Düsseldorf: Albanische Altenpflegerin droht Abschiebung

Trotz Blutrache in Albanien : Rolanda will Altenpflegerin werden – jetzt droht ihr die Abschiebung

Rolanda Lamnica soll nach Albanien abgeschoben werden, obwohl sie eine Ausbildung zur Altenpflegerin macht. In ihrem Heimatland drohen ihr und ihrem geistig behinderten Bruder Gefahr. Einer ihrer Brüder wurde schon erschossen.

Wenn Rolanda Lamnica einen Wunsch frei hätte, dann wäre es der, dass sie ihre Ausbildung zur Altenpflegerin bei der Caritas in Düsseldorf beenden darf. „Die Arbeit mit den alten Menschen gibt mir so viel. Ihnen zu helfen, sie zu betreuen, das ist für mich eine Berufung“, betont die 28-Jährige.

Während sie das sagt, bricht die junge Frau in Tränen aus. Denn sie weiß, dass der Wunsch, so einfach er klingen mag, kaum zu erfüllen sein wird. Denn ihr droht die Abschiebung in ihr Heimatland Albanien, aus dem sie vor drei Jahren gemeinsam mit ihrem geistig behinderten Bruder geflohen ist, weil sie fürchtete, umgebracht zu werden. Von dem Mann, der schon einen ihrer Brüder erschossen hat und der nicht mehr in Haft sitzt. „Bei uns nennt man das Blutrache“, sagt sie. „Wenn wir zurück müssen, weiß ich nicht, was passiert.“

Bei der Caritas ist man entsetzt über die Entscheidung, Rolanda abzuschieben, zumal in der Pflege bundesweit Fachkräfte gesucht werden. So fehlen allein in der Altenpflege derzeit rund 15.000 ausgebildete Altenpfleger sowie weitere 8500 Helfer. „Und dann will man ernsthaft so jemanden wie Rolanda zurückschicken. Das ist nicht nachvollziehbar“, sagt Henric Peeters, Vorstandsvorsitzender der Caritas in Düsseldorf.

Probleme mit der Frist

Aus Sicht des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) ist es das aber sehr wohl. Denn Rolanda fällt unter einen neuen Erlass des Bundesministeriums, der vorschreibt, dass Asylsuchende bis zu einem bestimmten Zeitpunkt einen entsprechenden Antrag gestellt haben müssen, um Hoffnung auf eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland zu haben. Wer das nicht innerhalb der Frist macht, hat kaum eine Chance auf ein Bleiberecht. Und Rolanda hat es nicht gemacht. Doch glaubt man ihr und den Mitarbeitern der Caritas, hat die 28-Jährige dazu überhaupt keine Möglichkeit gehabt. „Damals, im Juli 2015, als sie nach Deutschland kam, war das Bamf völlig überfordert und überlastet“, sagt Flüchtlingsberater Sebastian Vogt vom Caritas-Fachdienst Integration und Migration. „Es war der Höhepunkt des Flüchtlingsstroms. Viele konnten daher keinen Antrag stellen und machten das deshalb gezwungenermaßen erst viel später“, sagt Vogt. Angaben von Flüchtlingsorganisationen zufolge betrifft das Tausende Menschen. Ihnen droht deshalb – wie Rolanda – die Abschiebung.

Nach ihrer Ankunft in Deutschland wird Rolanda im Juni 2015 als Flüchtling registriert und kommt zunächst in eine Erstaufnahmeeinrichtung nach Dortmund. Von dort aus wird sie noch nach Wesel und Kerken „umverteilt“ und letztlich der Stadt Düsseldorf zugewiesen. Dort hat sich Rolanda in einer Flüchtlingsunterkunft aufgehalten und mehr als zwei Jahre warten müssen, bis sie ihren Asylantrag stellen konnte.

Rolanda pflegt ihren kranken Bruder

Rolanda weiß nicht, was sie falsch gemacht haben soll. Und auch sonst kann ihr das niemand genau sagen. Sie weiß nur, dass der Staat sie nicht mehr haben möchte – obwohl sie sich integriert hat. Sie hat Deutsch gelernt, spricht Englisch und hat einen Ausbildungsplatz. Sie will Deutschland nicht auf der Tasche liegen, sondern ihr eigenes Geld verdienen und einen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Sie pflegt ihren kranken Bruder, der auf sie angewiesen ist. Über seinen Asylantrag ist noch nicht entschieden worden. Für ihn wäre es eine Katastrophe, wenn seine Schwester plötzlich nicht mehr für ihn da wäre. Aber das kann theoretisch schon heute der Fall sein. Rolanda muss jeden Tag mit ihrer Abschiebung nach Albanien rechnen, das von der Bundesregierung als sicheres Herkunftsland eingestuft wird. Jederzeit können Behördenmitarbeiter vor ihrer Tür stehen, um sie abzuholen. Für die junge Frau ein grauenhaftes Gefühl. Den Gedanken daran versucht sie, so gut es geht zu verdrängen. Aber meistens gelingt ihr das nicht. „Ich lerne einfach, solange es geht Deutsch und weiter für meine Ausbildung“, sagt sie. Das lenke sie ein wenig ab.

Caritas will um Rolanda kämpfen

Die Caritas kämpft um die junge Frau und will alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen. Ein Anwalt ist eingeschaltet, eine Petition wird vorbereitet. „Wir wollen zumindest, dass sie ihre Ausbildung bei uns beenden darf“, sagt Peters. „Ich appelliere auch an Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel, sich für Rolanda einzusetzen und politischen Druck auszuüben auf Land und Bund“, so der Caritas-Chef. Sie sei schließlich Bürgerin der Landeshauptstadt. „Im Extremfall planen wir ein Kirchenasyl“, kündigt er an.

Ihre Ausbildung im Düsseldorfer Altenzentrum St Hildegard hat Rolanda direkt nach Erhalt ihres Abschiebebescheids abbrechen müssen. Die Caritas darf sie nicht weiter beschäftigen, sonst würde sie sich strafbar machen. Statt eine Ausbildungsvergütung bezieht Rolanda bis zu ihrer Abschiebung nun wieder Geld vom Staat. Genau das, was sie eigentlich nicht will. Sie will nur ihre Ausbildung machen und in Frieden leben. „Ich habe Albanien verlassen, damit mein Bruder und ich eine Möglichkeit zum Überleben haben.“

Update vom 12.07.2018: Die Caritas Düsseldorf hat eine Online-Petition gestartet, um ein Bleiberecht für Rolanda zu erwirken. Hier können Sie die Petition unterstützen.

(csh)
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