Meerbusch: Die Glocken der Pfarrei Hildegundis

Meerbusch : Die Glocken der Pfarrei Hildegundis

Die historischen Glocken läuteten zum Mittagessen, bei Hochwasser und für Napoleon: Theo Haefs und Franz-Josef Jürgens vom Heimatkreis Lank erzählen Geschichte und Geschichten der bronzenen Klangkörper.

Für Kanonen eingeschmolzen, vom Pfarrer versteckt, im Krieg abtransportiert - die Glocken der Pfarrei Hildegundis von Meer haben so einiges miterlebt. Die "alte Glocke von Nierst" ist mit über 700 Jahren die Älteste von Ihnen. Theo Haefs (79) hat sie eher zufällig wiederentdeckt. Zusammen mit Franz-Josef Jürgens (68), Geschäftsführer des Heimatkreises Lank, hat Haefs Kultus- und Kunstgegenstände recherchiert, die in den Kirchen und Kapellen der Pfarrei zu finden sind - und die Ergebnisse in einem Buch festgehalten. "Das ist eine absolute Besonderheit, dass so eine alte Glocke noch hängt und funktioniert", staunt selbst Haefs. In der näheren Umgebung gäbe es nur im Kloster Brauweiler in Pulheim noch zwei weitere Glocken, die ähnlich alt seien. Aber auch die Nierster Glocke musste 1960 repariert werden, nachdem sie beim Läuten zersprungen war. Die Reparatur von Glocken sei früher nicht möglich gewesen. Dass man diese alte Glocke wieder habe schweißen können, sei ein großes Glück.

Die Stephanusglocke hängt zusammen mit der Sebastianus- und der Schutzengelglocke im Lanker Glockenturm. Ein Kruzifix mitsamt Inschrift ziert die Vorderseite.. Foto: Haefs

Aufmerksam wurde Haefs auf die Glocke durch eine Küsterin, konnte das Alter der Glocke aber nur indirekt bestätigen: Eine Urkunde von 1313 führte das Amt des Glockenverwalters auf, ergo musste es auch eine Glocke gegeben haben.

Die Sebastianusglocke in Lank zeigt die Heiligen Sebastianus und Johannes. Zusammen mit sechs weiteren Glocken sollte sie 1942 in Hamburg eingeschmolzen werden. Foto: Haefs

Jede Kirche halte Informationen über ihre Glocken bereit, Haefs Aufgabe sei lediglich das Zusammentragen gewesen. Auf die Frage, wieso es ihm die Glocken angetan haben, antwortet Haefs: "Als Hobby-Heimatforscher achten wir auf Themen, die nicht schon bekannt sind." Im Zuge seiner Nachforschungen stieß Haefs auf weit mehr als nur Glocken und Jahreszahlen. Jedes Ereignis im Leben der Glocken ist mit einer Geschichte verknüpft.

Theo Haefs (l.) und Franz-Josef Jürgens vor der Lanker St. Stephanus Kirche. Der Glockenstuhl wurde zwischen 1995 und 2002 komplett saniert. Foto: chal

Die ersten von Menschen gemachten Glocken wurden in China gefunden und auf das achte Jahrhundert vor Christus datiert. Sie wurden für Rituale genutzt, waren aus Eisen und klangen entsprechend blechern. In den Kirchtürmen Europas verrichteten etliche Jahrhunderte später sogenannte Bienenkorbglocken ihren Dienst. Auch wenn diese schon aus Bronze gefertigt wurden, waren die Glockenbauer mit dem Ton wohl noch nicht zufrieden. Erst die Zuckerhutglocke, die seit dem zwölften Jahrhundert gefertigt wird, erzeugt das unverkennbare Läuten. Ihr Geheimnis: Die Wandung der Glocke ist unten dicker als oben.

Diese Bauform hat sich seitdem nicht mehr grundlegend geändert und Glocken in verschiedenen Größen und Gewichten hervorgebracht. Die heutigen Glocken im Pfarrgebiet Hildegundis sind zwischen 50 und 85 Zentimeter hoch, mit einem Gewicht von 70 bis 380 Kilogramm.

Die erste bekannte Osterather Glocke zersprang vermutlich 1804, als zum Einzug Napoleons zu überschwänglich geläutet wurde. Damals seien vielerorts Glocken zersprungen, so Haefs. Die bronzene Nachfolgeglocke von 1811 wurde dann 1924 wiederum für Kanonen eingeschmolzen und gegen drei Stahlglocken getauscht. Bis heute hängen die Nikolaus-, die Marien- und die Josephsglocke im Kirchenturm.

Später, im Zweiten Weltkrieg wurden Glocken, so Haefs, in die drei Kategorien A, B und C eingeteilt. A-Glocken waren jung und wurden als erste eingeschmolzen, B-Glocken mittelalt und C-Glocken denkmalgeschützt. 1942 habe ein Lanker Pfarrer eine seiner Glocken im Ort verstecken können, zwei andere wurden zum sogenannten Glockenfriedhof in Hamburg abtransportiert, kehrten 1947 aber unversehrt wieder zurück. Dass Glocken in Kriegszeiten eingeschmolzen wurden, war, so Haefs, gängige Praxis. Nach dem Dreißigjährigen Krieg hätten zudem viele niederländische Kanonenbauer ihr Werk wieder rückgängig gemacht und Glocken gegossen. In den letzten Jahren drohe laut Jürgens eine neue Gefahr: Neben den Glocken müssten auch die Kirchen gepflegt werden. Leere Kirchen und Personalmangel hätten die Anzahl der Messen aber bereits reduziert - und mit ihnen die Mittel für die Instandhaltung.

Im Laufe der Zeit wurden Glocken für weit mehr als nur die Messe genutzt. "Glocken waren früher für alles zuständig", sagt Jürgens. Über Schulen läuteten sie den Unterrichtsbeginn ein, mittags schickten sie den Bauern zum Essen nach Hause, und beim Dammbruch 1920 warnten sie die Einwohner vor der drohenden Gefahr. "Glocken sind immer ein Stück Heimat", sagt Jürgens und ergänzt: "Man kennt den Schlag seiner Glocken." Dass sich jemand über Glockengeläut beschwere oder es gar als Lärm wahrnehme - das sei früher undenkbar gewesen.

(RP)