Ungeliebtes Fach Keine Angst vor Mathematik

Das Fach hat den Ruf, extrem schwer zu sein, und noch immer gibt es unter den Studierenden nur wenige Frauen. Dabei bietet die Mathematik exzellente berufliche Chancen – und wird im Übrigen für etliche andere Studienfächer benötigt. Deshalb ist Mathe abwählen keine gute Idee.

 Schon in der Grundschule ist Mathe nicht für jedes Kind ein Lieblingsfach. Foto: dpa

Schon in der Grundschule ist Mathe nicht für jedes Kind ein Lieblingsfach. Foto: dpa

Foto: dpa/Patrick Pleul

Es gilt als eines der schwersten Studienfächer überhaupt, und dieser Ruf schreckt viele ab – beinahe wäre das auch Kathrin Möllenhoff so gegangen. Heute ist die 33-Jährige Juniorprofessorin am Mathematischen Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. „Ich war in der Schule schon immer Mathematik-begeistert – und dennoch erschien mir das Studium auf Grund seines Rufes unerreichbar. Und das, obwohl ich im Mathe-Leistungskurs sehr gute Noten hatte. Erst, als wir eine Mathematik-Vorlesung an der Uni besuchten, und ich doch einiges verstand, erschien mir der Studienwunsch realistisch.“ Und so ging Möllenhoff den Weg einer wissenschaftlichen Karriere über die Promotion bis hin zur Juniorprofessur – auch wenn der Frauenanteil auf jeder Karrierestufe sank. „Zu Beginn des Studiums waren wir noch relativ viele Frauen, weil im Bachelor die angehenden Lehrerinnen und Lehrer dabei waren. Doch dann waren im Master von zehn Studierenden nur noch zwei Frauen. Und auch jetzt bin ich eine von nur zwei Professorinnen am Institut.“

Mädchen selbstbewusster machen, so dass sie sich das Mathematik-Studium zutrauen, ist für Kathrin Möllenhoff ein wichtiges Anliegen. So engagiert sie sich etwa beim Girls Day, wo sie Mädchen zeigt, wie stark unser Alltag von Mathematik bestimmt wird, und welchen Spaß es machen kann, mit Mathematik Probleme zu lösen. „Denn genau das ist wichtig: Wer Spaß an Mathematik hat, dem wird auch das Studium gar nicht so schwer fallen. Und wenn man gerne Probleme löst, ist es völlig unerheblich, ob man ein Mann oder eine Frau ist.“

Für Marcus Zibrowius, Professor für Topologie und Geometrie an der Heine-Uni, liegt die Faszination der Mathematik darin, dass sie sowohl Kunst als auch Wissenschaft ist, sowohl „rein“ wie auch „angewandt“. „Man kann diese beiden Seiten der Wissenschaft ganz gut an der Erwartungshaltung unterscheiden, mit der Forschern auf diesen Gebieten begegnet wird. Von einer „scientist“ wird erwartet, dass sie in Bezug auf ihre Forschung die Frage „Wozu ist das gut?“ beantworten kann. Von einem „artist“ – sagen wir, einem Literaturwissenschaftler – erwartet man das nicht. Es ist ganz selbstverständlich, dass er nicht versucht, ein Menschheitsproblem zu lösen, sondern Kulturgut pflegt. Auch in der Mathematik gibt es ganz klar beide Pole. Sie hat fließende Übergänge sowohl zur Philosophie, aus der sie hervorgegangen ist, als auch zu den Naturwissenschaften, die eine entscheidende Triebfeder für ihre Entwicklung sind und waren.“ Diese beiden Pole spiegeln sich übrigens auch in den Mathematikern selbst wieder: „Es gibt Genie und Wahnsinn, und alles dazwischen, vom irren und zerzausten Einsiedler bis zum Nadelstreifenbanker“, schmunzelt Marcus Zibrowius.

