Freizeitpark Zeche Zollverein in Essen Mythos, Magie, Maloche

Essen · Die Zeche Zollverein ist nicht nur ein beeindruckendes Industriegelände und Unesco-Welterbe, sondern auch ein beliebter Freizeitpark mit vielerlei Aktivitäten. Wir stellen einige vor – von Sport bis Kunst.

 Die Natur hat sich ihren Platz zurückerobert.

Die Natur hat sich ihren Platz zurückerobert.

Foto: Marion Meyer

Alles dreht sich in diesem Jahr auf der Zeche Zollverein um den Fußball. Denn dieser hat im Ruhrgebiet eine lange Geschichte. So erinnert die Sonderausstellung „Mythos und Moderne“ im Ruhr Museum anhand von 450 Fotografien an bewegende Momente des Fußballs. Und auch sonst gibt es diesen Sommer vieles zu entdecken auf dem Gelände der ehemaligen Zeche und Kokerei, die heute zum Unesco-Welterbe gehört – auch abseits von Fußball. Und viele der Angebote sind kostenlos. Kein Wunder, dass pro Jahr 1,5 Millionen Menschen das Gelände besuchen.

Lost Places im Ruhrgebiet - vergessene Zeugen der Industriekultur
16 Bilder

Vergessene Zeugen der Industriekultur im Ruhrgebiet

16 Bilder
Foto: Bruckmann Verlag/Karsten-Thilo Raab

Schon allein die Gebäudeensemble beeindrucken: die ehemaligen Fördertürme, die Transportbänder und -wagen, die Bandbrücken, die riesigen Stahlräder, die ehemaligen Gleise, der etwas rostige Portalkratzer – alles ist noch erhalten. Mit der App der Zeche Zollverein kann man sich auf Entdeckungsreise begeben. Im Denkmalpfad Zollverein lässt sich der Weg der Kohle in den authentisch erhaltenen Anlagen der Zeche und der Kokerei nachvollziehen. Gigantische Maschinen, Transportbänder, Förderwagen, Bunker und Trichter stehen für eine Industriegeschichte, die erst in den 1990er Jahren komplett endete. Bis 1986 waren die einst größte und leistungsstärkste Steinkohlenzeche der Welt und bis 1993 die größte Zentralkokerei Europas in Betrieb. Hier wurden einst bis zu 12.000 Tonnen Kohle am Tag gefördert, aufbereitet und schließlich zu Koks gebrannt.

Der Zechenpark lässt sich jederzeit besuchen. Auch Prof. Hans-Peter Noll, Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Zollverein, schwärmt über die Möglichkeiten: „Wer einen Besuch auf dem Unesco-Welterbe Zollverein plant, wird feststellen, dass wir hier eine vielfältige Auswahl an Angeboten haben: Was einst als ‚verbotene Stadt‘ galt, ist heute ein Ort für zahlreiche Freizeitaktivitäten. Ob unsere Besucherinnen und Besucher die Natur auf dem Gelände bei einem Spaziergang erkunden, den Sprung ins kühle Nass wagen oder sich die erhaltenen Übertage-Anlagen von Zeche und Kokerei anschauen möchten – all das und viel mehr ist dank des Wandels, den dieser Standort erlebt hat, möglich.“

Bei Führungen kann man die ehemalige Zeche genauso besichtigen wie die Kokerei.

Bei Führungen kann man die ehemalige Zeche genauso besichtigen wie die Kokerei.

Foto: Marion Meyer

Hier gibt es schöne Spazierwege und Fahrradstrecken, vorbei an den verwitterten Gebäuden und Geräten. In diesem speziellen Lebensraum der ehemaligen Industrieanlage haben sich Tausende Blumen wild angesiedelt. Mohn und Kornblumen wachsen hier, Natternköpfe und Königskerzen machen den Ort zu einem verwunschenen Biotop. Moose und Flechten lieben die kargen Böden mit den Ascheablagerungen. „Ein Ort der Arbeit hat sich in einen Ort der Freizeit gewandelt“, sagt Doreen Scholz, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Rundgang durch den Park. „Man sollte allerdings nicht lauf-faul sein“, sagt sie schmunzelnd. Allein die Umrundung auf der Ringpromendade ist 3,5 Kilometer lang. Man kann aber auch den E-Bus nehmen, der wie ein Bimmelbähnchen daherkommt und das Gelände regelmäßig umfährt.

In einer kostenlosen Outdoor-Ausstellung „Wildes Ruhrgebiet“, die noch bis 27. August zu sehen ist, haben Hobbyfotografen Tiere und Pflanzen der Region fotografiert. „An zehn Stationen ist zu sehen, welche Biodiversität wir hier auf 100 Hektar Land haben“, erläutert Scholz. Sogar nachts haben sich die Fotografen auf die Lauer gelegt, um auch nachtaktive Tiere wie Fledermäuse hier vor die Linse zu bekommen. Frösche, Kröten und Molche leben zwischen Halden und Industrieanlagen genauso wie 60 Vogel- und 41 Wildbienenarten. Ein Imker kümmert sich um die Wildbienen und ernten so Honig mit dem schönen Namen „Zechengold“.

