Ausflugstipps in NRW: Architektur entdecken in Krefeld

Landpartie – Neue Touren für Entdecker : Die unterschätzte Schöne

Ja – Krefeld ist eine Architekturstadt. Besonders in den Gebäuden der 20er und 50er Jahre hat sie Epochales zu bieten. Dank Mies van der Rohes Bauten wird sie 2019 Bauhausstadt.

Wie schön wäre es, wenn man mit Riesenhänden die interessantesten Gebäude einer Stadt nebeneinanderstellen könnte. Wie würden einem die Augen übergehen, wie würde sich Geschichte erschließen, wie würde man auf einen Blick verstehen.

Krefeld ist als Architekturstadt eine unterschätzte Schöne. Sie versammelt Geschichte in epochalen Einzelbauten ebenso wie in Seitenwegen. Wer wissen will, warum der Brutalismus als museales Projekt interessant, aber lebenspraktisch gescheitert ist, kann sich das „Seidenweberhaus“ anschauen, Krefelds zentrale Veranstaltungshalle. Wir raten ab. Krefelds große Architekturereignisse siedeln in den 20er und 50er Jahren, sieht man von zauberhaften, großartigen, neogotischen Kirchbauten des 19. Jahrhunderts ab, für die stellvertretend St. Cyriakus in Krefeld-Hüls genannt sei. Ein Juwel.

Wie Geschichte funktioniert, kann man in Krefeld wunderbar studieren. Wirklich epochal ist es dort, wo der Sprung in die Moderne sichtbar wird. Beispiel für solch einen Sprung ist der Architekt Ludwig Mies van der Rohe (1886 - 1969), der seinen Durchbruch in eine neue Formenwelt Anfang der 20er Jahre gewagt hat, genauer gesagt 1921 mit dem Wettbewerbsentwurf eines Hochhauses. Glasflächen prägten einen Baukörper von nie gekannter puristischer Klarheit. Mies van der Rohe galt danach als Avantgarde-Architekt.

In Krefeld bekam er von den Textil-Unternehmern Hermann Lange und Josef Esters eine große Chance. Die beiden Freunde waren architekturbegeistert und reich genug, um entspannt bauen zu können. Vor allem waren sie verrückt genug, Mies van der Rohe für den Bau einer Doppel-Villa freie Hand zu lassen. Ein Projekt der Freundschaft und der Architektur. Ein Glücksfall. Daraus wurden Haus Lange und Haus Esters, 1930 fertiggestellt, heute Museen der Stadt Krefeld.

Mies hat noch mehr Spuren in Krefeld hinterlassen, darunter sein weltweit einziges verwirklichtes Stück Industriearchitektur im heute sogenannten „Mies van der Rohe Businesspark“ an der Girmesgath. Gemeint ist das sogenannte HE-Gebäude der früheren Verseidag (Vereinigte Seidenwebereien AG) – wobei HE für Herrenfutterstoffe steht; dort waren Lager, Warendurchsicht und Verkauf der Stoffe untergebracht. Angegliedert sind Sheddachhallen, in denen früher eine Färberei untergebracht war. Neun der 13 Hallen stammen von Mies; er hat sie seit Anfang der 30er Jahre errichtet. Heute sind sie für moderne Büroräume bestimmt – sie gehören sicher zu den schönsten Arbeitsplätzen Krefelds.

All das gilt in der Fachwelt als so bedeutend, dass Krefeld im Gedenkjahr der Bauhausgründung 2019 Bauhausstadt wird. Walter Gropius hatte die legendäre Kunstschule 1919 in Weimar gegründet, dritter Direktor wurde Ludwig Mies van der Rohe. Auch seine Krefelder Villen empfahlen ihn für diesen Posten.

