Düsseldorf – Stadt ohne Mythos?

Düsseldorf – Stadt ohne Mythos?

Warum wird Düsseldorf in den überörtlichen Medien oft so verächtlich behandelt? Warum werden mit dieser Stadt immer wieder die negativen Seiten von Wohlstand und Geld verbunden?

Es ist kaum glaublich, wie viel Bosheit, wie viel hämische und abwertende Kommentare über Düsseldorf hereingebrochen sind, nachdem es den Wettbewerb um den europäischen Sängerkrieg, den Eurovision Song Contest, gewonnen hatte. Vor allem der "Spiegel", die "Frankfurter Allgemeine" und die "Süddeutsche Zeitung" tun sich hervor. Durch sie weiß man, dass Düsseldorf die "Heimat grölender Altbierhorden und überschminkter Millionärsfregatten mit Trippelhund" ist. Es werden heftige Zweifel geäußert, dass dieses "gern übersehene Städtchen" Deutschland repräsentieren darf. Immer wieder ist die Kö besonderer Anlass für offene Niedertracht. Es wird berichtet von der "Düsseldorfer Ausgehuniform für die Königsallee, die aus Louis-Vuitton-Tasche, Accessoires von Cartier und Yorkshire-Terrier" besteht. Der "Gernegroß Düsseldorf" ist "zugleich spießig und prollig", im übrigen auch leicht zu übersehen. Dafür sind angeblich Kölner Stimmen der Beleg: "Zahllose Leute leben Jahrzehnte in Köln, ohne die Existenz Düsseldorfs zu bemerken. Und im Rest Deutschlands ist es kaum anders." Daneben unendlich viel Herablassung über diese Provinzstadt und ihre politischen Vertreter. Immerhin – wie nett – spricht die FAZ von "einer oft verkannten Stadt, die herauswill aus ihrem europäischen Halbschattendasein."

Wahrscheinlich hat der Oberbürgermeister ja Recht, wenn er diese gesammelten Bosheiten mit dem Neid der Verlierer erklärt. Und diese Erklärung wäre für Düsseldorf noch ein Ehrentitel, denn Neid muss man sich bekanntlich verdienen, während man Mitleid geschenkt bekommt. Und doch, das ist wohl noch keine hinreichende Erklärung für die Massierung und für diese Art von Beleidigungen.

Warum, so muss man sich ja fragen, würden solche Niederträchtigkeiten nicht an die Adresse von, sagen wir, Köln oder Hamburg oder Frankfurt gerichtet werden, falls eine dieser Städte gewonnen hätte? Warum scheint sich gerade Düsseldorf für diese Art von Invektiven anzubieten? Warum können die Autoren und Medien darauf hoffen oder gar damit rechnen, dass ihre Leser beim Schmähen von Düsseldorf zustimmend reagieren?

Die Beschimpfung einer Stadt durch die Medien hat nur dann eine Chance beim Publikum, wenn der Ruf dieser Stadt nicht durch andere festsitzende Geschichten gleichsam geschützt wird. Solche beim Publikum festsitzenden positiven Erzählungen nennt man auch Mythen. Sie halten sich oft über Generationen. Beispiele aus der Konsum- und Technikwelt sind Marken wie etwa Leica oder Porsche oder Märklin. In der Welt der deutschen Städte sind etwa Hamburg, Berlin, Köln, Heidelberg mit handfesten Mythen umwoben, die das Vorverständnis des Publikums prägen. Markenkerne nennt das die Werbebranche. Man kann solche Städte natürlich leicht wegen irgendwelcher Vorkommnisse oder Entwicklungen kritisieren, aber man würde keine Zustimmung finden für pauschale Beleidigungen.

Ganz anders bei Städten, die nicht durch einen positiven Mythos, durch einen Markenkern, geschützt sind. Das bisher bekannteste Beispiel einer ungeschützten Stadt ist Hannover. Als wäre diese Stadt nicht schon genug geschlagen mit den Worten des großen Gottfried Benn: "Eine infernalisch graue dumme Stadt", so musste der deutlich populärere Harald Schmidt noch eines draufsetzen, was in der kollektiven Erinnerung hängen bleibt: "Hannover liegt zwar nicht am Arsch der Welt. Aber man kann ihn von dort aus sehr gut sehen."

