Grevenbroich: Heimat unter Wolken aus Kraftwerken

Heimat unter Wolken: Das ist nicht Mordor - das ist Grevenbroich

Für viele Grevenbroicher sind die Kraftwerks-Wolken das, was der Dom für die Kölner ist. Eine Art Orientierungspunkt aus der Ferne.

Mordor. Das war der erste Gedanke, der Helmut Danek durch den Kopf schoss, als er das Foto betrachtete, das er mit seiner Drohne hoch über Grevenbroich aufgenommen hatte. Die drohenden Wolken, der Berg vor der untergehenden Sonne, die davor liegende große Ebene - das alles erinnerte den Hobby-Fotografen schwer an den von Sauron regierten Schurkenstaat aus der Fantasy-Reihe "Der Herr der Ringe".

Je nach Wetterlage mögen die am Rande der Stadt aufsteigenden Wolken tatsächlich Assoziationen zu dem feurigen Qualm wecken, der in J. R. R. Tolkiens Dreiteiler aus dem unheilvollen Schicksalsberg aufsteigt. Und so manchen mag das auch gruseln. Für viele Grevenbroicher sind die Schwaden, die an manchen Tagen bis zu 2000 Meter hoch aus den Kühltürmen der Kraftwerke steigen, aber auch so etwas wie ein Stück Heimatgefühl.

Was der Dom für die Kölner ist, ist der Wasserdampf für die Grevenbroicher. Die zeitweise kerzengerade in den Himmel aufsteigenden Wolken sind eine Art Landmarke, die schon von weitem her signalisieren: Hier bist Du zu Hause.

"Da weiß ich: Noch 20 Minuten"

Die Vorzüge des gigantischen Navigationsgeräts weiß Ursula Kwasny zu schätzen. "Egal von woher ich mit dem Auto nach Grevenbroich komme: Die Wolken sind aus jeder Himmelsrichtung gut auszumachen - und sie zeigen mir, dass die Fahrt nicht mehr allzu lange dauern wird", berichtet die ehemalige Bürgermeisterin. "Da weiß ich: Noch 20 Minuten, höchstens ein halbes Stündchen, dann bist Du zurück in der Heimat." Ähnlich sieht es ihr Nachfolger Klaus Krützen, der insbesondere bei der Heimkehr aus dem Familien-Urlaub immer wieder gerne aus dem Fenster schaut und Aussicht nach den weißen Schwaden hält. "Sobald ich sie sehe, bedeutet das für mich, nach Hause zu kommen", sagt er. "Als Negativum", gibt Krützen zu, habe er die sich über "seiner" Stadt auftürmenden Wolken noch nie empfunden. "Im Gegenteil: Das ist für mich wie ein Blick auf den Kirchturm meiner Heimatpfarre St. Jakobus."

Was die Kühltürme an die Atmosphäre abgeben, ist größtenteils reiner Wasserdampf. Die Schwaden entstehen bei der Kühlung des Wassers aus dem zentralen Wasser-Dampf-Kreislauf eines Kraftwerks. Und wie groß die Wolkenbildung ist, hängt von Temperatur und Luftfeuchte, also von der jeweiligen regionalen Wetterlage, ab.

"Ist es im Sommer trocken, kann die Luft viel Feuchtigkeit aufnehmen. Die Schwaden sind dann als weiße Wattebäusche vor dem blauen Himmel zu sehen - die allerdings dann auch rasch wieder verschwinden", berichtet RWE-Sprecher Guido Steffen. Ist die Luft dagegen mit Feuchtigkeit gesättigt, wird aus den zarten Schwaden eine dicke Wolke. "Die ist umso dunkler, je nasser das Wetter ist", sagt Steffen. Im Durchschnitt sind die Säulen, die über den Kraftwerken aufsteigen, etwa 700 Meter hoch, sie können an manchen Tagen aber auch Höhen von bis zu zwei Kilometern erreichen. Kohlenmonoxid und andere Schadstoffe, die beim Verbrennen von Braunkohle entstehen, werden ebenfalls über die Kühltürme in die Umwelt entlassen. Anders als die Dampfschwaden sind sie aber unsichtbar.

Eine der Grevenbroicher Wolkenfabriken hat im Oktober 2017 ihre Arbeit eingestellt. Das Kraftwerk Frimmersdorf ist in Sicherheitsbereitschaft gegangen und soll nur noch in Notfällen hochgefahren werden. 2021 wird das Werk komplett stillgelegt, in den darauffolgenden Jahren abgerissen. Was Umweltschützer jubeln lässt, bedauern die Piloten des Aero-Clubs ein wenig. Denn mit dem in Vorruhestand gegangenen Kraftwerk haben die Segelflieger von der Gustorfer Höhe einen bislang beliebten Thermik-Produzenten verloren.

"Bei Trainings- oder Wettbewerbsflügen, die bis ins Bergische Land führen, konnten wir uns bisher immer über dem Kraftwerk mit einer Geschwindigkeit von fünf, sechs Metern pro Sekunde entlang der Schwaden hochschrauben, um dann weitere industrielle Thermikquellen in Neurath, Niederaußem oder Dormagen anzusteuern", schildert Club-Präsident Norbert Diekneite.

Seitdem Frimmersdorf nicht mehr unter Dampf steht, müssen die Flieger zwar nicht in die Röhre schauen, doch ihre Starts mit der photovoltaik-betriebenen Winde zeitlich etwas weiter nach hinten verschieben. "Wir können nicht mehr gleich loslegen, sondern müssen nun die natürliche Thermik abwarten", bedauert Diekneite. "Und das bedeutet für uns einen Zeitverlust von einer bis zu zwei Stunden." Bei Streckenflügen von etwa 400 Kilometern Länge, bei denen es auch um die sportliche Leistung der Piloten geht, werde es da recht schnell eng. "Die sind praktisch nur möglich, wenn wir sehr früh starten", berichtet Norbert Diekneite.

Für Axel Prümm, der ebenfalls Bürgermeister in Grevenbroich war, ist der Blick auf den Kölner Dom mittlerweile zu einem "Jeföhl" von Heimat geworden, nachdem es ihn in die Metropole am Rhein verschlagen hat. "Ich bin dienstlich viel in Deutschland unterwegs, und wenn ich nach Hause komme, gucke ich zuerst, ob der Dom noch steht", sagt Prümm. Eine solche heimatverbundene Beziehung habe er zu den Kühlturm-Wolken über der Schlossstadt an der Erft allerdings nie gehabt, gibt er offen zu.

Aber: "Sie sind für mich ein Zeichen für pure Energie. Daran denke ich jedes Mal, wenn ich die Dampfschwaden von Köln aus sehe", betont Prümm. "Und damit meine ich nicht nur die Power-Unternehmen, die in Grevenbroich angesiedelt sind, sondern auch die Menschen, die dort leben und sich für ihre Heimat in Vereinen oder Verbänden einsetzen."

Das alles habe seinerzeit der Slogan "Bundeshauptstadt der Energie" ausgedrückt, den Prümm nach wie vor für treffend hält. Und ein bisschen sympathischer als "Mordor" klingt der Spruch sicherlich allemal.

(NGZ)