Düsseldorf: Die Geschichte der Stadt ist auch die Geschichte ihrer Zeitungen

Düsseldorf : Die Geschichte der Stadt ist auch die Geschichte ihrer Zeitungen

Wer die Düsseldorfer Presselandschaft an der Schwelle vom 18. zum frühen 19. Jahrhundert betrachtet, wird irgendwann zu glauben beginnen, dass damals in der Stadt praktisch nur zwei Typen von Menschen gelebt haben können: solche, die Zeitungen und Zeitschriften gelesen, und solche, die diese geschrieben und hergestellt haben. Anders ist die Flut all der Blätter kaum zu erklären, die die kurfürstliche Residenzstadt überschwemmt zu haben scheint.

Auch das Staunen über eine so frühe und so vitale Presselandschaft der Stadt ist für uns Anlass gewesen, mit der heute beginnenden Serie die jetzt schon 300 Jahre alte Geschichte Düsseldorfer Zeitungen darzustellen. Und dabei stießen wir auf eine kaum fassbare Blütezeit des Düsseldorfer Verlags- und Pressewesens. Plötzlich gibt es in der Stadt die "Sammlung gelehrter Nachrichten am Niederrhein" (1772), es folgen bloß zwei Jahre später "Das Encyklopädische Journal" und "Iris", eine von Goethe nicht sonderlich geschätzte Vierteljahreszeitschrift für Frauenzimmer, der "Lumpenkrämer" erscheint und die "Düsseldorfischen gemeinnützigen Nachrichten", das "Wochenblatt für Damen" folgt 1789 und 1808 das "Echo der Berge" – die erste politisch bedeutsame Düsseldorfer Zeitung, indes im Dienste der Franzosen stehend; ein deutsches Sprachrohr hingegen ist der kurioserweise auf Französisch erscheinende "Courier du Bas-Rhin". Von Kleve über Wesel nach Düsseldorf gewandert, wurde er seit 1806 in Düsseldorf redigiert und verlegt.

Aber mit welchem Blatt soll man im publizistischen Getümmel allein des 19. Jahrhunderts überhaupt beginnen? Bei der "Düsseldorfer Zeitung" 1814 oder beim "Düsseldorfer Erzähler" 1818; beim "Rheinischen Beobachter" 1819 oder der "Deutschen Chronik" 1821? Darf man denn wenigstens das "Fremdenblatt der Stadt Düsseldorf" von 1826 unterschlagen? Keineswegs, schließlich veröffentlichte der Dichter Christian Dietrich Grabbe (1801-1836) darin seine Kritiken über die nicht minder legendäre Bühne des Karl Leberecht Immermann.

Freilich darf dieser bunte Blätterwald nicht zur Romantisierung verführen. Viele Neugründungen sind nicht von allzu großer Lebensdauer gewesen; oft erschienen sie nur in ein paar Ausgaben für bestenfalls wenige hundert Leser. Auch wird man sich über die Größe der Redaktionen keine Illusionen machen dürfen: Sie werden in aller Regel Ein-Mann-Zeitungen gewesen sein. Dennoch: In den revolutionären Unruhen der Jahre 1848 und 1849 gaben sie bereits herausragende Beispiele von mutigem Journalismus und einer zumindest modern anmutenden und tagesaktuellen Berichterstattung.

Publizistisch war dennoch einiges los in Düsseldorf. Wobei wir in unserer ausschnitthaften Aufzählung ja nur bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gekommen sind – also noch bevor in Deutschland allmählich die Massenpresse Einzug hält und auch in Düsseldorf Wirtschaftszeitungen gegründet werden, Kirchenblätter entstehen, politische Blätter und Arbeiterzeitungen sonder Zahl erscheinen, die gleich mit ihrem Titel deklarieren, worauf es ihnen ankommt – auf den "Kampf" und die "Freiheit".

Dort wird der Boden bereitet fürs 20. Jahrhundert, für Massenblätter und Tageszeitungen ganz neuen Zuschnitts, ausgestattet mit Drucktechnik und Nachrichtenmitteln wie nie zuvor. Verlage sind oft große Wirtschaftsunternehmen geworden. In den Anzeigen und im Vertrieb sowie dem journalistischen Angebot haben sie ihre Positionen behaupten können. In den bewegten Jahren der Weimarer Republik bis zu deren Untergang 1933 haben auch Düsseldorfer Zeitungen teil am permanenten Meinungsstreit um die besten Wege der Demokratie. Die Jahre des "Dritten Reiches" hinterlassen schlimme Erinnerungen an die braune "Presse in der Zwangsjacke" der Diktatur, aber auch ermutigende an das Schreiben "zwischen den Zeilen".

Ein Neuanfang wird nach der Nazi-Zeit nötig mit einer publizistischen Neuorientierung, die die Alliierte Militärregierung in Düsseldorf ab 1946 gewährt – in ihren Anfängen mit der "Rheinischen Post", dem "Rhein-Echo" und der "Freiheit", der "Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung", dem "Handelsblatt", später noch mit der "Rhein-Ruhr-Zeitung" und der "Westdeutschen Rundschau".

Das alles können nur Stichworte unserer Serie und einer Geschichte sein, die auch von Zensur und Meinungsfreiheit erzählt, von Aufklärung und Unterdrückung des freien Wortes – wie dem Verbot der "Rheinischen Zeitung" von Karl Marx; bis hin zu den Ideen, Zeitungen für das 21. Jahrhundert zu wappnen. Die Zeitung war und ist stets ein Spiegel ihrer Zeit und ihrer Gesellschaft, die sie kritisch und neugierig begleitet und von denen sie sich immer wieder als abhängig erfährt. Die Geschichte der Stadt ist darum auch eine Geschichte ihrer Zeitungen.

Das freilich ist eine Geschichte, die später als die rein städtische beginnen muss, weil sie ohne bestimmte Voraussetzungen undenkbar ist: ohne die Fähigkeit des Lesens in größeren Teilen der Bevölkerung und ohne eines geeigneten Druckverfahrens, wie es mit Gutenbergs Erfindung möglich wird. Erst dann kann Neugier geweckt werden – auf Nachrichten aller Art, auf Ankündigungen und Verlautbarungen, auf nützliche Anzeigen und natürlich stets auch auf Unterhaltung.

(RP)
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