Bericht: Die Angst des Lehrers vor den Zeugnissen

Bericht : Die Angst des Lehrers vor den Zeugnissen

Arne Ulbricht ist Lehrer in Wuppertal, und heute fühlt er sich schlecht. Denn Zeugnisse mag er nicht - eigentlich.

Ich bin Lehrer. Und das ist etwas Wunderbares. Denn man begleitet Schüler, also junge, verrückte, kreative und manchmal auch etwas schwierige Menschen in einer entscheidenden Phase ihres Lebens. Wenn es optimal läuft, dann bringt man den Schülern sogar etwas bei! Wenn es weniger optimal läuft, dann ist es immer noch ein recht spannender und vor allem aufregender Beruf. Nie würde ich diesen Beruf tauschen wollen mit einem in der freien Wirtschaft. Dort verdient man vermutlich besser, aber diesen engen Kontakt zu jungen Menschen, den hat man dort in der Regel nicht. Also alles perfekt?

Nein. Leider nicht. Denn zum für mich Bedrückendsten an unserem Beruf gehört der Zwang, Noten vergeben zu müssen. Inzwischen artet die Notenvergabe zum kollektiven Wahnsinn aus. Das liegt natürlich zum einen an einigen Schülern, die inzwischen nach jeder zweiten Stunde angerannt kommen und über ihren Stand informiert werden wollen. Und das liegt an Eltern, die hin und wieder gegen Noten klagen und so Lehrer massiv unter Druck setzen. Und es liegt ... an den Lehrern, die jede Gruppenarbeit und jedes Powerpoint-Referat benoten und manchmal sogar nach jeder Stunde eine Ziffernnote geben.

So etwas mache ich nicht. Bin ich faul? Ich glaube nicht. Die Wahrheit ist: Ich hasse es, Noten zu geben. Es gibt Situationen, in denen ich es nicht kann. Wenn Hanna, die sich überhaupt nicht für Politik interessiert, eine handgeschriebene Hausarbeit zum Thema "EU-Beitritt der Türkei" abliefert, dann finde ich das großartig. Deshalb schreibe ich unter eine solche Arbeit keine Note, sondern sage der Schülerin, dass ich mich gefreut habe und erkläre ihr, was sie nächstes Mal besser machen könnte. Klingt nach Waldorfpädagogik, ich weiß. Ist mir aber egal. Dann ist es halt so. Im Verlauf eines Schuljahres gebe ich abgesehen von Klausuren und Tests kaum Noten für Referate, Hausaufgaben und Gruppenarbeiten. Die meisten Schüler haben sich daran gewöhnt.

Aber meine Abneigung gegen Ziffernnoten holt mich zweimal im Jahr auf brutalst mögliche Weise vor den Zeugniskonferenzen wieder ein. Dann bin ich gezwungen, Noten einzutragen. Ich gebe den leistungsstarken Schülern gern gute Noten, und ja, diejenigen, die die Leistung mehr oder weniger verweigern, denen gebe ich mit bestem Gewissen eine Fünf. Aber was mache ich mit den Schülern, die sich bemühen und die kämpfen, denen ich aber eine Fünf geben müsste? (Für Klausuren und Tests gebe ich natürlich Noten, und die muss ich berücksichtigen.) Was mache ich mit einem Schüler, der sich unheimlich verbessert, aber der rein rechnerisch trotzdem nie auf eine Drei kommen würde? Was mache ich mit dem Schüler, der Französisch nicht aussprechen kann und keinerlei Zugang zur Grammatik hat, der aber mit Begeisterung Französisch lernt? Für so jemanden ist eine Vier minus, die ich mit Gnade geben könnte, doch ein Schlag ins Gesicht! Aber im Zweifel muss ich einem solchen Oberstufenschüler dann drei oder vier Punkte und damit ein Defizit geben, um das Gerechtigkeitsgefühl derjenigen, die sich die fünf Punkte verdient haben, nicht allzu sehr zu verletzen. Oder sollte ich ihnen dann einfach sieben Punkte geben und zwei Punkte "schenken"? Aber wenn ich so handele, dann beginnt der Teufelskreislauf erst recht.

In solchen Situationen bin ich glücklich, kein Grundschullehrer sein zu müssen. Dann müsste ich achtjährigen Kindern Noten geben. Was soll das? Muss ein achtjähriges Kind wirklich schon auf die Leistungsgesellschaft vorbereitet werden?

Neulich äußerte ich mich kritisch zum Thema Notenvergabe. Es gab Zuspruch, aber ich bin auch wüst beschimpft worden. Wir müssten mithalten mit den Chinesen, bekam ich zu hören.

Notenvergabe. Für mich ein Alptraum.

Aber immerhin: Nach Vergabe der Zeugnisse beginnt wieder der Unterrichtsalltag. Dann stehe ich wieder im Klassenraum, an der Front, und dort fühle ich mich wohl. Genau dort bringt mir das Lehrersein so ungeheuren Spaß. Und dieser Alltag ist zum Glück noch immer das Kerngeschäft unseres Berufs.

(RP)
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