50 Jahre Fachhochschulen

50 Jahre Fachhochschulen : „Wir sind Innovationsmotor für die Regionen“

Die Fachhochschulen feiern ihr 50-jähriges Bestehen. Anlass für eine Rückschau und den Blick in die Zukunft. Der Präsident der Hochschule Niederrhein Hans-Hennig von Grünberg erklärt, was sie von Universitäten unterscheidet.

Sie stehen für den Transfer von Wissenschaft in die Praxis und eine enge Vernetzung mit der Wirtschaft: Zum 50. Geburtstag der deutschen Fachhochschulen erzählt Hans-Hennig von Grünberg, Präsident der Hochschule Niederrhein und Gründer sowie Vorsitzender der Hochschulallianz für den Mittelstand von Vergangenheit und Zukunft der FHs.

Herr von Grünberg, wo stehen die Fachhochschulen beziehungsweise Hochschulen für angewandte Wissenschaften 50 Jahre nach ihrer Gründung?

von Grünberg Wenn man überlegt, dass unser Hochschultyp zunächst das Stiefkind im deutschen Hochschulsystem war, bin ich hochzufrieden – gerade mit Blick auf das, was wir in den vergangenen zehn Jahren erreicht haben. Knapp 35 Prozent aller Studierenden sind an den Fachhochschulen eingeschrieben, und wir haben in Forschung und Lehre Themen vor der Brust, die für die Gesellschaft von großer Bedeutung sind. Ich denke da zum Beispiel an den Strukturwandel im Rheinischen Revier, den gerade wir als Hochschule Niederrhein mitgestalten wollen. Wir sind ein moderner Hochschultyp und im Hier und Jetzt angekommen.

Die Fachhochschulen entstanden 1968/69 aus den Fachschulen für Ingenieure. Um deren Abschluss europaweit anerkennen zu lassen, musste die Ausbildung akademisiert werden. Wie wirken sich diese Gründungsjahre der FHs bis heute aus?

vonGrünberg Das Problem war, dass man den alten Fachschulen einfach nur ein neues Etikett gegeben hat: Aus ehemaligen Lehrern wurden Professoren, es gab keinen originär hochschulischen Bildungs- und Forschungsauftrag. Die Fachhochschulen  starteten mit einem offensichtlichen Reputationsproblem. Im Laufe der Zeit erkämpften sie sich aber vom Land ihren eigenen Forschungsauftrag – nämlich die angewandte, innovationsorientierte Forschung – und wurden mit der Zeit zu Spezialisten für den Wissenstransfer, also dafür, die Ergebnisse der Wissenschaft in die Wirtschaft und Gesellschaft zu transferieren. Und natürlich spielt die Regionalität eine große Rolle, die Wissenschaftler dieses Hochschultyps unterstützen die Wirtschaft in der Region. Kurzum: Wir sind die Hochschulen, die eine transferorientierte Forschung und den Transfer selbst sicherstellen, und auf diese Weise gleichzeitig  junge Menschen akademisch auf die Berufspraxis vorbereiten.

An den FHs und Hochschulen für Angewandte Wissenschaft (HAW) entstehen viele neue Studiengänge, die unterschiedlichen Branchen passen. Wie funktioniert das?

von Grünberg Anders als die Universitäten sind die HAWs – weil selbst aus einer solchen hervorgegangen – für Veränderungen in der Gesellschaft sehr empfänglich und darauf gut eingestellt. An der Hochschule Niederrhein ist da der Fachbereich Gesundheitswesen ein gutes Beispiel: Als klar wurde, dass in den Gesundheitsberufen Fachkräfte mit akademischem Background fehlen, hat die Hochschule reagiert und verschiedene Studiengänge ins Leben gerufen. Heute sind die Gesundheitsfachberufe durchakademisiert. Die Fachhochschulen können sehr flexibel auf Bedürfnisse in der Gesellschaft reagieren.

