Darum gibt es so viele Cannabis-Plantagen am Niederrhein in NRW

Drogenanbau auf Bauernhöfen : Was hinter den Cannabis-Plantagen am Niederrhein steckt

Die Polizei in NRW hebt immer mehr Drogen-Plantagen aus. Häufig finden die Fahnder sie in verlassenen Scheunen und Bauernhöfen am Niederrhein. Die Hintermänner kommen oft aus den Niederlanden, die sowohl Infrastruktur als auch Personal für den illegalen Anbau bereitstellen.

Die Polizei setzt im Kampf gegen die Drogenkriminalität entlang der deutsch-niederländischen Grenze zunehmend auf Hilfe von oben. Mit einem Hubschrauber suchen die Fahnder mit einer Wärmebildkamera ganze Landstriche nach ungewöhnlichen Wärmequellen am Boden ab, denn zur Zucht von Cannabispflanzen werden massenhaft Lampen benötigt. "Bei einem solchen Einsatz vor Kurzem schlug die Kamera bei einem Hof in Goch an", sagt Ermittler Stefan Derks (38, Name und Alter geändert). Daraufhin sei der Hof genauer kontrolliert worden. Und tatsächlich: Bei der anschließenden Razzia wird eine Cannabis-Plantage mit mehr als 1500 Pflanzen entdeckt. Der Pächter des Gehöfts wird festgenommen.

Der illegale Anbau von Cannabis boomt - nicht nur in der deutsch-niederländischen Grenzregion, sondern auch im Ruhrgebiet und im Bergischen Land. Ein Grund: Der aktuelle Straßenverkaufspreis für ein Gramm Marihuana liegt bei rund zehn Euro; eine einzige Pflanzenblüte kann bis zu 45 Gramm abwerfen.

Nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) heben die Drogenfahnder in jüngster Zeit immer häufiger solche sogenannten Groß-Indoor-Plantagen wie in Goch aus. Dabei befinden sich die illegalen Pflanzenzuchten oft in leerstehenden Scheunen, Gewächshäusern von Bauernhöfen und auf Hinterhöfen in Industriegebieten. Im Jahr 2015 entdeckte die Polizei in NRW 48 solcher Plantagen - und damit sogar doppelt so viele wie im Jahr davor. Die Zahlen für 2016 liegen allerdings noch nicht vor. Allein in diesem Jahr wurden in NRW aber schon wieder allein fünf große Cannabisplantagen von der Polizei aufgedeckt, zwei in Goch, drei in Gronau. Experten schätzen, dass das aber nur die Spitze des Eisbergs sei und die Dunkelziffer deutlich höher liegen dürfte.

Brandschutzrichtlinien verschärft

Die Hintermänner der Cannabis-Plantagen auf deutschem Boden sitzen in der Regel in den Niederlanden. "Sie haben ihre Anbauflächen zum Teil nach NRW verlagert, weil ihnen die Behörden in Holland stark zugesetzt haben", erklärt LKA-Sprecher Frank Scheulen. So sei es in den vergangenen Jahren im Nachbarland zu einer Reihe von Bränden in Wohnhäusern infolge des Cannabisanbaus gekommen. "Die niederländischen Behörden haben deswegen die Brandschutzrichtlinien verschärft, so dass die Kriminellen immer weniger Flächen zum Anbau zur Verfügung stehen haben und deshalb nach NRW ausweichen", so Scheulen.

Die Kriminellen aus den Niederlanden sollen laut Ermittlungen dabei gezielt deutsche Landwirte ansprechen, die in Geldnot sind und leerstehende Flächen zu vermieten haben. "Oder sie tun sich mit Deutschen zusammen, die Gewerbehallen, Scheunen oder sonstige Immobilien pachten und an sie weitervermieten", erzählt der Ermittler. Rund 5000 Euro im Monat könne ein Landwirt dafür erhalten, dass er nicht so genau hingucke, was die Untermieter auf dem eigenen Hof so treiben, sagt der Ermittler Stefan Derks.

Die holländischen Drogenprofis organisieren eine komplett autarke Infrastruktur, die benötigt wird, um Marihuana in großen Mengen anzubauen. Je nach Plantagengröße werden rund hundert Lampen mit bis zu 1000 Watt Leistung angeliefert. Zusätzlich gibt es Lüfter und Filter, die die Abluft wiederum neutralisieren, damit es draußen nicht allzu verdächtig riecht. Zusätzlich werden oft Klimaanlagen benötigt, um die Temperatur in den Gebäuden zu jeder Tageszeit optimal regulieren zu können.

Neben der Technik werde allerdings auch Personal zur Verfügung gestellt, erklärt Derks. "Es bewacht die Pflanzen, passt auf, dass sie nicht gestohlen werden und rund um die Uhr optimal versorgt sind", erklärt er. "Drei- bis viermal im Jahr kommen außerdem zusätzliche Erntehelfer, die die reifen Blätter dann fertig für den Verkauf machen", so der Ermittler. Bei einer Fläche mit 1500 Pflanzen könnten pro Ernte rund 50 Kilogramm Marihuana hergestellt werden. Bei einem Straßenverkaufswert von 2000 bis 3000 Euro pro Kilogramm kommt eine Plantage damit auf einen Umsatz von einer halben Million Euro pro Jahr.

Doch den Kriminellen auf die Spur zu kommen, wird offenbar aus Polizeisicht immer schwieriger. Denn in sämtlichen Polizeipräsidien in NRW sind die Abteilungen für Rauschgiftverfolgung in den vergangenen Jahren personell verkleinert worden. Wo sich einst bis zu 20 Fahnder um die Verfolgung von Drogendelikten gekümmert haben, sind es mancherorts mittlerweile nur noch fünf. Und somit zu wenig, um den Kriminellen das Handwerk legen zu können, kritisiert Ermittler Derks.

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(siev)
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