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Die schlechteste Sängerin der Welt

Die schlechteste Sängerin der Welt

In der Komödie hatte das Stück "Königin der Nacht – Glorious!" Premiere. Johanna von Koczian spielt darin die Millionärin Florence Foster Jenkins, die sich ihren Traum verwirklicht: ein Auftritt in der Carnegie Hall. Zu erleben ist eine gelungene Ensembleleistung.

Die Diva rauscht herein, grüngolden glitzert ihre Robe. Im gediegenen Salon wartet Cosme McMoon. Der Pianist, den sie sich als neuen Begleiter für ihre Konzerte wünscht, ist ihr sofort sympathisch. "Cosme, das klingt wie Kosmos", gurrt Florence Foster Jenkins. Sie kann es kaum erwarten, ihm eine Probe ihrer Kunst zu geben. "Ich bin selten indisponiert und immer eingesungen", versichert sie, "ich habe eine strapazierbare Kehle."

Noch ahnt der Musiker nicht, was gleich über ihn hereinbrechen wird. Arglos schlägt er die Gilda-Arie aus "Rigoletto" vor. Und springt entsetzt auf: Hatte man je so schräge Töne gehört? "Is' was? Tut Ihnen was weh?" erkundigt sich die Sängerin teilnahmsvoll. Auch das Publikum in der Komödie zuckt bei der ersten Koloratur zusammen. Hat aber nach ein paar Schrecksekunden einen Heidenspaß an der schrillen Darbietung.

So also hörte sie sich an, die legendäre Florence Foster Jenkins. Eine authentische Figur, die sich bar jeden Selbstzweifels ihren Weg ebnete. Von den einen als "schlechteste Sängerin der Welt" geschmäht, von einer überwältigenden Mehrheit aber geradezu vergöttert. Selbst Enrico Caruso und Cole Porter zählten zu ihren Bewunderern. Mit dem Bühnenstück "Königin der Nacht – Glorious!" setzte Peter Quilter der exzentrischen amerikanischen Millionärin ein Denkmal. Um sie wirklich ins Herz zu schließen, bedarf es jedoch einer brillanten Schauspielerin, die noch dazu der Sangeskunst mächtig ist.

Johanna von Koczian erweckt Florence Foster Jenkins mit inniger Hingabe zum Leben. Fabelhaft, wie sie sich wild entschlossen an den Noten entlang hangelt, sie mal haarscharf, mal komplett verfehlt und den Kampf mit dem Rhythmus verliert. Vor dieser Inbrunst und Wahrhaftigkeit muss auch Cosme McMoon kapitulieren. "Was für ein denkwürdiger Nachmittag", seufzt er nach seiner ersten Begegnung mit Florence Foster Jenkins. Und bleibt hinfort treu an ihrer Seite – bis zu ihrem Triumph in der ausverkauften Carnegie Hall, den sie 1944 nur um einen Monat überlebt. "Sie starb mit einem Lächeln auf den Lippen", berichtet der Pianist, "und sie wirkte ganz und gar zufrieden."

Was Cosme McMoon für Florence war, ist Horst Maria Merz für Johanna von Koczian. Er hält am Klavier verlässlich die Spur, während sie sich in ungeahnte Höhen schraubt. Das Publikum gluckst vergnügt, wenn sie die Klage "Warum suchst du mich heim so schwer?" aus "Tosca" anstimmt, die feurige Carmen gibt oder als "Königin der Nacht" mit den Engelsflügeln wedelt. Auch wenn es schwer sein mag, neben dem Star zu bestehen – dem Ensemble gelingt es prächtig.

Jede Rolle hat hübsche Konturen, auch die kleinen von Martina Mann als streitbare Florence-Gegnerin oder Vanessa Pérez Martinez als mexikanisches Unikum. Ute Willing, die gute Seele Dorothy, macht aus ihrem Part ein wunderbar selbstironisches Kabinettstückchen. Anton Rattinger spielt souverän den schrulligen Liebhaber, der seiner Angebeteten in unverbrüchlicher Zuneigung verbunden ist. Die Zwiegespräche des Paares würzen die ausgelassene Heiterkeit mit einer angenehmen Prise Melancholie.

Ein Abend mit Herz und Seele.

(RP)