Die Gemeinde Kerken feiert ihr 50 Jahriges

50 Jahre Gemeinde Kerken : Goldhochzeit nach Zwangsheirat

50 Jahre Kerken - die Bilanz zur Goldhochzeit

Vor 50 Jahren wurde die Gemeinde Kerken gegründet – gegen den Willen den Bürger. Wie steht es heute um den Gemeinschaftsgeist?

Resignation zeichnet die Gesichter, als am 9. Januar 1968 allen Anwesenden dämmert, dass der Schicksalsschlag nicht abzuwenden sein wird. Dabei geht es weder um eine Seuche noch um eine Naturkatastrophe. Was im Raum steht, hält mancher Aldekerker allerdings zunächst für noch schlimmer: Das damalige Amt Aldekerk wird auf Weisung des Landes NRW nicht nur aufgelöst, sondern soll auch ausgerechnet mit dem ungeliebten Nachbar-Amt Nieukerk eine Partnerschaft eingehen. Alle Protest-Versuche scheitern: Am 17. Mai 1968 verkündet der Oberkreisdirektor die Geburt der Gemeinde Kerken zum Stichtag 1. Juli 1969.

„Kommunale Neugliederung“ ist das Stichwort, die zuständige Arbeitsgruppe heißt im Volksmund nur „Gemeinde-Mordkommission“.

„Team Aldekerk“ um Amtsbürgermeister Jakob von den Driesch (M.) beim Anhörungstermin in Geldern am 9. Januar 1968. Foto: Gemeindearchiv Kerken

Als Strafe empfinden die politisch gewollte Heirat viele Bürger des stolzen Händlerdorfs Aldekerk, bis zum Bau der späteren A40 ein zentraler Knotenpunkt für den Verkehr zwischen Ruhrgebiet und Niederlanden. Doch alle Versuche, sich etwa mit Kempen oder Rheurdt selbst einen Partner auszusuchen, scheitern. Aldekerk samt Stenden und Nieukerk samt Eyll werden zu ihrem gemeinsamen Glück gezwungen; einer neuen Gemeinde, mit knapp 10.000 Einwohnern groß, stabil und finanzstark genug für die neue Zeit.

„Wäre es nach dem Willen der Bürger gegangen, hätte keine Gemeinde mit einer anderen fusioniert“, betont Gemeindearchivarin Johanna Klümpen-Hegmans. Auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Kerken war die Unlust aber besonders groß. Neben Sprüchen gehörten dort lange auch Schlägereien zum Alltag – und das blieb zunächst auch so. „Bevor Nieukerker auf der Aldekerker Kirmes mitfeiern durften oder andersherum, gab es immer erstmal eine Abreibung“, erinnert sich Erwin Baetzen (67). Wie tief die Gräben zwischen Aldekerkern und Nieukerkern waren, zeigt sich auch daran, dass die neue Gemeinde als einzige im Kreisgebiet einen Kunstnamen erhielt, um auch ja niemanden zu übervorteilen. Diskutiert wurde neben „Zweikirchen“ und „Vogtei“ auch „Eyll“ – nach dem zentralen und verbindenden Ortsteil. Die Wahl fiel letztlich auf das versöhnliche „Kerken“.

Das ehemalige Aldekerker Rathaus wurde, nach der Neugliederung überflüssig, am 10. September 1970 abgerissen. Keine gute Idee. Foto: Gemeindearchiv Kerken

Vier Kilometer nordwestlich von Aldekerk konnte man mit der Zwangsheirat deutlich besser leben. Das seit jeher etwas größere Arbeiterdorf Nieukerk wurde deutlich aufgewertet, entstand hier doch das Rathaus samt Sitzungssaal. Im Gegenzug wurde Aldekerk Sitz der Hauptschule wie der Sparkasse.

