"Abi 78 war anders als 2012"

"Abi 78 war anders als 2012"

34 Jahre liegen zwischen dem Abitur, das Aissatou Diallo gerade am Neusser Quirinus-Gymnasium gemacht hat, und dem, das RP-Redakteur Martin Bewerunge einst am Bonner Friedrich-Ebert-Gymnasium ablegte. Ein Gespräch darüber, wie sich die Zeiten ändern.

Bewerunge: Frau Diallo, was wird Ihnen aus dem Jahr 2012, in dem Sie Abitur gemacht haben, in Erinnerung bleiben?

Diallo: Dass ich sehr gehofft hatte, dass Deutschland Europameister wird (lacht)! Das wäre jedenfalls eine gute Nachricht neben all den schlechten gewesen, deretwegen jetzt sogar der Bundestag im Sommer durcharbeiten muss. Und natürlich werde ich mich an unseren Abi-Ball erinnern. Wie war denn Ihrer?

Bewerunge: Ich kann mich nicht entsinnen, dass wir einen gehabt hätten. Überhaupt war 1978 nicht sehr viel los. Es gab kein Internet, keine Handys, dafür drei Päpste in einem Jahr. Der Kalte Krieg bewegte die Leute weniger als die heutigen Krisen. Wir waren alle einfach nur froh, dass die Schulzeit endlich vorbei war.

Diallo: Also, ich finde es fast ein wenig traurig, dass sie jetzt zu Ende ist. Gerade in der Oberstufe hat sich ein gutes Verhältnis zu vielen Lehrern entwickelt. Das kann man schon als Vertrauensverhältnis bezeichnen. Man spürte: Die wollten, dass man das schafft, mit einem guten Abi hier raus zu gehen. Und durch die Abi-Aid-Abende, bei denen wir Schüler mit Aufführungen bei Eltern, Verwandten und Freunden Geld für den Ball gesammelt haben, sind alle, die mitgemacht haben, noch mehr zusammengewachsen.

Bewerunge: Hm. Zu unserer Zeit war das anders. Es gab eine scharfe Trennungslinie zwischen Schülern und Lehrern. Wenn sich einer gut mit den Lehrern verstand, wurde er als Schleimer gebrandmarkt. Das war weder besonders intelligent noch wirklich fair, aber die meisten von uns empfanden Schule bis zuletzt als lästig. Wir waren die We-don't-need-no-education-Generation, (Wir brauchen keine Erziehung) für die Pink Floyd ein Jahr nach unserem Abitur ja dann auch dieses Lied schrieben. Jedenfalls fühlten wir uns so.

Diallo: Für mich, und ich glaube, ich spreche da für viele meiner Mitschüler, war Schule nicht das Gegenteil von Freiheit. Natürlich haben wir eine Menge lernen müssen. Das war nicht einfach, aber es war nichts Außergewöhnliches. Es war normal. Heute machen doch viel, viel mehr junge Leute das Abitur als früher. Es ist ja auch unglaublich schwierig geworden, mit einem Hauptschulabschluss noch irgendwo einen Ausbildungsplatz oder einen Job zu bekommen. Also lernt man. Eine Menge Spaß hatten wir aber auch.

Bewerunge: Beim Abi-Ball zum Beispiel.

Diallo: Stimmt: Das war das Highlight unserer Schulzeit. Ich gehörte zu jenen, die es mit organisiert haben. Ein halbes Jahr vorher habe ich überlegt, was ich anziehe. Das richtige gefunden habe ich allerdings erst zwei Wochen vorher. Bei der Zeugnisübergabe saßen viele Abiturientinnen auf heißen Kohlen, weil sie vor dem Ball noch zum Friseur wollten. Die Jungs hatten sich Anzüge gekauft. Das war nicht bloß erwünscht. Die wollten das selbst.

Bewerunge: Zur Zeugnisübergabe ließ ich mich von meinen Eltern, die mir dafür liebend gern einen neuen Anzug gekauft hätten, breitschlagen, wenigstens die Jeans gegen eine dunkle Hose zu tauschen und das Jackett aus Tanzschulzeiten noch einmal anzulegen. Dass ich darin nicht unbedingt ein Hingucker war, werden Sie sich leicht vorstellen können, und Fotos von diesem Tag belegen es überdies mit grausamer Eindeutigkeit. Aber ich dachte mir in meinem jugendlichen Leichtsinn: Nur noch dieses eine Mal, dann bist du ein freier Mann.

Diallo: Ich habe das als einen festlichen Abschluss empfunden, als eine Belohnung für viele Mühen und als Ereignis, das verhindert, dass sich einfach alles verläuft.

Bewerunge: Zu meiner Zeit wurde alles, was in einem besonderen Rahmen stattfand, sofort als elitär beargwöhnt. Wie stehen Sie zum Begriff der Elite?

Diallo: Er ist für mich nicht negativ besetzt. Elite darf aber nicht zu Selbstgefälligkeit führen. Wir, die wir jetzt unser Abitur gemacht haben, sind deshalb nichts Besonderes. Aber wir haben unser Bestes gegeben und etwas Besonderes geleistet. Hatten Sie dieses Gefühl etwa nicht?

Bewerunge: Weniger. Bei uns war der Leistungsdruck bei weitem nicht so stark. Schule lief so nebenher. Das war damals noch möglich. Man konnte sich durchmogeln. Das Wort Zentralbitur war noch nicht erfunden. Warum sich anstrengen? Der einzige Numerus Clausus galt für Medizin. Für alle anderen Fächer konnte man sich relativ problemlos einschreiben. Ich hatte zwar das Gefühl, ein maximales Ergebnis erzielt zu haben, aber nur, weil der Aufwand entsprechend minimal gewesen war. Es ging damals in vielen Dingen sorgloser zu, und die Welt war viel weniger reglementiert als heute. Wir waren überzeugt, irgendetwas würde irgendwie schon klappen.

Diallo: Das ist heute natürlich ganz anders. ,Irgendwie' geht gar nicht. Heute sind viele gute junge Leute am Start, und jeder weiß: Das wird ein hartes Rennen. Die Konkurrenz ist groß. Heute ist es notwendig, ein klares Ziel zu haben und zu versuchen, es konsequent zu erreichen. Ich wollte zunächst ein Jahr als Au-Pair ins Ausland gehen. Aber ich habe mich nicht getraut, wegen des Doppeljahrgangs, der 2013 an die Unis drängt. Bestimmt war es früher leichter, keinen genauen Plan zu haben, was man in seinem Leben anfangen will.

Bewerunge: Das war sogar cool. Was ist für Sie cool?

Diallo: Cool ist, wenn man weiß, was man will. Wenn man sich treu bleibt. Wenn man in seinem Leben Kurs hält.

Bewerunge: Frau Diallo, vielen Dank für das Gespräch.

(RP)
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