Düsseldorf: Bahn in NRW droht der Kollaps

Düsseldorf : Bahn in NRW droht der Kollaps

Die Deutsche Bahn hat gestern zum ersten Mal für ihre Reisenden eine monatliche Pünktlichkeitsstatistik veröffentlicht. Jeder fünfte Fernzug kam verspätet an. Laut einer neuen Studie soll sich die Lage besonders auf den Schienenstrecken an Rhein und Ruhr bis 2025 dramatisch verschärfen.

Etwa 20 Prozent aller Fernzüge in Deutschland hatten in den Monaten Januar bis August eine Verspätung von mehr als sechs Minuten. Das geht aus Daten hervor, die die Deutsche Bahn gestern erstmals auf ihrer Internetseite (www.deutschebahn.com) veröffentlicht hat. Zwischen 8,7 (Januar) und sechs Prozent (Juli) der Fernzüge hatten Verspätungen von 16 und mehr Minuten. Hartmut Buyken vom Fahrgastverband Pro Bahn begrüßte die neue Informationspolitik des Unternehmens. Allerdings gäben die Bundeszahlen keinen Aufschluss über regionale Engpässe. Besonders auf den stark belasteten Strecken an Rhein und Ruhr gäbe es erheblich mehr Verspätungen als im Bundesdurchschnitt.

In NRW droht sogar schon bald der Kollaps. Nach einer Studie des Instituts für Verkehrswissenschaften der Universität Münster werden bis 2025 53 Bahnstrecken in NRW überlastet sein. Das sind mehr als doppelt so viele wie gegenwärtig (24). Am stärksten betroffen ist die Nord-Süd-Achse von Emmerich über Oberhausen bis zur Landesgrenze nach Rheinland-Pfalz. Dort liegen neun der zehn engsten Flaschenhälse. Als besonders kritisch gelten die Knotenpunkte Köln und Duisburg mit einer zu erwartenden Überlastung von über 300 Prozent. Auch rings um die Bahnhöfe Düsseldorf und Dortmund werden die Kapazitätsgrenzen weit überschritten. Bochum, Gelsenkirchen, Minden und Oberhausen werden dann ebenfalls überlastet sein. 65 weitere Abschnitte werden demnach voll ausgelastet sein. Im Schnitt, so die Studie, wird die Zahl der Züge um 17,2 Prozent pro Tag und Strecke steigen.

Alleine der von den Nordseehäfen anrollende Güterverkehr wird nach den Untersuchungen bis 2025 um 168 Prozent steigen. Auch im Nahverkehr müssten erheblich mehr Züge fahren, um die Nachfrage in den NRW-Ballungsgebieten zu decken. Bundesweit wird mit einem Anstieg von 25,1 Prozent mehr Personenkilometern gerechnet. Das Rhein-Ruhr-Gebiet soll noch über diesem Wert liegen. Besonders kritisch sind hier die Trassen, auf denen sowohl Nah- als auch Güterverkehr abgewickelt wird. Lediglich beim Fernverkehr soll es kein nennenswertes Wachstum mehr geben.

Verkehrswissenschaftler Karl-Hans-Hartwig von der Universität Münster, der die Studie im Auftrag des Verkehrsverbands Westfalen erstellt hat, schätzt, dass allein in NRW 3,8 Milliarden Euro in die Schieneninfrastruktur investiert werden müssten, um die zu erwartenden Engpässe zu beseitigen. Vorrangig seien der Bau der regionalen Schnellbahn-Linie Rhein-Ruhr-Express und der Bau eines dritten Gleises von Emmerich nach Oberhausen im Rahmen der vom Rotterdamer Hafen kommenden Betuwe-Linie. Aber für keines dieser Projekte gebe es eine Finanzierungsvereinbarung: "Und nach den jüngsten Ankündigungen des Bundesverkehrsministeriums wird sich in den nächsten drei Jahren auch nichts tun." Die Projekte liegen derzeit auf Eis.

Die Folgen werden nicht nur Bahnreisende zu spüren bekommen, die besonders bei schlechten Wetterverhältnissen und Unfällen mit noch mehr Verspätungen zu rechnen haben. Da das Schienennetz die zusätzlichen Güterströme – gerechnet wird mit einem Plus von 65 Prozent bis 2025 – nicht aufnehmen kann, wird ein Großteil der Container per Lkw transportiert werden müssen. Das sorgt für eine weitere Belastung der schon jetzt überfüllten Straßen: Während Bahnkunden am Bahnsteig warten, stehen Autofahrer im Stau. Stefan Peltzer vom Verkehrsverband Westfalen befürchtet daher, dass Unternehmen in der betroffenen Region zunehmend Probleme bekommen könnten, Mitarbeiter von auswärts zu gewinnen.

Die Studie empfiehlt, die knappen Mittel vor allem in die Beseitigung der Engstellen in den Ballungsgebieten zu investieren. Doch solange das nicht geschieht, dürften Verspätungen eher zu- als abnehmen.

(RP)
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