Duisburg: Duisburg: Gedenkminute für Opfer

Duisburg : Duisburg: Gedenkminute für Opfer

Eine Minute schwieg der Stadtrat, dann redete der Oberbürgermeister weiter: Trotz des belastenden Ermittlungsberichts der Staatsanwaltschaft will Sauerland keine Hinweise haben, dass sein Rathaus die Loveparade rechtswidrig genehmigte. Das ZDF zeigt heute das Ausmaß der Planungsfehler.

Von den hinteren Plätzen im Duisburger Ratssaal kann man Adolf Sauerland nicht sehen, wie er 50 Wochen nach der Loveparade gestern gegen 15 Uhr bekennt, als Oberbürgermeister moralische Verantwortung für die Katastrophe zu tragen. Stehend schweigt der Rat eine Minute lang. Als die Fernsehkameras, die seine Erklärung live übertragen haben, wieder ausgeschaltet sind, schlägt Sauerland eine andere Tonlage an: "Ich stelle mich an dieser Stelle ausdrücklich vor die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Nach wie vor gilt: Die heute wieder zitierten ersten Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft nehmen keine gerichtliche Bewertung vorweg." Für die Verwaltungsmitarbeiter, gegen die die Staatsanwaltschaft Duisburg wegen fahrlässiger Tötung in 21 Fällen und fahrlässiger Körperverletzung in mehr als 500 Fällen ermittelt, habe die Unschuldsvermutung zu gelten, verlangt Adolf Sauerland.

Für Rainer Wendt, den Bundesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), wäre es dagegen jetzt an der Zeit, dass die Führung der Stadt endlich darüber aufkläre, wie es zur rechtswidrigen Genehmigung der Loveparade gekommen sei. Wilfried Albishausen, Duisburger Polizist und Landesvorsitzender des Bundes deutscher Kriminalbeamter, glaubt Sauerland sogar, dass er es ehrlich meine. Aber: "Er hätte besser gar nichts gesagt. Jetzt wird jeder sagen, er habe nur auf öffentlichen Druck hin so gehandelt."

Mit seiner Erklärung über moralische Verantwortung bei gleichzeitiger Unschuldsvermutung löst Sauerland überwiegend Verärgerung aus. Für den Duisburger FDP-Landtagsabgeordneten Holger Ellerbrock stellt sich Sauerland nicht vor seine Mitarbeiter, "sondern er versteckt sich hinter ihnen". Die innenpolitische Expertin der Grünen, Monika Düker, hält "das Gezerre um die Schuldfrage" für unerträglich. Es sei offensichtlich, dass die Stadt Fehler gemacht habe. "Wie müssen sich da die Angehörigen der Opfer vorkommen?" Edith und Friedhelm J., die Eltern einer der 21 Toten, wollen Sauerlands Entschuldigung nicht akzeptieren: "Das war sehr dürftig und kommt viel zu spät. Er hätte es uns persönlich sagen müssen oder wenigstens einen Brief an uns schreiben können. Das hat er aber nicht getan."

Der Düsseldorfer Rechtsanwalt Julius Richter, dessen Kanzlei 70 Loveparade-Geschädigte vertritt, spricht dagegen von einer "wichtigen Geste, auch wenn sie spät kommt." Im Gegensatz zu Sauerland habe NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) bis heute noch keine Verantwortung der Polizei eingeräumt. Auch sie wird durch den Bericht der Staatsanwaltschaft erheblich belastet.

Wer heute Abend die Doku-Fiction "An einem Tag in Duisburg: Todesfalle Loveparade" anschaut, in der die ZDF-Autoren Ute Waffenschmidt und Thomas Münten Interviews mit Spielszenen mischen, wird eher den Verdacht der Staatsanwaltschaft als die Unschuldsvermutung Sauerlands teilen. In einer Spielszene des 90-minütigen Films stellt das ZDF anhand der Zeugen-Aussagen aus dem Bericht der Staatsanwaltschaft eine Besprechung vom 22. März 2010 nach. In dieser Besprechung hielt ein Experte laut seiner Zeugenaussage den Duisburger Rathaus-Mitarbeitern eindringlich vier Beinahe-Katastrophen bei den Loveparades 2007 in Essen und 2008 in Dortmund vor.

In beiden Städten war demnach jeweils in Tunneln gefährliches Gedränge entstanden. In Dortmund habe der Führungsstab damals Tote und Verletzte befürchtet. In seiner Zeugenvernehmung erklärte der Experte auf die Frage, wie konkret er vor dem Tunnel in Duisburg gewarnt habe: "Ganz konkret. Er war schon als bloßer Eingang nicht geeignet, weil er zu schmal war. Schon gar nicht war es möglich, ihn als Ein- und Ausgang zu benutzen." Die Duisburger Planungen beschied er laut dem Bericht mit dem Satz: "Wer das so geplant hat, hat sie nicht mehr alle."

(RP)