"Es gibt keine Krisendiskussionen"

"Es gibt keine Krisendiskussionen"

Worauf blicken Sie am Ende der ersten Spielzeit zufrieden zurück?

Wagner Mich erfüllt mit Glück, dass das Ensemble, das wir zusammengestellt haben, sich über die Spielzeit sehr gut zusammengefunden hat.

Schmidtke Ich finde gelungen, dass wir es geschafft haben, dass eine deutliche Neugier im Publikum wahrnehmbar ist. Das ist ein Strom, der auf uns zuläuft.

Wie spürt man das?

Schmidtke Das haben wir zum Beispiel bei der Zuschauer-Konferenz gespürt, zu dem wir erstmals eingeladen haben. Da standen auf einmal an einem Sonntagmorgen 200 Leute im Theater und wollten mit uns diskutieren. Das beweist, dass es einen Zugang gibt zu unserem Programm und eine Suche nach Zugang.

Aber es gibt auch Menschen, die keinen Zugang finden und wegbleiben, wie die gesunkene Auslastung zeigt.

Schmidtke Ja, aber dazu kann man wenig sagen, denn wir wissen ja nicht, wer wegbleibt. Außerdem ist das völlig normal. Wir haben darauf geachtet, dass wir ein breites Angebot zeigen vom psychologisch inszenierten Klassiker bis zu Uraufführungen, die Performance-Charakter haben. Wir haben alle Türen in alle Richtungen aufgemacht. Wer nun wo hineinschaut, das entscheidet sich erst in der nächsten Spielzeit.

Es gibt Zuschauer und Kritiker, die eine Linie in Ihrem Programm vermissen. Sind die zu dumm, Ihre Schwerpunkte zu erkennen, oder streben Sie gar keine Linie an?

Schmidtke Niemand ist zu dumm zu erkennen. Wir sind aber keine Dramaturgen, die die Linie noch mal oben drüber schreiben. Die Zusammenhänge bei uns sind zarter und erlauben auch Sprünge. Es ging in der vergangenen Spielzeit um die Auseinandersetzung des Individuums mit der Welt der Kunst. Aber wir waren uns einig, dass wir das nicht noch mal erklären müssen.

Wagner Ich bezweifle auch, dass der Zuschauer eine dramaturgische Überschrift braucht, um den Abend zu genießen. Suchen danach eher Kritiker?

Die Düsseldorfer wollen vielleicht wissen, wofür ihr Theater unter dem neuen Intendanten steht.

Wagner Wofür steht denn Köln? Auch wenn Sie sich die Spielpläne in den Nachbarstädten ansehen, gibt es da Linien, aber die stehen nicht immer oben drüber.

Schmidtke Unser Programm steht für die Auseinandersetzung des Individuums mit der Gesellschaft, eingeschrieben in so unterschiedliche Stücke wie "Hamlet", "Puppen" oder "Rausch".

Wie schätzen Sie denn das Düsseldorfer Publikum ein?

Schmidtke Sehr anspruchsvoll. Die Leute haben sehr viel gesehen von Schröter, Gosch, Schleef bis zu den großen polnischen Regisseuren. Wir treffen hier auf Menschen mit einer reichen Zuschauerbiografie.

Wagner Und es kommen neue Zuschauer, die sich bisher eher in der Musik- oder Kunstszene bewegt haben. Die Leute sind sehr aufmerksam, vielleicht ein wenig verhalten während der Aufführung, aber im Applaus dann sehr herzlich.

Was erwartet diese Menschen in der nächsten Spielzeit?

Schmidtke Es erwarten sie zwei große Prozesse – von Kafka und von Kleist –, zwei Kämpfe ums Dasein, zweimal die Frage, wer bin ich in dieser Welt und warum muss ich mich erklären? Das setzt sich dann bei Falk Richters Büchner-Projekt und Ibsens "Peer Gynt" fort – es wird eine Spielzeit der Wahrheitssuche.

Wagner Und es gibt Stücke wie "Candide" und "Hoffmanns Erzählungen", die das Motiv des Reisenden auf der Suche nach seiner Position in der Gesellschaft aufgreifen – und in "Peer Gynt" laufen beide Linien zusammen.

In einer großen Kritikerumfrage wurden gerade Stücke und Schauspieler aus Ihrem Haus lobend erwähnt, der Auftakt in Düsseldorf aber zugleich mit Zitronen bedacht. Wie erklären Sie sich das?

Schmidtke Ach, zwei Mal Fruchtkiste! (lacht) Gegen zehn Positivnennungen für Schauspieler, Inszenierungen und Regisseure, Platz 2 in NRW! Unser Angebot ist divers, das wird von uns verlangt, und das wollen wir bieten. Und so ist auch die Reaktion darauf divers.

Wagner "Karte und Gebiet" ist zu Gastspielen eingeladen worden, ist in Düsseldorf immer bis zum Klappsitz ausverkauft. Solche Arbeiten ziehen Leute an, die jahrelang nicht mehr im Theater waren und begeistert sind. Wir nehmen die erste Spielzeit auch vom innerbetrieblichen Klima her positiv wahr. Natürlich müssen wir noch mehr Leute erreichen, aber es gibt bei uns keine Krisendiskussion. Wir sind am Ende der ersten Spielzeit müde, aber fröhlich.

(RP)
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