Arbeiten von Andreas Schmitten im Museum Kurhaus Kleve

Ausflugstipp: Kunstspaziergang durch Kleve

Am Niederrhein sind Stars der jungen Kunstszene wie Andreas Schmitten zu entdecken.

Ganz in Weiß liegt sie da, die elegante Schöne, und räkelt sich unterm bunten Sonnenschirm. Die abstrakte große Dame schwingt ihr schlankes „Bein“ über den Rand des runden Sockels, der in Pink, Rosa und Rot leuchtet. „Die Gestrandete“ heißt die an die klassische Moderne erinnernde Vier-Meter-Skulptur, die den Betrachter allerdings mit ihren perfekten samtig-matt schimmernden Oberflächen und ihrem strahlenden Schneeweiß auch ein wenig auf Distanz hält.

Es ist ein faszinierendes Teil von kühler Reinheit, das da im knatschbunten Stoffdesign mitten in der Wandelhalle des Museums Kurhaus Kleve liegt. „Im Kontrast zu den blütenweißen Objekten verweisen die farbigen Sockel mit ihren Stoffen auf die Welt von Theater, Zirkus, Varieté“, sagt Doris Krystof von der Kunstsammlung NRW über die Werke von Andreas Schmitten, der im Museum Kurhaus Kleve seine erste große Einzelausstellung hat. „Ihre spezifischen Formen verdanken die Podeste der großen Ausstattungsarbeit für das Schmela-Haus in Düsseldorf, die Schmitten im Auftrag der Kunstsammlung realisiert hat“, so Krytsof. Jetzt kombiniert er sie mit den für die Klever Sammlung entstandenen großen Skulpturen.

Schmitten – 1980 in Mönchengladbach geboren – gilt als „Star der jungen Kunstszene“, sagt Museumsdirektor Harald Kunde. Der Bildhauer war vor seinem Studium an der Kunstakademie an der Düsseldorfer Universität für Kunstgeschichte und Philosophie eingeschrieben – und zitiert in seinen Werken die Kunstgeschichte, etwa Marcel Duchamps, der ein mit seiner Signatur versehenes Urinal ins Museums stellte und als Kunst definierte. Bei Schmitten wird aus dem Duchamps-Zitat ein ästhetisch reizvolles Werk, das in einem lichtdurchfluteten Chor aus Stoff steht – aus dem Pinkelbecken mit Signatur wird eine sakrale Installation.

Oft sind es auch die scheinbar belanglosen Dinge des Alltags, die der Bildhauer als Vorbild für seine Installationen nimmt – da konstruiert er eine Spüle in Grau und umgibt sie mit einer perfekten Vitrine, präsentiert in der Mitte des Raumes.

„Schmitten hat ein ausgeprägtes Gespür für die Ästhetik, für die Präsentation, die er wie Schaufenster präsentiert – und damit zugleich in der allzu großen Perfektion auch wieder bricht oder dann auch ins Politische geht“, sagt Kunde.

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Wie der Raum, den Schmitten der „Bürgerwehr“ gewidmet hat: feinstes Leinen in dicke Krausen gelegt wie bei barocken Krägen. Man ist versucht, den Stoff anzufassen, ihn zu fühlen, man bewundert die exakte Arbeit der Naht. Man sieht die stilisierten Menschen in Halskrausen dort am Tische zur Versammlung der ehrbaren wie wehrhaften Bürger, die Rembrandt oder sein Schüler Govert Flinck einst malte.

Doch schnell kippt die Installation – sind es doch nur Karikaturen dieser Menschen, die einst mit Hellebarden den Künstlern des Barock von Flinck bis Rembrandt Modell standen und heute oft wie eine Karikatur ihrer selbst wirken: gar nicht so ehrbar und wehrhaft, wie sie wirken wollten. Dann wandelt sich das fein gedeckte, so helle Rund in einen Stammtisch, der zum dumpfen Gespräche verführt. „Dann sind wir bei dunkel-bourgeoisen Kaffeetafeln der Gegenwart“, sagt Kunde. Wo Gespräche oft mit „Man wird ja noch sagen dürfen...“ beginnen. Diese Werke faszinieren, irritieren und provozieren.

Draußen vor der Tür steht Schmittens monumentale Skulptur „Wartende“. Sechs Meter hoch und drei Tonnen schwer windet sie sich in schwereloser Eleganz vor dem Kurhaus in den Himmel. Und lädt ein, einen einfachen Museumsbesuch zu einem runden Ausflug durch den Klever Park und seine Kunst zu machen.

Zu Giuseppe Penones „Schatten der Bronze“ etwa, der sich als Baumstamm wie selbstverständlich zwischen die anderen Bäume gestellt hat. Wenige Meter weiter steht Balkenhols Mars verloren auf seiner Säule und guckt die barocke Minerva von Artus Quellinus, einem Bildhauer des 17. Jahrhunderts, an.

Nur knapp einen Kilometer weiter, zwei Fahrminuten und eine knappe Viertelstunde zu Fuß gen Stadtmitte wartet dann das 19. Jahrhundert: die niederländische Romantik des Malerfürsten Barend Cornelis Koekkoek. Der junge Erfurter Maler Wieland Payer konfrontiert hier die Romantik Koekkoeks mit moderner Landschaftsmalerei, lockt in traumhaft-lässige, menschenleere Welten in weiter Natur, wo sich leuchtende geometrische Formen über schier unendliche Wälder türmen.

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