Parallel zu Mies entfaltete sich am Niederrhein das, was man heute als Backstein-Expressionismus bezeichnet. Der Architekt Hans Poelzig (1869 bis 1936) baute 1929 bis ’31 an der Kliedbruchstraße 67 ein Paradebeispiel für diesen Stil. Die Backsteinfassade wird bestimmt von weichen, fließenden Linien, die an organische Formen erinnern. Eine andere Variante pflegte Arnold Esch (1885 bis 1935): Er verband klare Geometrie mit verspieltem Fassadenschmuck. Ein schönes Beispiel: Anfang der 30er Jahre errichtete er an der Paul-Schütz-Straße eine symmetrisch aufgebaute Wohnanlage. Es ist ein Straßenzug aus einem Guss, mit Hochbeetanlage als Vorgartenersatz und auflockernder Fassadenornamentik. Ein wunderbar behagliches Wohnquartier.

Vergleicht man die Formenwelten, fällt das unerhört Neue bei Mies van der Rohe sofort in den Blick. Wo er auf nie gekannte kubische Kargheit setzte, bewahrte sich der Backsteinexpressionismus den Hang zum Zierrat und zum Zitat. Modern war er darin auch – wer stilbewusst zitiert, blickt auf Vergangenes und eignet es sich doch neu an. Dennoch: Im Zitat steckt immer auch Rückwärtsgewandtes. So stehen radikale und abgemilderte Moderne nebeneinander. „Ich glaube, dass es neben der Avantgarde immer auch populäre Strömungen gibt, die Avantgarde-Elemente aufgreifen und abschwächen“, sagt dazu Christiane Lange, Kunsthistorikerin, Bauhaus-Kennerin und Nachfahrin von jenem Hermann Lange, der Mies freie Hand ließ.

Die Verseidag blieb architektonisch Innovationstreiber in Krefeld. In den 50er Jahren engagierte der Textilkonzern den berühmten Architekten Egon Eiermann zum Bau einer neuen Zentrale. Eiermann galt wie Mies als Klassiker der Moderne. Das Gebäude dient heute als „Stadthaus“, als technisches Rathaus, und beschert den Kommunalpolitikern graue Haare; die Sanierung soll mehr als 80 Millionen Euro kosten. Wünschenswert wäre es: Der Komplex wirkt heute noch frisch und modern. Vor allem im Innern entfaltet er eine berückende Dramaturgie aus Licht und Transparenz; die Blicke im Innern werden gelenkt durch ein fein gearbeitetes Geländersystem mit roten Punkt-Elementen, das dem Ganzen eine hinreißend zarte grafische Struktur einstiftet. Selten entfaltet ein schnödes Alltagsding so viel Präsenz und Leichtigkeit.

In die gleiche Zeit fällt die Textilingenieurschule des Düsseldorfer Architekten Bernhard Pfau am Frankenring 20, gebaut von 1951 bis 1958. Markant ist der an der Stirn leicht gewölbte Bau auf Stelzen. Pfau spielte gern mit organischen Linien, wie sie Poelzig zu eigen waren – gut sichtbar etwa am von Pfau entworfenen Düsseldorfer Schauspielhaus. Linien, die sich ja bis zu den Düsseldorfer Gehry-Bauten erhalten haben. Frank Owen Gehry hat Poelzigs Organik mit Mies van der Rohes Abstraktion ganz neu verbunden.

All die Leichtigkeit, all die Eleganz und Transparenz gehen im Brutalismus der 70er Jahre unter. Das Seidenweberhaus hat darin heuristische Kraft. Der Bau strahlt spielerische Lust tatsächlich nur in Luftaufnahmen aus; steht man unten vor dem Gebäude, egal auf welcher Seite, steigt vor einem ein unwirtlicher Felsen auf, der zerklüftet ist von funktionslosen Vorsprüngen und Durchgängen. Im Frankfurter Architekturmuseum gab es unlängst eine Ausstellung mit dem Titel: „SOS Brutalismus. Rettet die Betonmonster.“ Beim Seidenweberhaus kann man das Monströse der Betonmonster sehen und lernen, warum sie es nicht wert sind, gerettet zu werden. Man muss nicht jeden epochalen Irrweg für die Ewigkeit konservieren. Nahe bei uns und immer noch zukunftsrelevant sind Eiermann und Mies.

