Krefeld: Ein sanfter Überzeugungstäter

Krefeld : Ein sanfter Überzeugungstäter

Karl-Heinz Renner ist Radfahrer aus Überzeugung und Leidenschaft. In Krefeld hater viel erreicht. Porträt eines freundlichen Homo politicus radeliensus

Karl-Heinz Renner gehört einer seltenen Spezies an. Er ist ein sanfter Überzeugungstäter. Dazu passt der Gegenstand, mit dem er kommunapolitisches Engagement verbindet: das Fahrrad. Mit Fahrrädern erobert man nicht die Welt - der Homo radeliensus bewegt sich still von Punkt A zu einem nicht allzuweit entfernt liegenden Punkt B. Das Fahrrad ist per se ein Heimatgefährt.

Dabei war das erste einschneidende Erlebnis Renners mit einem Fahrrad schlimm: Als zwölfjähriger Junge stürzte er schwer mit dem Rad, und zwar durch ein Schlagloch, und er erlitt einen Schädelbasisbruch. Andererseits: Dieser Unfall war wie ein Präludium für Renners Engagement, das ihn bis heute für bessere Bedingungen für Fahrradfahrer kämpfen lässt. 2011 kürte ihn der ADFC zum Radfahrer des Jahres. Für Krefeld hat Renner eine Menge erreicht.

Geboren wurde er 1949 in Bremen, aufgewachsen ist er in Witten. Nach Krefeld verschlug es ihn 1974 im Rahmen seiner Lehrerausbildung mit Referendariat am Fabritianum. Er unterrichtete Deutsch, Geschichte und Sozialwissenschaften, erst an einer Duisburger Gesamtschule, dann am MSM in Krefeld, dann am Gymnasium in Meerbusch-Strümp. Als Lehrer hat er nie auf autoritäres Gehabe gesetzt: "Ich habe nie 'Ruhe' geschrieen", sagt er; er sei konsequent gewesen, habe auf Einhaltung von Regeln gepocht - und er hat seinen Schülern zuweilen ungewöhnliche Angebote gemacht: "Einmal habe ich gesagt: Wenn 100 Papierschwalben fliegen, muss der Lehrer seinen Unterricht ändern." Sie sind nie geflogen, die 100 Schwalben, resümiert er lächelnd.

Intervention mit Papierschwalben: Die Anekdote passt zu dem Mann, der am Beginn seines politischen Engagements für Bewahren, Schützen, Erhalten stand. Denn der Homo radeliensus ist recht eigentlich ein Homo politicus radeliensus. Radfahren ist für ihn auch eine These, das praktisch-politische Plädoyer für einen sanften Umgang mit der Welt. In Begriffen und Kategorien gesprochen: Friedensarbeit, Eine-Welt-Laden, Umweltschutz waren die Eckpunkte in Renners politischem Denken. Das Fahrrad gesellte sich wie von selbst als politikfähiges Instrument dazu. Das Ganze war auch eingebettet in so etwas wie Schöpfungstheologie. Renner, der verheiratet und Vater von vier Kindern ist, war und ist der Kirche verbunden, erst der katholischen, von der er sich abwandte, als sie gegen die Gesamtschule Front machte, dann der evangelischen. Seit 1982 ist er Presbyter in der Kirchengemeinde Krefeld-Süd. Eine anrührende Erinnerung aus den 80-er Jahren ist der Transport eines Friedenskreuzes aus der Eifel nach Krefeld. "Der Transport des Drei-Meter-Kreuzes war ein Abenteuer für sich und die Verankerung mit den Kindern des Markus-Kindergartens ein kleines Fest", erinnert er sich. Den Grünen stand er früh nahe, zunächst ohne Mitglied zu sein; "Mitglied bin ich erst 20 Jahre später geworden", sagt er. Für die Krefelder Grünen war die Mitgliedschaft in der Partei kein Kriterium, ihn als einen der Ihren auftreten zu lassen - das hat er sehr geschätzt. Mitglied ist er irgendwann doch geworden. Renner zog 2004 für die Grünen in den Rat; seine politische Arbeit konzentrierte sich mehr und mehr auf das Thema Radfahren. Er hat in den 80-er Jahren die erste Fahrrad-Demo auf dem Ostwall initiiert; er war es, der sich für die Öffnung von Einbahnstraßen für den Radverkehr eingesetzt hat; er hat den Städtewettbewerb "Stadtradeln" des Klima-Bündnisses in Krefeld etabliert. Vor fünf Jahren hat er schließlich den "FahrRad!AktionsKReis!" ins Leben gerufen, der in diesem Jahr sein fünfjähriges Bestehen begeht. Der Kreis wird in diesem Jahr eine Offensive starten, für den Ausbau von Radachsen in Krefeld werben und weitere Verbesserungen für die Infrastruktur des Radverkehrs anregen.

Das Treffen mit Renner findet zünftig auf einer der Fahrradfahrer-und-Müßiggänger-Hoffnungsbaustellen Krefelds statt: auf dem Dach des Südbahnhofs, wo gerade der erste Abschnitt von Krefelds Promenade entsteht. Noch sieht es dort aus wie in einem Gebirge aus Teerpappe. Renner kommt mit Rad und Fahrradhelm; er ist drahtig, schlank, was am Fahrradfahren, aber auch an seiner veganen Ernährung liegt. "Meinen ersten Fahrradhelm haben mir übrigens meine Schüler geschenkt", erinnert er sich, "die Peter-Tosh-Reggae-LP der Schüler-Eltern fand ich zwar besser, aber immerhin trage ich seitdem immer einen Helm."

Denn merke: So sehr das Herz fürs Fahrradfahren schlägt, so sehr muss der Kopf dabei geschützt sein.

(RP)
Mehr von RP ONLINE