Düsseldorf ist zum Glück nicht Hannover. Aber die positiven Erzählungen, die man mit Düsseldorf verbindet, sind bei weitem nicht stark genug, um als dominierende Mythen zu wirken. Weder Heinrich Heine noch die berühmten Künstler, die hier arbeiten, konnten einen Ruf erzeugen, der handfest genug wäre, um Bosheiten abprallen zu lassen. Womöglich hat Düsseldorf doch einen Mythos. Aber keinen, den die Düsseldorfer gern weitererzählen. Der bedeutende deutsche Lyriker Reiner Kunze legt die Spur. Er hat 1964 ein kurzes Gedicht zu Düsseldorf geschrieben, ein Gedicht, das es in die große und maßgebliche Sammlung deutscher Gedichte, den "Großen Conrady" geschafft hat. Es heißt: "Düsseldorfer Impromptu" und beginnt mit den zwei Versen "der himmel zieht die Erde an/ wie geld geld".

Warum nur fällt allen bei Düsseldorf zuerst das Geld ein? Sogar uns, wenn wir die Schuldenfreiheit der Stadt rühmen? Ein richtiger Mythos ist das ja nicht. Eher eine Ansammlung von Vorurteilen, ein Stereotyp also. Aber ziemlich gefestigt – und damit doch wieder einer der erbarmungslosen Städtemythen. Das Düsseldorfer Problem verschärft sich gerade für journalistische Beobachter, weil für sie Düsseldorf in der Finanzmarktkrise eine besondere Rolle spielt.

Gewiss – Düsseldorf ist nicht Frankfurt und schon gar nicht London. Vielleicht ist das das Problem. Düsseldorf ist nicht Finanzmetropole, aber die weithin sichtbaren Skandale um Geld finden hier statt. An Düsseldorfs Namen klebt die erste große, fast "systemische" Bankenpleite in der jetzigen Krise: der durch waghalsige Spekulation verursachte Niedergang der Düsseldorfer Industriekreditbank, der IKB. Ein Niedergang, der sogar die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in höchste Probleme brachte. An Düsseldorf klebt bis heute die wahrscheinlich größte deutsche Fehlspekulation mit Schrottpapieren, nämlich durch die WestLB und das quälend langdauernde Sterben dieser einst stolzen Landesbank. Und in diesem Kontext erinnert man sich natürlich an die Mannesmann-Übernahme und ihre Folgen. Im Gedächtnis hat sich gehalten, dass der ehemalige Vorstandsvorsitzende zur Verabschiedung einen besonders saftigen Bonus bekam - was bis heute viel Anstoß erregt. Dass er zuvor wie kein anderer das Vermögen der Aktionäre gemehrt hatte, bleibt dabei ungesagt. Düsseldorfs Name ist eng mit dem Motiv des skandalträchtigen Geldes verbunden.

Und weil das Bisherige noch nicht genug ist, verknüpft sich mit Düsseldorf ein weiteres hochrangiges Symbolereignis mit großem Erregungswert: das weithin als Skandal empfundene Victory-Zeichen des Deutsche-Bank-Chefs beim sogenannten Mannesmann-Prozess. Das alles ist tief im journalistischen Gedächtnis, wenn von Düsseldorf die Rede ist. Und deshalb hat es alle Chancen, zur kollektiven Erinnerung über diese Stadt zu werden - wenn es nur oft genug wiederholt wird. Und eben nicht mehr das ehrbare Wort vom Schreibtisch des Ruhrgebiets. Es ist eine Spur von Tragik, dass diese Stadt die Negativsymbole des großen Geldes erntet, während die wirklichen Finanzzentren den Profit davon tragen. Gegen solche Kollektivurteile hilft keine "Stadt der modernen Kunst", keine Schuldenfreiheit, keine renovierten Schulen und Kindergärten, keine neue U-Bahn und kein Kö-Bogen. Auch die "Heine-Stadt" ist dagegen wehrlos. Gegen solche Nachrede hat Düsseldorf als künstlerisch-kulturelle Metropole keine rechte Chance. Schon gar nicht, wenn wir diese kulturellen Mythenkerne nur halbherzig vertreten.

(RP)