Noch mehr Tipps für den Ausflug

Adressen für den Architekturausflug Für Krefeld sind folgende Anlaufstellen interessant: Museum Haus Lange / Haus Esters, Wilhelmshofallee 91-97: Die Museen sind zurzeit wegen umfassender Restaurierung und Sanierung geschlossen. Die Gebäude können aber von außen besichtigt werden, auch von hinten von der Gartenseite her. Man bekommt einen sehr guten Eindruck vom Gesamtensemble. Zum 100-jährigen Bauhausjubiläum 2019 eröffnen die Villen Anfang 2019 wieder. www.kunstmuseenkrefeld.de/d/kunstmuseen/hauslangehausesters

Das sogenannte HE-Gebäude der ehemaligen Vereinigten Seidenwebereien (Verseidag), 1933 nach einem Entwurf von Mies van der Rohe gebaut, Mies van der Rohe Business Park, Girmesgath 5. Das Gelände ist frei zugänglich; man bekommt einen sehr guten Eindruck über Mies van der Rohes Formenwelt.www.mies-van-der-rohe.com//

Das „Stadthaus“; ehemals Verwaltungsgebäude und Lagerhochhaus der Verseidag, Konrad-Adenauer-Platz 1: Das Gebäude hat Egon Eiermann 1954 bis 1956 errichtet; es soll für mehr als 80 Millionen Euro saniert werden. Es ist tagsüber zugänglich; ein kurzer Gang ins Innere lohnt sich, um einen Eindruck von der Lichtdramaturgie und dem Raumgefühl zu bekommen. Besonderheit: Kaum zu unterschätzen ist die Rolle des Geländer-Systems für den räumlichen Gesamteindruck.

Für schlechtes Wetter Kaiser Wilhelm Museum, Joseph-Beuys-Platz 1 (ehemals Karlsplatz 35). Das Museum ist äußerlich ein prachtvoller klassizistischer Bau, nach der Sanierung präsentieren sich im Innern wunderbar großzügige, helle Ausstellungsräume, teil ausgestattet mit spektakulären, ebenfalls restaurierten Wandgemälden von Johan Thorn Prikker („Lebensalter“, 1923). Di-So 11 bis 17 Uhr. www.kunstmuseenkrefeld.de/

Historischer Tipp Wunderbare Bilder und mittelalterliche Architektur liefern das historische Linn und die Linner Burg, die von Park und Burggraben umgeben ist. Öffnungszeiten: Di-So (1. April bis 31. Oktober) 10 bis 18 Uhr, Di-So: (1. November bis 31. März) 11 bis 17 Uhr. www.krefeld.de/de/museum-burg-linn/41-museum-burg-linn/

Für Kinder Ein zauberhaftes Stück klassizistische Architektur findet sich auch im Zoo (Uerdinger Str. 377): das Grotenburg-Schlösschen aus dem Jahr 1840, das heute ein modernes Imbiss- und Erfrischungsrestaurant beherbergt. Es gibt auch einen schönen, großen Außenbereich mit guter Aussicht in den Zoo. März bis Oktober 9-19 Uhr; letzter Einlass 17.30 Uhr; Tierhäuser 17.30 Uhr; Zoo-Gastronomie 18 Uhr. www.zookrefeld.de

Und schließlich Wer immer noch nicht genug Architektur gesehen hat, dem sei die zauberhaft restaurierte neogotische St.-Cyriakus-Kirche am Marktplatz in Hüls empfohlen (Mo-Fr 15 - 17 Uhr; Sa 10 bis 12 Uhr und 15 bis 17 Uhr; www.st-cyriakus-huels.de).

Zum Einkehren Auf dem Hülser Berg lädt die Bergschänke (Rennstieg 1, www.huelser-bergschaenke.de) zum Essen und Trinken ein. An das Restaurant schließt ein schöner Spielplatz an; das Gelände des Hülser Berges ist mit Wildgehege und Naturlehr-Wegen ideal für einen Familienausflug – zum Abschluss und auch als Belohnung für architektonische Erkundungen.

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