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Langenfeld: Erstklässler: Trolleys statt Tornister

Langenfeld : Erstklässler: Trolleys statt Tornister

Weil Schulranzen für i-Dötzchen häufig zu schwer sind, setzen immer mehr Eltern auf die rollenden Koffer. Mehrere Hersteller bieten inzwischen Schultrolleys an, die gezogen oder bei Bedarf auch wie ein Rucksack getragen werden können. Orthopäden halten das für eine gute Erfindung.

Am Rande des Bürgersteigs bremst Ina van Berkum ihren kleinen Trolley kurz ab. Die Sechsjährige lässt ihren Blick über die Wohnstraße in Langenfeld-Reusrath schweifen. Die meisten Kinder sind noch im Urlaub. Es sind die letzten Ferientage. Doch Ina ist mit ihrem leuchtenden Koffer auf Rollen nicht auf dem Weg zum Flughafen. Sie übt ihren Schulweg: 100 Meter geradeaus, einmal links, dann 200 Meter am Feld entlang. Ina braucht drei Minuten von ihrem Haus bis zur Grundschule.

Obwohl der Weg kurz ist, könnte er ziemlich anstrengend werden, wenn die zierliche Erstklässlerin einen bis zu sechs Kilogramm schweren Tornister auf ihrem Rücken tragen müsste, meint ihre Mutter Susanne van Berkum. Statt eines Tornisters hat die Langenfelder Familie deshalb für ihre älteste Tochter, die am 8. September eingeschult wird, einen Schultrolley gekauft. "Ich sehe häufig Mütter an unserem Fenster vorbeigehen, die ihren Kindern den Tornister tragen, weil er so schwer ist", sagt Susanne van Berkum. Der leere Ranzen wiege bis zu zwei Kilogramm, schätzen Experten, gefüllt bringe er bis zu sechs Kilo auf die Waage. "Das ist viel zu viel", sagt Brigitte Dziuba, Leiterin der Grundschule Beckrath in Mönchengladbach. Nicht überall wie an ihrer Schule hat jedes Kind ein eigenes Regal, in dem es die Unterlagen aufbewahren kann, anstatt sie täglich zu transportieren.

Dabei soll das Gewicht der Schulausstattung nicht mehr als zehn bis 15 Prozent des Körpergewichts des Kindes betragen, heißt es bei den Herstellern von Tornistern. Das wären bei Ina, die etwa 20 Kilogramm wiegt, gerade mal zwei bis drei Kilogramm. Die seien mit Malkasten, Blöcken, Federmäppchen und Sportsachen schnell erreicht, sagt Inas Mutter.

Immer mehr Eltern von i-Dötzchen entscheiden sich wie die van Berkums für einen Trolley. "Ina soll zur Schule gehen können, ohne von dem Gewicht eines Tornisters nach hinten gezogen zu werden", sagt ihre Mutter. "Das kenne ich noch aus meiner eigenen Schulzeit. Ich war ähnlich zierlich wie Ina und habe heute Rückenprobleme."

Mit Fehlhaltungen, die auch aus dem Tragen zu schwerer Tornister resultieren, kennt sich Paul Dann aus. Der Düsseldorfer ist Facharzt für Orthopädie und Rheumatologie mit Schwerpunkt Kinderorthopädie. Im Schnitt kommt alle zwei Wochen ein Kind in seine Praxis, das über Muskelverspannungen bis hin zu einem krummen Rücken klagt. "Das Tragen eines Tornisters beeinflusst das Lot der Wirbelsäule negativ", sagt er. Lendenwirbel verschieben sich nach vorne, Brust- und Halswirbel nach hinten. "Der Trolley ist eine super Erfindung", sagt Dann. "Für Kurzstrecken – beim Aussteigen aus dem Bus oder beim Treppensteigen – können Kinder den Trolley anheben. Das Wichtigste ist aber, dass sie nicht kilometerweit einen Tornister auf dem Rücken tragen müssen."

Inzwischen stellen mehrere Firmen neben Reisetrolleys für Kinder auch spezielle Trolleys für Schüler der ersten bis vierten Klasse her. Sie wiegen im Schnitt 1,5 Kilogramm, haben einen verstellbaren Griff und extra große Rollen. Während einige Hersteller wie Scout mit dem neuen Produkt werben, heißt es dazu bei Hama: "Wir haben uns im vergangenen Jahr gegen Schultrolleys entschieden. Gesünder sind Schulranzen." Ein weiteres Modell macht Schule: die Ranzenrikscha. Auf einem leichten Gestell können Tornister festgeschnallt und wie ein Trolley gezogen werden.

Unter den lokalen Händlern sind Trolleys für die Schule umstritten. "Wir haben zwar seit etwa drei Jahren Schultrolleys im Programm, raten aber häufig zum klassischen Tornister", sagt Sandra Fletsch von Lederwaren Geffers in Hilden. Sie fürchtet: Trolleys entlasten nur auf den ersten Blick den Kinderrücken, eine Schulter sei permanent leicht nach hinten geneigt. Das könne den Rücken mehr verdrehen als der geschulterte Ranzen. Orthopäde Paul Dann kann dem nicht zustimmen: Vor 20 Jahren hatten Kinder eine bessere Konstitution und waren damit auch auf das Tragen eines Tornisters vorbereitet, sagt er. Viele Kinder leiden heute schon vor dem Schulstart unter Bewegungsarmut: "Der Trolley ist für Schulkinder der neue Weg – der Arm muss nur leichte Zugarbeit leisten."

Auch viele Lehrer haben inzwischen von der Aktentasche auf den rollenden Koffer umgesattelt. "Die Schüler und Lehrer beeinflussen sich gegenseitig", sagt die Mönchengladbacher Grundschullehrerin Kathrin Koll. Auch Lehrer hätten ordentlich zu tragen: Ein Klassensatz Schnellhefter wiege schnell mal vier Kilogramm. "Am Anfang ist die Lehrer-Trolley-Fraktion noch belächelt worden, inzwischen kommen immer mehr mit einem Rollkoffer zur Schule."

Für i-Dötzchen Ina aus Langenfeld steht fest: "Der Trolley sieht schön aus mit den vielen Katzen." Und: "Er fährt sich gut." Bis zum Schulstart will sie noch einige Testfahrten unternehmen.

(RP)