Dabei spielen auch die Bedürfnisse der Wirtschaft eine große Rolle. Wie eng ist da die Vernetzung?

von Grünberg Wir sehen uns als Hochschule im Dienste der Region und haben auf allen Ebenen eine echte Service-Mentalität entwickelt. Wir sind die Hochschule für den Niederrhein und haben die Fähigkeit entwickelt, verschiedene Unternehmen – auch branchen- und grenzübergreifend – mit unseren Wissenschaftlern zusammenzubringen. So ist es uns auch gelungen, in den Jahren 2010 bis 2018 insgesamt 100 Millionen Euro Drittmittel zu akquirieren. Dieses Geld ist hauptsächlich in Forschungs- und Transferleistungen geflossen, die unmittelbar der Region zugutekommen. Mit diesen stark regional orientierten Projekten sind wir sehr erfolgreich. Regionalförderung ist effektiver, wenn sie über die Hochschulen organisiert wird. Ich würde bundesweit und in viel stärkerem Maße als bisher, die Hochschulen für angewandte Wissenschaften in ihrer Rolle als Innovationsmotor in der Region ernst nehmen und viel gezielter fördern. Denn über große, meist vom Bund, der Europäischen Union oder dem Land NRW finanzierte Verbundprojekte kommen kleine und mittelständische Unternehmen in den Genuss innovativer Forschungs- und Transferleistungen. Inhaltlich und organisatorisch gehen diese Verbundprojekte üblicherweise von den Hochschulen aus.

Anders sieht es mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) aus. Millionenschwere Drittmittelprojekte gehen doch immer wieder an Universitäten, diese erhalten jährlich rund 3,5 Milliarden Euro über DFG und Exzellenzstrategie – die FHs dagegen rund 56 Millionen aus dem Programm zur Förderung angewandter Forschung und Entwicklung. Was müsste sich ändern?

von Grünberg Wir als Hochschulallianz für den Mittelstand plädieren für die Einrichtung einer so genannten Deutschen Transfer Gemeinschaft, also einem Pendant zu der DFG, zur Förderung von Wissenschaftlern, die innovationsnah und transferorientiert mit Unternehmen zusammen forschen wollen. Schaut man auf unsere Nachbarstaaten, gibt es so etwas schon in vielen Ländern, etwa unter dem Namen European Innovation Council bei der EU oder als Innosuisse in der Schweiz. Diese Deutsche Transfer Gemeinschaft könnte dann eine Wissenschaft fördern, die vor allem Nutzen stiften will, während die DFG eine Wissenschaft fördert, wo der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn im Vordergrund steht. Beides zusammen geht eben nicht, weil es sich um zwei völlig verschiedene Forschungskulturen handelt. Mit zwei großen Förderinstitutionen würden wir im Gesamtsystem eine Forschung aufbauen, die von der grundlegenden Erkenntnis über die technische Erfindung bis hin zur konkreten Anwendung ginge. Das Land wäre einen großen Schritt weiter – und viele können davon profitieren.

Die Fachhochschulen haben immer auch das Promotionsrecht gefordert. Wie weit sind sie da gekommen?

von Grünberg In NRW soll es demnächst mit dem neuen Hochschulgesetz einen entscheidenden Fortschritt geben: Das von den HAWs getragenen „Graduierteninstitut NRW“ soll das Promotionsrecht bekommen, damit steht auch unseren Absolventen die Promotion offen. So können wir unsere forschungsinteressierten Masterstudenten halten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Fachhochschulen?

von Grünberg Ich wünsche mir, dass wir in Deutschland zu einem System kommen, in dem die Verhältnisse klar geregelt sind. Heißt: Die Universitäten als der Ort der reinen Wissenschaft, die Hochschulen für angewandte Wissenschaften – an denen dann hoffentlich auch mehr als die Hälfte der Studierenden eingeschrieben sein werden – als Ort, wo der Anwendungsbezug von Wissenschaft in Forschung und Lehre gepflegt wird. Wir sollten außerdem die Professur an unserem Hochschultyp attraktiver gestalten, Institute einrichten, mehr Raum für Forschung geben.

Interviewpartner Hans-Hennig von Grünberg. Foto: Hochschule Niederrhein

Isabelle de Bortoli führte das Interview.

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