„Mir fehlt das Talent für Mathematik“ – diesen Satz hört Holger Kammeyer, Juniorprofessor für Algebra und Geometrie an der Heinrich-Heine-Uni, häufig. „Mein persönlicher Eindruck ist aber, dass mathematisches Verständnis gar nicht so sehr eine Frage von Begabung ist. Wenn überhaupt, scheitert das Verständnis an der fehlenden Geduld, denn viele haben diesen Impuls, sich von einem Problem abzuwenden, wenn man es im ersten Anlauf nicht lösen kann. Packt einen aber der Ehrgeiz, sobald man etwas nicht versteht und findet man ein Problem nur umso attraktiver, je mehr es sich gegen eine Lösung wehrt, ist man im Mathematik-Studium richtig aufgehoben.“ Dabei erwerbe man Fähigkeiten wie Zielorientiertheit, Ausdauer und analytisches Denkvermögen – und die sind auf dem Arbeitsmarkt äußerst gefragt. Künstliche Intelligenz, Machine Learning, Big Data, autonomes Fahren, all die großen Schlagwörter der Zukunftsthemen führen im Kern zu mathematischen Fragestellungen. „Längst sind nicht mehr nur Banken und Versicherungen typische Arbeitgeber, für die sich ein Mathematikstudium lohnt, mathematischer Sachverstand wird auf absehbare Zeit immer wichtiger werden“, so Kammeyer.

„Ein absoluter Trend-Beruf ist der Data Scientist“, sagt Junior-Professorin Kathrin Möllenhoff. „Dort werden die Leute händeringend gesucht. Mathematik ist definitiv ein Studium, nach dem man immer eine Stelle finden wird.“ Data Scientists arbeiten, wie der Name schon sagt, mit Daten, analysieren diese und optimieren Prozessabläufe im Unternehmen. Dabei arbeiten sie interdisziplinär mit vielen anderen Berufsgruppen zusammen – etwa mit Pharmazeuten oder Wirtschaftswissenschaftlern. „Das ist auch so ein Gerücht, mit dem die Mathematik oft zu kämpfen hat: Dass man alleine in seinem Kämmerlein über einem Problem brütet. Das ist sicherlich schon mal so, macht aber nicht den Großteil des Jobs aus“, sagt Kathrin Möllenhoff. Zudem unterscheide sich die Arbeit zwischen den einzelnen Fachgebieten der Mathematik stark. „In meinem jetzigen Fachbereich, der Biostatistik, arbeite ich eng beispielsweise mit Medizinern zusammen, um etwa über klinische Studien und deren Auswertung zu sprechen.“

Übrigens: Auch wer nicht Mathematik studiert, kommt an der Uni immer wieder mit Mathe in Berührung. Deshalb ist das Abwählen von Mathe in der Oberstufe für die wenigsten eine gute Idee. „Die Mathematik ist die Sprache der Naturwissenschaften, sie ist die Methodik der Informatik und der Wirtschafts- und Ingenieurswissenschaften. Selbst in der Medizin, Psychologie oder in den Gesellschaftswissenschaften ist mathematisches Handwerkszeug gefragt, denn eine These erhält erst dann wissenschaftlichen Wert, wenn sie sich statistisch überprüfen lässt“, sagt Holger Kammeyer. Besser als „Endlich weg mit Mathe“ sei deshalb der Gedanke „Endlich habe ich einen Grund, Mathematik zu lernen“.

Professor Marcus Zibrowius wünscht sich insgesamt mehr mathematische Kompetenz innerhalb der Gesellschaft. „Das Mathematikstudium ist ein Intensivtraining im Formulieren sauberer Argumentationsketten. Diese Fähigkeit, sauber zu argumentieren, halte ich für sehr wichtig. Ich ärgere mich in gesellschaftlichen Debatten über falsche Argumente für die – aus meiner Sicht – richtige Sache fast noch mehr als über falsche Argumente für die – aus meiner Sicht – falsche Sache. Aber wie viele Menschen verstehen überhaupt, dass es auch für richtige Aussagen falsche Argumente gibt?“

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