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Viersen: Bombenfund löst Chaos in Viersen aus

Viersen : Bombenfund löst Chaos in Viersen aus

Eine Weltkriegs-Bombe ist gestern Nacht in Viersen kontrolliert gesprengt worden. Mindestens zwei Häuser wurden stark beschädigt und sollen einsturzgefährdet sein. Die Lage in der Viersener Innenstadt war unübersichtlich. 10 000 Anwohner mussten ihre Wohnungen verlassen.

Es ist 17.45 Uhr, als Ursula Kaiser aufgeregt in die Leitstelle der Kreispolizei Viersen stürmt. "Mein behinderter Sohn und mein Hund sind noch in der Wohnung", ruft sie. "Man lässt mich nicht mehr zu ihnen durch." Ihre Wohnung liegt direkt im Evakuierungsbereich, den die Polizei gerade räumt. Alle Anwohner müssen bis 18 Uhr ihre Häuser verlassen haben. Niemand darf mehr rein. Nur Ursula Kaiser erhält eine Ausnahmegenehmigung. Sie rennt zu ihrer Wohnung, um ihren Sohn zu holen. Und schafft es rechtzeitig wieder hinter die Absperrung.

Erst um kurz nach 23 Uhr wurde die Stunden zuvor entdeckte Weltkriegsbombe in der Viersener Innenstadt gesprengt, teilte der Krisenstab mit. Entwarnung gab es jedoch nicht. Stattdessen rieten Einsatzkräfte, den Anwohner der unmittelbaren Umgebung davon ab, in ihre Häuser zurückzukehren. Mindestens zwei Häuser wurden nach Informationen aus dem Krisenstab beschädigt und sollen einsturzgefährdet sein. Augenzeugen berichteten, sie hätten einen Knall gehört und einen Lichtkegel gesehen. Gegen 23.45 Uhr wurde die Sperrung aufgehoben.

Bis dahin war die Lage unübersichtlich. Überall standen Menschen ratlos herum, warteten. Einige stützten sich auf Rollatoren, andere diskutierten darüber, wie sich Schäden an den Fenstern vermeiden lassen. Der Fund einer Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg um 13.50 Uhr in der Fußgängerzone hatte das Leben in Viersen aus dem Takt gebracht. Weil die Bombe wegen eines hochgefährlichen Säurezünders nicht entschärft werden konnte, ließ die Polizei Wohnungen räumen und sperrt Straßen ab. Großflächig.

In einem Radius von 500 Metern mussten etwa 10 000 Menschen ihre Häuser verlassen, in einem Radius von 1000 Metern durfte sich niemand im Freien aufhalten. Viele Anwohner, vorwiegend ältere, teils bettlägerige Menschen und Mütter mit Kindern, wurden in Sonderbussen in Notunterkünfte gebracht, die in Grundschulen und Turnhallen eingerichtet worden waren. Noch am frühen Abend irrten aber auch viele Menschen umher, auf der Suche nach Ansprechpartnern.

Zeitweise herrschte auf den Straßen in Viersen völliges Durcheinander, weil die Anwohner nicht wussten, was genau passieren würde. Selbst die Leitstelle der Polizei, deren Gebäude auf der Grenze zur Evakuierungszone steht, konnte bis in den Abend die Fragen der aufgebrachten Anwohner nicht beantworten. "Es herrscht absolutes Chaos auch bei uns. Wir sind selbst ganz schlecht informiert", sagte Dominik Leiterer, diensthabender Polizist in der Leitstelle.

"Es ist das erste Mal in Viersen, dass eine Bombe gesprengt werden muss", erklärte Brandmeister Klaus Thomas Riedel. "Eigentlich ist es keine Evakuierung, sondern eine Räumung – eine logistische Herausforderung, für die man sonst Tage braucht. Wir können den Leuten nicht mal Zeit lassen, um private Dinge aus den Häusern zu holen." Das gefällt nicht jedem. Einige wenige Anwohner weigern sich, ihre Wohnungen zu verlassen. "Die meisten reagierten jedoch einsichtig und besonnen", sagte Feuerwehr-Chef Frank Kersbaum. Was selbst bei einer kontrollierten Sprengung einer Weltkriegs-Bombe passieren kann, war am 28. August im Zentrum von München zu sehen. Dort entstand ein Millionenschaden. Laut Kersbaum handelt es sich bei der Bombe in Viersen um einen bauähnlichen Typ wie in München. Allerdings konnten die Experten vom Kampfmittelräumdienst bis gestern Abend nicht mit Gewissheit sagen, um was für eine Kiloklasse es sich bei der amerikanischen Bombe handelt – eine gefährliche Variable, was die Zerstörungskraft angeht.

Wie gefährlich eine solche Bombe für das Team vom Kampfmittelräumdienst sein kann, zeigt ein Unglücksfall aus Göttingen im Jahr 2010. Damals starben drei Sprengstoffexperten, als eine Zehn-Zentner-Bombe detonierte. Zu dem Zeitpunkt der Explosion hatte keiner der Männer an der Bombe gearbeitet – sie hatte aber ebenfalls einen der als hochbrisant geltenden Säurezünder. Deshalb wurden in Viersen sofort Schutzmaßnahmen eingeleitet, die Bombe mit Strohballen und Sand abgedeckt. Zudem ließ die Feuerwehr sofort alle Ladenlokale im Stadtzentrum schließen. Die dicht bebaute Innenstadt wurde mit Containern geschützt.

Ein Erkundungstrupp prüfte gegen Mitternacht die Standsicherheit der umliegenden Häuser. Heute will der Krisenstab weitere Einzelheiten bekannt geben.

(RP)