Erkelenz: Das Leben an der Abbruch-Kante

Erkelenz: Das Leben an der Abbruch-Kante

Das Braunkohlegebiet Garzweiler II soll verkleinert werden. Doch derzeit weiß niemand, wie groß der Bogen sein wird, den die Riesenbagger eines Tages um die Ortschaft Holzweiler ziehen werden. Das beunruhigt die Bewohner.

Erhard Dohmen will weiter kämpfen. Einen ersten Erfolg konnten er und seine Mitstreiter bereits verbuchen, als Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) Ende März überraschend die Verkleinerung des Braunkohlen-Abbaugebiets Garzweiler II verkündete. 300 Millionen Tonnen Kohle sollen weniger gefördert werden als geplant. Das entspricht einer Fläche von etwa zehn Quadratkilometern.

Damit bleibt die Ortschaft Holzweiler südöstlich von Erkelenz verschont. In Holzweiler ist Erhard Dohmen zur Schule gegangen. Er kennt viele der 1400 Einwohner. Eigentlich hätten diese Menschen 2015 erste Vorbereitungen für ihre Umsiedlung treffen müssen, auch wenn die Bagger erst in etwa 15 Jahren angerückt wären.

Nicht alle waren zunächst erleichtert, bleiben zu können. "Einige haben ihre Häuser in Gedanken schon aufgegeben", weiß Dohmen. Überwiegend herrsche aber große Erleichterung. "Ich gehe jetzt mit anderen Augen durch das Dorf und stelle fest: Es ist wirklich schön", sagt auch Petra Schmitz von der "Interessengemeinschaft Holzweiler".

Jetzt könne es bei der alten Landstraße (L 19) bleiben, sagt die grüne Landtagsabgeordnete aus dem Kreis Düren, Gudrun Zentis bei einem Ortsbesuch. Sie versteht nicht, wieso die Planungen für eine neue Landstraße weitergehen. "Haben sich die neuen Realitäten noch nicht in der Verwaltung herumgesprochen?" fragt sie.

Das Nachbardorf Immerath wird dagegen von der Landkarte verschwinden. Die meisten der einst 1000 Bewohner sind weggezogen; ihre Häuser verfallen. Ein Baustoffhandel verkauft Kunststoff-Fenster, die aus den verrottenden Gebäuden herausgetrennt wurden. "Gespenstisch", entfährt es Simone Peter. Die Bundesvorsitzende der Grünen ist aus Berlin angereist, um sich über Garzweiler II zu informieren.

In dem Mini-Dörfchen Dackweiler, das ebenfalls verschont bleibt, erfährt die Politikerin, dass die Menschen beunruhigt sind. Noch wisse niemand, wie der Abbau in dieser Region verlaufen wird. Kraft habe zwar angekündigt, dass es 2015 eine "Leitentscheidung" geben wird. Doch niemand rechne damit, dass dann bereits die Grenze des Tagebaurands feststeht. Die riesigen Schaufelradbagger werden zwar um Holzweiler und Dackweiler sowie um einige Gehöfte einen Bogen machen. Aber wie groß wird er sein? Und was bedeutet die Umplanung für die Größe des Restsees, der dort einmal entstehen wird? Nämlich dann, wenn in Garz-weiler II nicht mehr gefördert wird. Bislang laufen die Planungen bis 2045, doch vermutlich geht selbst RWE Power nicht mehr davon aus, dass so lange gebaggert wird. Dies allerdings bestreitet das Unternehmen.

Wenn in Garzweiler keine Kohle mehr gefördert wird, soll das zurückbleibende Riesenloch langsam mit Rheinwasser volllaufen. Das wird 60 Jahre dauern. Die Planungen bei der Bezirksregierung Köln wurden im April gestartet. Vorgesehen ist, das Wasser vom Rhein mit Leitungen bis nach Grevenbroich-Frimmersdorf zu transportieren. Am Ende entstünde einer der größten Binnenseen Deutschlands.

Doch jetzt geht es den dort lebenden Menschen erst einmal um den Abstand zur künftigen Tagebaukante. Petra Schmitz vom Eggerather Hof betont, die Grenze müsse "möglichst weit weg vom Dorf verlaufen". Ein Grund ist auch die Sorge vor Feinstaub aus der Riesengrube. Eberhard Dohmen hat präzise Vorstellungen: "Tausend Meter müssen es mindestens sein." Wie auch immer die Entscheidung ausfällt - für Christian Waldrich (38) kommt ein Wegzug aus Dackweiler nicht infrage: "Hier werde ich alt."

(RP)
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