Abschied von der Schreibschrift

Abschied von der Schreibschrift

Der Grundschulverband fordert die Abschaffung des Schönschreibunterrichts. Stattdessen sollen Schüler eine neue Grundschrift lernen. Ohne Schreibschrift geht es nicht, sagen die Gegner. Denn nur mit ihr entwickele sich eine flüssige Handschrift.

MOERS/Düsseldorf Sophie zeichnet mit dem Finger die Form des kleinen a nach. Dann greift die Siebenjährige zum Bleistift und schreibt eine lange Buchstabenreihe in ihr grünes Übungsheft. Die Erstklässlerin kommt ohne Schnörkel und Schleifen aus. Genau das soll sie auch: An der Gemeinschaftsgrundschule Moers-Repelen wird seit Sommer 2010 keine verbundene Ausgangsschrift mehr unterrichtet. Stattdessen lernen die Schüler eine neue Grundschrift. "Die Schrift der Kinder ist immer unleserlicher geworden", sagt Schulleiterin Barbara van der Donk. "Mit der Grundschrift soll sich bei den Schülern von Anfang an eine formklare und lesbare Handschrift entwickeln."

Die Schreibschrift wird zum Auslaufmodell: An immer mehr Schulen in NRW unterrichten Lehrer die Erstklässler in der neuen, vereinfachten Schrift, die auf Druckbuchstaben basiert. Bundesweit sind es bereits rund hundert Schulen, die der Empfehlung des Grundschulverbands folgen und die Gru ndschrift lehren. "Die Schreibschrift ist Ballast, den man nicht mehr braucht", sagt Ulrich Hecker, der zweite Vorsitzende des deutschen Grundschulverbands und Leiter einer Schule in Moers. Ihre ersten Schreibversuche machen Kinder ohnehin in Druckbuchstaben. Erst in der zweiten Klasse kommt eine von drei normierten Ausgangsschriften hinzu. "Dann können die Kinder gerade flüssig schreiben und lesen und müssen sich wieder umgewöhnen", sagt Hecker. "Diesen Umweg können wir Kindern ersparen."

Etwa ein Dreivierteljahr benötigen Grundschüler, um nach den Druckbuchstaben eine Schreibschrift zu lernen. Diese Zeit kann nach Ansicht des Verbandes sinnvoller genutzt werden. "Für Rechtschreibung, viel Lesen, wie es Pisa vorgibt, und Grammatik", sagt Hecker. Unterstützung bekommt er dabei von seinem Dinslakener Kollegen, Baldur Bertling, Sprecher des Grundschulverbandes NRW: "Die Lehrpläne sind vollgestopft, wir sind dankbar um jede Stunde, die wir Inhalten widmen können."

Früher hatten Kinder in der Grundschule acht Stunden Deutsch, davon zwei bis drei Stunden fürs Schönschreiben. Heute sind es nur noch fünf. "Schreiben wird heute eingebettet in andere Zusammenhänge. Es geht nicht ums Schönschreiben, sondern um Schrift als Gebrauchswert", sagt Hecker. Das soll die neue Grundschrift leisten: Sie soll lesbar sein, individuellen Spielraum bieten, schneller und ohne Verkrampfungen lernbar sein.

Das Schulministerium NRW macht den rund 3200 Grundschulen in dieser Hinsicht kaum Vorgaben. "Die Schulen müssen mit einer Druckschrift beginnen und bis zur vierten Klasse eine verbundene Handschrift erlernen", erklärt eine Ministeriumssprecherin. Welche Art der Schrift dies ist – ob die Lateinische Ausgangsschrift, die Vereinfachte Ausgangsschrift, die Schulausgangsschrift oder eine neue verbundene Schrift – ist nicht im Detail vorgegeben und somit den Schulen selbst überlassen.

Bei einer wissenschaftlichen Tagung haben 200 Vertreter der am Testlauf teilnehmenden Grundschulen jetzt über ihre Erfahrungen diskutiert – zirka 50 von ihnen aus NRW. Ihr Fazit nach rund einem Jahr Probezeit: "Die Lehrer sind zufriedener mit den Schriftergebnissen. Kinder müssen sich nicht mehr quälen", sagt Direktorin van der Donk. Die Schreibschrift spiele im Alltag keine Rolle mehr, meint Bertling. "Was wir heute schreiben, tippen wir größtenteils – und sehen es in Druckschrift", sagt Bertling. "Sowohl was das Schreiben als auch das Lesen angeht, ist die alte Handschrift etwas beinahe Exotisches."

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Werner Kuhmann, Psychologe und Erziehungswissenschaftler an der Uni Wuppertal, sieht das anders. Er plädiert für den Erhalt der Schreibschrift: "Die Schreibschrift als normierte Verbindung einzelner Buchstaben ist ein Kulturgut, das Übung voraussetzt. Wer den Schülern dafür nicht ausreichend Raum und Zeit gibt, kann sich über Schwierigkeiten nicht wundern."

Man beraube die Kinder nicht nur einer persönlichen Ausdrucksweise, sondern auch einer der grundlegenden Kulturtechniken, die in der Grundschule vermittelt werden sollten, kritisiert die Vorsitzende des Elternvereins NRW, Regine Schwarzhoff.

An den weiterführenden Schulen ergebe sich schon jetzt "ein sehr uneinheitliches Bild in der Klasse", sagt Hans-Jürgen Smula. An der Mulrany Realschule in Gelsenkirchen sitzen im Deutschunterricht Schüler zusammen, die bis zu vier verschiedene Schreibschriften gelernt haben. "Das macht die Verständigung und die Leistungsbewertung schwierig", berichtet Smula von den Erfahrungen der Deutschlehrer. Der Kommunikationsprozess werde gestört, da die Schüler untereinander die Schriften teilweise nicht lesen könnten. "Nichts wird verbindlich gemacht, jeder schreibt, wie er will."

Bei der Grundschrift müssen Kinder Buchstaben nicht aneinanderreihen, sie können es aber. Schließlich, so das Argument des Grundschulverbands, kombinieren auch Erwachsene, die eine Ausgangsschrift erlernt haben, später nur noch wenige Buchstaben miteinander. Kuhmann hält dagegen, dass diese Erwachsenen vor der Individualisierung der Schrift aber ein Verständnis für Schriftzeichen und deren Verbindung und damit für Sprache hatten.

Sophie, Fabian, Chiara und die anderen Kinder der 1c der Grundschule Moers-Repelen sind mit sich schon ganz zufrieden. "Das kleine c und d kann ich gut. Schwierig ist das e, klein und groß", sagt Fabian selbstkritisch. "Lesen kann ich so richtige Schreibschrift noch nicht. Aber das lernen wir gerade."

(RP)
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