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Heimat in Mönchengladbach: Die strickenden Dienstagsfrauen

Heimat in Mönchengladbach : Die strickenden Dienstagsfrauen

Socken, Schals, Pullover: Die Frauen, die sich im Wollgeschäft von Ulrike Sauer treffen, stricken und häkeln gemeinsam. Dabei wird geplaudert - über die Familie, Handwerker, Zahnarztbesuche, Geldanlagen. Ein schönes Stück Heimat.

Karin Jenissen wird Oma. Ein kleines Mädchen ist unterwegs, erwartet wird es im September. Bis dahin hat die zukünftige Großmutter noch beide Hände voll zu tun. Sie strickt eine Babydecke aus zart-beigem Garn - in Perlmuster. "Ob ich das schaffe?", sagt sie zweifelnd. "Ich arbeite ziemlich langsam, und oft ribbel ich das, was ich abends gestrickt habe, morgens wieder auf." Dass sie sich nach sehr langer Pause überhaupt wieder an die Stricknadeln getraut hat, verdankt sie Ulrike Sauer. Sie hat vor nicht ganz drei Jahren ihren Laden an der Plektrudisstraße eröffnet. Seitdem wird im Ort heftig gestrickt und gehäkelt. "Ich war mit einer Freundin in Rheindahlen unterwegs", sagt Karin Jenissen. "Da sahen wir den Strickladen." Sie gingen rein - und da war's um sie geschehen. "Seitdem habe ich wieder Spaß am Handarbeiten."

Ähnlich erging es Ellis Lach. "Ich habe im Schaufenster einen wunderschönen Pulli gesehen und wollte den kaufen." Ulrike Sauer riet: "Stricken Sie ihn doch einfach nach." Auch Elisabeth Koppers wird Oma - es wird ein Junge. Für den Kleinen strickt sie winzige Söckchen - in Hellblau, versteht sich. Durch den Laden von Ulrike Sauer kam sie, auch nach langer Pause, wieder auf den Geschmack. "Da hatte ich auf einmal wieder Lust zu stricken", sagt sie.

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Ulrike Sauer verkauft nicht nur Garne, sie berät auch, gibt Tipps, hilft, wenn's nicht weitergeht. "Irgendwann kam ich auf die Idee, die Frauen einzuladen, gemeinsam bei mir zu stricken." Zwei Gruppen, die Dienstagsfrauen und die Mittwochsfrauen, treffen sich seitdem regelmäßig in dem kleinen Geschäft. Es gibt Tee oder Kaffee, Gebäck - und jede Menge zu erzählen. "Wir haben viele Themen, es geht nicht immer ums Handarbeiten", sagen die Dienstagsfrauen. Als da wären: Familie, besonders die Enkel, Handwerker, Zahnarztbesuch, Geldanlagen. "Es ist schön, abends vor dem Fernseher zu stricken", sagt Elisabeth Görtz. Schöner sei es allerdings, gemeinsam zu handarbeiten und dabei zu lachen, zu plaudern, auch mal Sorgen loszuwerden. "Die Frauen hören zu und nehmen Anteil", sagt Annemarie Pollmanns.

Sie ist Top-Profi in der Runde. Sie strickt mit Vorliebe Schals, Stolen und Dreieckstücher, mit komplizierten Mustern, wunderschön. Früher hat sie Puppenkleider genäht und für den guten Zweck verkauft. Den Erlös erhält das Kinderhospiz. "Das hat sich herumgesprochen, und ich bekam immer ganz viele Stoffreste und Wolle geschenkt."

So kam auch der Kontakt zu Ulrike Sauer zustande. "Sie kam in meinen Laden, stürmte auf mich zu und wollte Garne schnorren", sagt die Geschäftsfrau. Annemarie Pollmanns strickt viel. Und je mehr sie strickt, desto mehr Wollreste sammeln sich in ihrer Wohnung an. "Daraus mache ich dann auch wieder was, es verkommt nichts", sagt sie lachend.

Derweil hat Ellis Lach ihr Strickzeug komplett aufgeribbelt. "Ich habe mich verstrickt", sagt sie stoisch - und nimmt neue Maschen auf. Es geht von vorne los. Gleichzeitig diskutiert sie mit Ulrike Sauer über eine Häkelanleitung. "Ich kann sie dir fotokopieren", bietet sie an. Ellis Lach winkt ab. "Ich verstehe das besser, wenn du es mir zeigst. Das machen wir nächste Woche."

Es ist eine gemütliche Runde, die sich hier gefunden hat. Ein Stück Heimat für die strickenden und häkelnden Rheindahlenerinnen. "Aber neulich war auch ein Mann hier", sagt Ulrike Sauer. Der hatte die Frauen von draußen durch das Schaufenster gesehen. "Er kam rein und war richtig begeistert, fast gerührt." So eine gemütliche handarbeitende Runde habe er zuletzt in seiner Kindheit gesehen.

Die Dienstagsfrauen stricken und häkeln munter weiter, die Gespräche plätschern, es wird gelacht. Diese Frauen haben sich gefunden.

(RP)