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Aktivisten von Fridays for Future arbeiteten mit der Heine-Uni

Umweltaktivisten : Fridays for Future trifft die Forschung

Rund ein Jahr haben Aktivisten der Fridays for Future-Bewegung gemeinsam mit Sozialwissenschaftlern der Heinrich-Heine-Universität dazu geforscht, wie sich die Jugendbewegung organisiert. Ein Überblick über die Ergebnisse.

Freitags wird für das Klima gestreikt: Was mit Greta Thunberg begann, hat sich längst zu einer Bewegung junger Menschen über die ganze Welt ausgebreitet. Junge Menschen, die die Politik und die ältere Generation aufrütteln wollen, denn durch den Klimawandel und Umweltzerstörung wird ihre Zukunft kaputt gemacht. Und für ihre Zukunft gehen sie immer freitags auf die Straße. Doch wie funktioniert die Fridays for Future-Bewegung? Wer protestiert da eigentlich? Wie kann sie so viele Menschen mobilisieren? Wie laufen Entscheidungsprozesse ab? Um das herauszufinden, wurde Fridays for Future an der Uni Düsseldorf ein Jahr lang sozialwissenschaftlich untersucht. Und das mit einer besonderen Methode: dem Citizen Science-Ansatz. Die Ergebnisse wurden nun präsentiert.

Für das Forschungsprojekt schauten die Sozialwissenschaftler der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf nicht von außen auf die Fridays for Future-Bewegung, sondern entwickelten Forschungsfragen gemeinsam mit den Aktivisten. Diese wurden so zu Co-Wissenschaftlern. „Es kommt zu einem Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, der beiden Seiten einen Mehrwert bringt“, sagt Laura Ferschner, Projektleiterin und Sozialwissenschaftlerin an der Heine-Uni. „Wir als Wissenschaftler haben einen ganz anderen Zugang zu den Aktivistinnen und Aktivisten bekommen und so Perspektiven und Datenmaterial, das bei einem Blick ,von außen’ so vielleicht nicht zustande gekommen wäre.“ Umgekehrt haben die beteiligten Jugendlichen und jungen Erwachsenen Einblick in Wissenschaft und Forschung erhalten. „Wissen wird so in die Gesellschaft hineingetragen und der Bürger – hier die Aktivisten von Fridays for Future – gestaltet Forschung aktiv mit.“

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So wurde versucht, die Organisation und Arbeitsweise der lokalen Fridays for Future-Bewegung zu verstehen, eine Innenperspektive zu erhalten und das Jugendphänomen multiperspektivisch zu beleuchten. „Dabei sollte das Wissen über die Organisation und deren Arbeitsweise mit den Augen, Ohren und Stimmen der Jugendlichen selbst produziert werden. Dieses Citizen Science-Argument begründet sich in dem Gedanken, dass die Aktivistinnen und Aktivisten selbst Interesse daran haben, ihre Bewegung besser zu verstehen. Vor diesem Hintergrund sind sie diejenigen, die die Frage nach ,wer sind wir?‘ adäquater stellen und differenzierter beantworten können als etablierte Forscherinnen und Forscher“, sagt Ferschner.

Für Leonard Ganz, Düsseldorfer Fridays for Future-Aktivist, bot das Projekt spannende Einblicke in seine eigene Bewegung: „Natürlich gab es da vielleicht den ein oder anderen Loyalitätskonflikt. Schließlich spricht man in Interviews mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über Insider-Wissen. Wir haben uns mit dem Team der Heine-Uni aber immer auf Augenhöhe gefühlt und die Ergebnisse können uns helfen, wissenschaftlich und objektiv über Fragen innerhalb der Bewegung zu diskutieren. Und ganz nebenbei habe ich als Student der Sozialwissenschaften auch einen direkten Blick in das wissenschaftliche Arbeiten bekommen.“

Im Mittelpunkt der Forschung standen die Themen „Basisdemokratie“, „informelle Hierarchien“ sowie „Personen“. „Grundsätzlich haben alle Aktivisten in der Fridays for Future-Bewegung die gleichen Rechte, alle Meinungen sind gefragt und werden gehört“, sagt Laura Ferschner. „Allerdings haben wir einen Unterschied zwischen der lokalen Ebene und der Bundesebene festgestellt: Die Aktivisten schätzen es als schwer ein, auf Bundesebene Einfluss zu nehmen, sehen ihre Chancen auf lokaler Ebene aber gut. Konkret schätzt die Mehrheit ihren Einfluss auf die gesamte Bewegung als gering ein – hat aber in der Gruppe vor Ort das Gefühl, etwas bewegen zu können.“

Auch stelle die Basisdemokratie die Bewegung immer dann vor Herausforderungen, wenn schnelle Reaktionen, zügige Entscheidungen gefragt sind: „Der Wunsch, alles auszudiskutieren, stellt die Aktivisten vor eine große Herausforderung, wenn sie eigentlich schnell handeln müssen“, so die Sozialwissenschaftlerin. „Das basisdemokratische Selbstverständnis kann dann doch nicht immer so gelebt werden.“

Ein weiteres Forschungsergebnis: Die Aktivisten sehen ein Informationsungleichgewicht innerhalb der Bewegung. Nicht alle Akteure verfügten über die gleichen Infos, es herrsche eine Wissenshierarchie. „Konkret kam heraus, dass es stark von meinen eigenen Netzwerken und Freundeskreisen innerhalb der Fridays for Future-Bewegung abhängt, was ich weiß. Während in den Ortsgruppen flache Hierarchien herrschen, gibt es eine Kontroverse um die sogenannte Bundesorga“, erklärt Laura Ferschner. Damit sind bekannte Aktivistinnen und Aktivisten gemeint, die in der Öffentlichkeit stehen und beispielsweise regelmäßig in Talkshows zu sehen sind. „Diese Personen scheinen einen höheren Einfluss auf Entscheidungen zu haben, als die Aktivistinnen und Aktivisten in den Ortsgruppen.“ Außerdem interessant: Wer wie viele Follower bei Instagram hat, spielt laut den Befragungen keine Rolle.

Wissenschaftler wie Aktivisten werden mit den Ergebnissen dieses Citizen Schience-Projekts übrigens weiter arbeiten: Nachfolgendes Ziel des Projektes ist, gemeinsam herauszufinden, inwiefern Fridays for Future Transferpotential birgt, die verschiedenen Segmente der Gesellschaft stärker in politische Prozesse einzubinden, ohne dabei von einer Ikone wie Greta Thunberg oder einem spezifischen Thema abhängig zu sein. So möchten die Wissenschaftler untersuchen, wie man grundsätzlich auch bei anderen Themen eine größere Bürgerbeteiligung erreichen kann, wie man mehr Menschen für ein Thema mobilisieren kann. Das Projekt soll außerdem Impulse für weitere Ideen in der Bürgerforschung liefern.