"Noch schlimmer als Kyrill": Bahn zieht verheerende Zwischenbilanz

"Noch schlimmer als Kyrill" : Bahn zieht verheerende Zwischenbilanz

Die Bahn hat knapp 36 Stunden nach dem Unwetter über NRW eine erste Schadensbilanz gezogen. Sie fällt verheerend aus. Mehrere verwüstete Passagen lassen sich demnach nur mit dem Hubschrauber erkunden. Noch immer stecken Züge auf freier Strecke fest.

Seit Montagabend kämpft die Bahn mit den Folgen des schweren Unwetters. Bisher hielt sich das Unternehmen mit einer ersten Bestandsaufnahme zurück. Nun aber heißt es in einer offiziellen Mitteilung: "Die Schäden am Schienennetz der Rhein-Ruhr-Region sind noch schlimmer als befürchtet."

Die Lage am Mittwoch ist unverändert verfahren. Im Regional- und Fernverkehr müssen sich Reisende auf Verspätungen und Zugausfälle einstellen. Bahn-Hauptstrecken an Rhein und Ruhr sind gesperrt, Städte wie Bochum, Duisburg, Düsseldorf und Essen sind faktisch vom Fernverkehr abgeschnitten, IC- und ICE-Züge enden vorzeitig in Köln, Hamm und Münster. Auch regionale Zugverbindungen und S-Bahnen waren weiter stark beeinträchtigt. Eine detaillierte Zusammenfassung der Einschränkungen finden Sie hier.

"Gegen diese Naturgewalten kann man sich leider nicht wappnen. Die Verwüstungen in Teilen der Rhein-Ruhr-Region sind noch schlimmer als beim Orkan Kyrill", sagt Reiner Latsch, Konzernbevollmächtigter der DB in Nordrhein-Westfalen.

Das gesamte Ausmaß der Schäden sei trotz intensiver Einsätze immer noch nicht abschließend erkennbar. Demnach tut sich die Bahn nach wie vor äußerst schwer, die Folgen des Unwetters zu beseitgen oder auch erst zu erfassen. Zu mehreren Passagen an den Bahnstrecken finden die Reparatur-Teams demnach noch nicht mal einen Zugang: "Streckenerkundungen müssen teilweise mit Hubschraubern der Bundespolizei vorgenommen werden, da mit dem Zug oder Auto kein Durchkommen ist", heißt es.

Zudem steckten immer noch 16 Züge auf offener Strecke fest und blockierten die Trassen.

Das vorläufige Fazit fällt somit vor allem für Bahnkunden unbefriedigend aus: Wann ein geregelter Bahnverkehr wieder möglich sein wird, ist noch immer nicht abzusehen. Aber es wird dauern.

Tausende Mitarbeiter seien derzeit mit großem persönlichen Einsatz damit befasst, die Lage wieder unter Kontrolle zu bekommen. Dennoch sei nicht absehbar, wann die Züge wieder fahrplanmäßig verkehren.

Hinzu kommt der wachsende Unmut auf den Bahnsteigen. Allein ein Blick auf Twitter zeigt das Ausmaß der Verärgerung. Viele Kunden sind stinksauer und werfen dem Unternehmen vor, sie hilflos im Chaos zurückzulassen. Die Gründe: vielfältig. Widersprüchliche Informationen, falsche Durchsagen, nutzlose Taxi-Gutscheine, Hilflosigkeit.

Ist schon merkwürdig, daß sogar die Mitarbeiter in den Bahnhöfen über die mangelnde Informationspolitik fluchen. #Bahn

Einige Berichte von Gestrandeten klingen haarsträubend. So wie die von Britta Schuldt, die seit Montagabend am Duisburger Hauptbahnhof festsitzt. Die Übernachtung im Hotel hat die Bahn für sie bezahlt - im Gegensatz zu anderen Kunden. Die nämlich hatten von Mitarbeitern andere Informationen bekommen: Nämlich dass sie selbst für die Übernachtung aufkommen müssten. Duisburg flirrt in diesen Stunden vor Verwirrung.

Am Dienstag verzeichnete die Servicenummer nach Angaben der Bahn ein Rekordaufkommen von über 40.000 Anrufen in wenigen Stunden. Latsch: "Angesichts dieser absolut ungewöhnlichen Situation ist es ausgesprochen schwierig, verlässliche Prognosen und Reiseinformationen zu geben."

Das Unternehmen reagiert auf den Ärger und kündigte am Mittwoch an, die kostenlose Hotline (08000 99 66 33) mit Personal verstärken zu wollen. Auch über Twitter bemüht sich die Bahn nach Kräften, auf Kundenfragen einzugehen, stößt aber angesichts der begrenzten Möglichkeiten auch dort immer wieder an seine Grenzen.

Ein Arbeitsstab arbeite daran, Informationen im Internet und über mobile Services ständig auf den neuesten Stand zu bringen. Entsprechende Informationen zur aktuellen Betriebslage können unter www.bahn.de/aktuell oder unter m.bahn.de abgerufen werden.

Reisende will die Bahn mit einigen Kulanzregelungen besänftigen. Demnach können in den Reisezentren oder bei Mitarbeitern zuggebundene Fahrkarten auf andere Verbindungen umgeschrieben werden, auch wenn dadurch Umwege entstehen. Wer gar nicht mehr seine Reise antreten möchte, kann sich Tickets und Reservierungen kostenfrei erstatten lassen.

@Janekrich Wie es nächste Woche aussieht, können wir nicht vorhersehen. Sorry. /cc @HKXde /ja

Die schweren Unwetter behindern nun auch im Osten Deutschlands den Bahnverkehr. Die Fernverkehrsstrecken Hannover-Berlin und Hamburg-Berlin sind seit Mittwochmittag wegen umgestürzter Bäume unterbrochen, wie die Bahn in Berlin mitteilte. Die Zügen werden umgeleitet, Fahrgäste müssten mit längeren Fahrzeiten rechnen.

Hier geht es zur Infostrecke: Gestrandete Kunden wüten auf Twitter gegen die Bahn

(pst)
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