Schon im Sommer 1970 aber, also noch im ersten Jahr der fragilen Ehe, gab es Knatsch: Das nun überflüssige Aldekerker Rathaus wurde abgerissen – baulich vermutlich notwendig, aber eben auch symbolträchtig. Auch 50 Jahre später sitzt das bei manchem Aldekerker noch tief. Ein Streit um ein weiteres wichtiges Aldekerker Gebäude, das Jugendheim nämlich, führte maßgeblich zum Abschied des Pfarrers Theodor Prießen im Frühjahr 2018. Bei seinen Bemühungen, die Gräben zwischen Angehörigen der ehemaligen Pfarreien Nieukerk und Aldekerk zuzuschütten, sei der Pfarrer an seine Grenzen gestoßen, erklärte Weihbischof Rolf Lohmann. Ein Fehler bei der Fusion der zuvor seit dem 13. Jahrhundert getrennten Pfarreien: Anders als einst die Gemeinde erhielt die neue Pfarrei 2010 keinen neutralen Namen; „Sankt Dionysius“ ist Nieukerks Patron. Eine Steilvorlage für die verbliebenen „alten Hitzköpfe“ (Baetzen), die noch immer versuchen, Aldekerk und Nieukerk gegeneinander auszuspielen.

Archivarin Johanna Klümpen-Hegmans sieht Kerken als „Erfolgs-Idee“. Foto: Antje Seemann

Die Entwicklung der Gemeinde Kerken insgesamt aber nennt Archivarin Klümpen-Hegmans eine Erfolgsgeschichte. Zwischen 700 laufenden Metern Akten und zehntausenden Fotos zieht sie ein versöhnliches Fazit: „Die Zusammenlegung hat sich ausgezahlt. Es wurden viele große Projekte gestemmt: Kanalnetze, Altenheime, Kindergärten und Feuerwehrhäuser gebaut. Die Verwaltung wurde effizienter, die Wirtschaft aller Ortsteile gestärkt.“

Wahr ist aber auch, dass ein halbes Jahrhundert nach Gemeindegründung kaum ein Bürger von sich sagen würde, er sei Kerkener. „Hanns Dieter Hüsch hat einmal von ‚Kerkener Kühen‘ geschrieben“, erzählt Klümpen-Hegmans. „Die Reaktion war bei vielen: ‚Kerkener Kühe gibt es nicht! Die kommen aus Aldekerk oder Nieukerk, Winternam, Eyll, Rahm, Stenden, Baersdonk oder Poelyck…‘“

Marius Bloemers (28) spürt viel Verbindendes zwischen den Ortsteilen. Foto: Antje Seemann

Bürgermeister Dirk Möcking betont schon von Amts wegen das Verbindende – die Bahnstrecke etwa verbinde die Kerkener nicht nur mit Kleve, Krefeld und Düsseldorf, sondern dank der beiden Bahnhöfe auch miteinander. Darauf, keinen Ortsteil zu übervorteilen, muss er trotzdem stets achten – Aldekerk bekam zuletzt etwa einen großen Edeka samt Getränkemarkt und Drogerie sowie den ersten Kunstrasenplatz der Gemeinde. Möcking selbst wuchs in Aldekerk auf, bis ihn die Liebe nach Nieukerk zog. „Jeder Ortsteil hat seinen Reiz, überall ist Leben drin“, sagt Möcking, „und die Verwurzelung der Bruderschaften und Vereine auf dieser Ebene ist absolut positiv.“ Auch die Existenz der zwei Heimatvereine Aldekerk und Nieukerk sei ein Segen.

Die kooperieren längst bei vielen Projekten; gemeinsam war bereits das Buch zum 25. Jubiläum der Gemeindegründung entstanden. Früher undenkbar allerdings: Die heutigen Spielgemeinschaften der Nachwuchs-Fußballer von FC Aldekerk und TSV Nieukerk. „Davon profitieren alle“, sagt Marius Bloemers (28), aktiv in Aldekerks Heimat- und Fußballverein. „A- und B-Jugend sind sogar Meister geworden – gemeinsam.“

„Frotzeleien? Unbedingt, aber nett gemeint“; Erwin Baetzen (67). Foto: Antje Seemann

Rivalitäten zwischen den Ortsteilen soll diese Generation vor allem im Karneval, im Mundart-Theater oder bei den noch immer feurigen Derbys der Senioren erleben. Dort sind die Frotzeleien sehr gern gesehen – als Beweis der Zuneigung des alten Ehepaars A. und N., das einst aus politischen Gründen verheiratet wurde. Manche sagen, es habe sich irgendwie zusammengerauft – andere, es sei miteinander glücklich.

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