Neuss: Musik öffnet die Seele des Menschen

Neuss: Musik öffnet die Seele des Menschen

Mit einer Melodie ist es ähnlich wie mit einem Geruch: Sie weckt Erinnerungen, an die Heimat, an einen Menschen oder an eine besondere Situation. Musik steht für ein Gefühl, geht direkt ins Herz.

Es gibt einen Satz, den mag Holger Müller gar nicht hören: Ich kann nicht singen. "Gibt es nicht", sagt der Leiter der Musikschule rigoros, "jeder Mensch kann singen". Und meistens will er das auch, denn Musik gehört nicht nur zum Leben, sondern steht auch für Erinnerungen, für Gefühle. "Meistens für Lebensphasen", sagt der Pädagoge, der bei der Zeile "Wer will fleißige Handwerker sehen" sofort seine eigene Kindergartengruppe vor sich sieht - auch noch nach Jahrzehnten, wie der heute 49-Jährige lachend sagt.

Dass sich Kinderlieder wie das oben genannte oder auch so genante Volkslieder wie "Der Mond ist aufgegangen" von Matthias Claudius (um 1779) über viele Jahre halten, hat für ihn nur mit einer Sache zu tun. "Die Melodie hat Qualität, manches Lied ist einfach nur schön", sagt er und meint mit "einfach" und "schön" der Worte ursprüngliche Bedeutung. Denn gute Melodien müssen nicht kompliziert geschrieben sein, sondern "Qualität kann sich auch in der einfachsten Melodie zeigen, wie bei Mozart", sagt er.

Musik steht für Gefühl, sie gibt selbiges wieder, unterstützt es oder hilft, es zu überwinden, ist oft mit Erinnerungen verbunden, die an einen Ort oder an eine Zeit im eigenen Leben geknüpft sind. Dass er selbst als Kind im Chor gern "Es ist ein Ros' entsprungen" gesungen hat, fiel Müller erst wieder so richtig auf, als er einen befreundeten Pädagogen bei einem Chorprojekt geholfen hatte: "Da sah ich in seinen Augen die Begeisterung, die dieses Lied auch bei mir ausgelöst hatte."

Manchmal braucht es diesen äußeren Anlass, um Gefühle und Erinnerungen an Lieder oder Musikstücke wachzurufen. Als Erwachsener kann man das reflektieren, verbindet mit bestimmter Musik oder einem Lied eine Situation, die vielleicht vergessen war, aber nun gefühlsmäßig zurückkehrt. "Kinder gehen intuitiv damit um", sagt Müller, der das Programm "Jedem Kind seine Stimme" (JeKi-Sti) an der Musikschule etabliert hat, "sie haben ein untrügliches Gespür für Musik, die bleibt."

Damit erklärt er sich auch die Wiederbelebung alter Volks- und Kinderlieder, die derzeit in vielen Büchern veröffentlicht und wieder Eingang in den Kanon finden. "Alle Vögel sind schon da" (1835 von Hoffmann von Fallersleben), "Es klappert die Mühle" (aus der Zeit der Romantik), "Es war eine Mutter" (Musik und Text stammen wohl aus Baden) sind über viele Jahre überliefert worden. Während die Kinderlieder der 1980er Jahre vor allem Kinderschlager seien, meint Müller und glaubt nicht daran, dass von diesen viele überdauern. "Damals war Kindermusik textorientiert", erklärt er, "hat die Lebenswirklichkeit gespiegelt, aber inzwischen spielt die Melodie, die Musik, die wichtige Rolle."

Damit eröffnen sich auch wieder Spiel- und Singräume für Erwachsene. Nicht umsonst ist die Aktion "Sing' in Neuss" der Musikschule und der Bürgerstiftung ein so großer Erfolg (nächster Termin ist der 30. Juni). Die Lieder, die dort gesungen werden, sind eine Mischung aus alten, nicht ganz so alten und neueren. "Das Lied von Matthias Claudius gehört ebenso zum Programm wie etwa "Blowin' in the Wind", aber vor allem geht es ihm und seinen Mitveranstaltern darum, die Menschen zum Singen zu bewegen. "Wenn der Mensch singt, öffnet er sich", sagt er, "und er stellt sich." Deswegen ärgert es ihn maßlos, wenn Musikpädagogen Kinder, die vorsingen, womöglich abkanzeln: So mancher heutiger Erwachsener sei durch solches Verhalten in seiner Schulzeit vom Singen abgekommen und hielte sich noch heute daran, glaubt Müller.

Dabei leistet die "Mundorgel" immer noch so gute Dienste, und in Zeiten des Internets ist es selten ein Problem, an (rechtefreie) Noten von alten Volksliedern heranzukommen. Aber das gilt vor allem für die westliche Welt, denn immer noch wird in vielen Ländern das Musikgut mündlich überliefert.

Da braucht es jemanden wie den Komponisten Béla Bartók (1881-1945), der auch Musikethnologe war und einst Ungarn, Rumänien, die Slowakei, Siebenbürgen und den Vorderen Orient bereiste, um die Lieder der Menschen auf dem Dorf aufzunehmen. Mehr als 10.000 Lieder sind in seiner Sammlung zusammengekommen: "Er wollte das Liedgut seiner Heimat unbedingt dokumentiert wissen", sagt Müller, denn nur so konnte es auch überleben.

Warum in Deutschland so manches Lied aus der öffentlichen Erinnerung verschwand, hat für Müller vor allem mit den Nazis zu tun. Sie haben die Musik benutzt, sagt er, denn "mit Musik kann man Menschen auch manipulieren". Eine gute Melodie gehe schließlich ganz tief ins Herz. So bedauert er sehr, dass in Deutschland das gemeinsame Singen - etwa in Familien - unüblich geworden sei. "Das ist in unseren Nachbarländern ganz anders, in den Niederlanden, in Frankreich, Italien oder England ist es normal, gemeinsam zu singen." Denn singen, so findet Holger Müller, "ist der Schlüssel zur menschlichen Seele".

(hbm)