein mitgegründet. Und durch Rock your life! und durch das Mentoring habe ich entdeckt, dass ich gerne auf Lehramt studieren wollte. So wechselte ich für das Lehramt Biologie und Englisch an die Universität Duisburg-Essen und wurde dort Teil des Teams.“ Organisation, Teamführung, oder auch die Eintragung ins Vereinsregister, Steuererklärung für Vereine und Netzwerk-Arbeit gehören zur Arbeit vor Ort. „Das sind wichtige Softskills“, sagt Marie-Christine Schädlich. „Gleichzeitig ist es natürlich eine unglaubliche Bereicherung, einen jungen Menschen auf seinem Weg begleiten zu können. Eine meiner Mentees beispielsweise fühlte sich wenig gesehen und war sehr glücklich darüber, dass ich ganz individuell auf sie eingehen konnte. Sie hat mehr Selbstvertrauen bekommen und eine Idee davon, wie sie ihren Weg gehen kann. Und gerade in dieser Corona-Zeit ist es extrem wichtig, den Jugendlichen Zeit zu schenken.“

 Was „Rock your life!“ bewirkt, hat auch das ifo Institut untersucht. Das Ergebnis: Die Arbeitsmarktchancen von Jugendlichen aus stark benachteiligten Verhältnissen verbessern sich deutlich, wenn diese Schülerinnen und Schüler von Studierenden unterstützt werden. Demnach verbessern studentische Unterstützer ein Jahr nach Programmstart die Schulnote in Mathematik, die Geduld und die Sozialkompetenzen sowie die Arbeitsmarktorientierung der Schülerinnen und Schüler. „Stark benachteiligte Jugendliche bekommen oft wenig Hilfe von ihren Eltern. Das Programm schließt die Lücke in ihren Arbeitsmarktaussichten im Vergleich zu Jugendlichen mit günstigerem Hintergrund“, sagt Ludger Wößmann, Leiter der Mentoring-Studie. Ein wichtiger Aspekt dabei sei, dass die Jugendlichen ihre Mentoren als Ansprechpartner ansähen, um über ihre Zukunft zu sprechen. Integrationsstaatsministerin Annette Widmann-Mauz sagt: „Die Ergebnisse sind Ansporn für alle Bildungsverantwortlichen: Mentoring wirkt, baut Jugendlichen aus bildungsfernen Familien – ob mit oder ohne Einwanderungsgeschichte – eine Brücke in die Ausbildung und verbessert damit ihre Arbeitsmarktchancen. Solche Programme brauchen wir viel öfter.“