Aktiv werden kann hier jeder. Tischtennisplatten stehen genauso parat wie kleine Tore, die zum „Soccergolf“ dienen. Ball und Material dafür kann man an einem der Infopoints während der Öffnungszeiten ausleihen und dann den Ball durchs Gelände kicken. Parcourtraining, eine „Herausforderung für urbane Akrobatinnen und Akrobaten“, gibt es hier genauso wie regelmäßige geführte „Kunstspaziergänge“ zu Skulpturen auf dem Gelände. „Das ganze Welterbe soll nahbar sein. Kein Elfenbeinturm, sondern ein Freizeitort auch für Anwohner“, sagt Scholz. Denn gerade die Akzeptanz der jungen Familien sei wichtig, damit der Ort auch in Zukunft erhalten bleibt. Alles in Schuss zu halten, kostet natürlich viel Geld. Das Land NRW, der Landschaftsverband Rheinland (LVR), der Regionalverband Ruhr (RVR) und die RAG Stiftung sind die größten Förderer der Zeche Zollverein.

Wer etwas tiefer in die Themen einsteigen will, dem seien die Führungen empfohlen. Dabei kann man die ehemalige Zeche genauso besichtigen wie die Kokerei, wo man die Produktionsabläufe kennenlernt und wie die Kohle in einem aufwendigen Verfahren 18 Stunden lang bei 1300 Grad zu Koks gebacken wurde: von der Kokserzeugung auf der „schwarzen Seite“ bis zur Gewinnung der Nebenprodukte auf der „weißen Seite“. Denn als Nebenprodukte der Kokerei gewann man Material für die Herstellung etwa von Aspirin und Persil. Führungen bieten auch einen Blick hinter die Kulissen, hinab in die Katakomben und Werkstätten oder hinauf auf die Gebäude. Vom Panoramadach in 45 Metern Höhe hat man eine tolle Aussicht auf das Ruhrgebiet mit seinen verschiedenen Halden. „Über Kohle und Kumpel“ nennt sich eine Führung, in der man die noch authentisch erhaltenen Anlagen von Zollverein Schacht XII und die Produktionsabläufe der Zeche kennenlernt. Bei „Kohlenwäsche mit Ausblick“ folgt man dagegen dem Weg der Kohle durch das Gebäude der Zeche und hinauf aufs Dach.

Die Macher haben einen Wunsch: Das ganze Welterbe soll nahbar sein. Kein Elfenbeinturm, sondern ein Freizeitort auch für Anwohner.

Die Macher haben einen Wunsch: Das ganze Welterbe soll nahbar sein. Kein Elfenbeinturm, sondern ein Freizeitort auch für Anwohner.

Foto: Marion Meyer

Spezielle Führungen richten sich an Kinder. Etwa bei der „Familienschicht in der Mitmachzeche“ lernen die Kleinen zusammen mit Eltern und Geschwistern, spielerisch die Abläufe im Bergwerk kennen. „Mit dem Bergmann auf die Zeche“ erfahren sie, wie die Kumpel früher gearbeitet haben und warum Sicherheit im Bergbau immer an erster Stelle stand. Denn Zollverein war nie nur das beeindruckende Gebäudeensemble, sondern auch immer die Menschen, die hier gearbeitet haben als Bergleute oder Koker.

Nicht nur für Kinder ist das sogenannte „Werksschwimmbad“ geeignet, das nur bis zum 13. August, zwischen 12 bis 20 Uhr, geöffnet ist – und das kostenlos. Es wurde allerdings erst nach der Stilllegung der Kokerei eröffnet. Wo früher der Koksofen sieben Tage die Woche auf Temperaturen von mehr als 1000 Grad beheizt wurde, lockt jetzt kühles Nass – ein schöner Kontrast vor geschichtsträchtiger Industriekulisse. Ein Highlight des Sommers: Der „Arschbomben-Contest“, der in diesem Jahr am 5. August stattfindet.

Wen die warmen Tage des Sommers eher in Innenräume locken, dem seien die beiden Museen auf dem Gelände empfohlen. Neben der Fußball-Ausstellung hat das Ruhr Museum, untergebracht in der ehemaligen Kohlenwäsche, eine sehenswerte Dauerausstellung zu bieten, die sich mit der Geschichte und den Eigenheiten des Ruhrgebiets auf spielerische, informative und teils interaktive Weise auseinandersetzt, mit den Menschen, der Sprache, den Trinkhallen und der Transformation eines Industriegebiets. Zum Eingang des Ruhr Museums führt eine beeindruckend hohe Rolltreppe, die schon Wim Wenders in seinem Dokumentarfilm über Pina Bausch verewigte.

Das Werksschwimmbad ist auf dem Gelände kostenfrei zu nutzen.

Das Werksschwimmbad ist auf dem Gelände kostenfrei zu nutzen.

Foto: Jochen Tack/Stiftung Zollverein

Das Red Dot Museum, ebenfalls auf dem Gelände der Zeche Zollverein, bietet eine beeindruckende Dauerausstellung zu Design und Popkultur. Mit 2000 Exponaten präsentiert es nach eigenen Worten die weltweit größte Ausstellung zeitgenössischen Designs mit der gesamten Bandbreite (mit dem „Red Dot“) ausgezeichneten Produktdesign. Egal ob drinnen oder draußen – hier gibt es vieles zu entdecken, zu viel für nur einen Tag.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort