Marie-Louise Lichtenberg spricht Im BM-Interview über die Leseförderung.

Montagsinterview Marie-Louise Lichtenberg : Leseförderung ermöglicht Bildung

Marie-Louise Lichtenberg ist pensionierte Lehrerin und stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur. Im BM-Interview spricht sie über die Leseförderung, ihre Arbeit im Arbeitskreis und was für sie den Reiz eines guten Buches ausmacht.

Frau Lichtenberg, welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

Marie-Louise Lichtenberg „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers. Ich lese häufig parallel – das zweite Buch, das ich gerade lese, ist „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz. Und kürzlich „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ von Manja Präkels und „The Hate U Give“ von Angie Thomas.

Was macht für Sie den Reiz eines Buches aus?

Lichtenberg Mich packt ein Buch, wenn ich dadurch in eine andere Welt und in eine Geschichte eintauchen kann. Mich fasziniert, wenn ich mein eigenes Leben hinten anstellen und neue Lebenswelten kennenlernen kann. Das versuche ich immer auch den Kindern und Jugendlichen zu vermitteln. Wenn man es schafft, Leselust schon früh zu wecken, dann bleiben die Kinder auch dabei.

Muss man heutzutage das
Lesen bei Kindern anders fördern als etwa vor 30 Jahren?

Lichtenberg Ich glaube nicht, denn Kinder sind immer gleich. Ich glaube viel eher, dass viele kleine Kinder heute nicht mehr das bekommen, was sie wirklich brauchen. Zuwendung, sich mit ihnen beschäftigen, einander ansehen, dem Kind vorlesen und erzählen – damit fängt es doch an. Stattdessen werden häufig schon kleine Kinder mit Fernseher, Smartphone oder Playstation ruhiggestellt. Und das, da bin ich fest von überzeugt, macht unsere Kinder letztendlich krank.

Wie genau sieht eigentlich eine Leseförderung aus?

Lichtenberg Grundsätzlich soll Kindern und Jugendlichen eine Tür geöffnet und ihnen vermittelt werden, wie spannend das Lesen sein kann. Lesen ist nicht langweilig oder uncool – jedoch die Konkurrenz ist heutzutage groß: Wenn ich dem Kind ein Buch oder eine Playstation gebe, dann weiß ich genau, wofür es sich entscheidet. Eine wichtige Rolle spielen allerdings auch die Vorbilder – zuerst die Eltern, dann Freunde im Kindergarten und in der Schule, die sogenannte peer group. Ein Modellprojekt der Leseförderung des Arbeitskreises für Jugendliteratur ist die Jugendjury zum Deutschen Jugendliteraturpreis. Hier setzen wir auf die aktive Teilhabe der Jugendlichen.

Warum genau ist sie so wichtig?

Lichtenberg Weil sie die Grundlage für den späteren Bildungserfolg ist. Denn Bildung passiert über das gelesene Wort. Nicht nur in Büchern, sondern auch digital.

Sollte Leseförderung eine schulische Aufgabe sein?

Lichtenberg Ja, die Schule spielt eine große Rolle, weil alle Kinder sie besuchen müssen. Wenn ich also Leseförderung in der Schule praktiziere, erreiche ich auf diese Weise alle Kinder – und nicht zuletzt auch die Eltern. Dieses Feld in der Schule zu beackern, ist daher besonders wichtig.

Welche Rolle können Eltern dabei spielen?

Lichtenberg Es fängt am Anfang des Lebens an, die erste Zeit sind die Kinder vor allem bei den Eltern – und da werden die Grundlagen gelegt. Neben dem klassischen Vorlesen und dem gemeinsamen Anschauen der Illustrationen ist das Gespräch über das Buch von besonderer Bedeutung. Es schafft eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der das Kind sich ernstgenommen fühlt.

Gibt es entsprechende Weiterbildungsangebote für Pädagogen?

Lichtenberg Der Arbeitskreis für Jugendliteratur bietet bundesweit Seminare, Workshops und Symposien für Vermittler der Kinder- und Jugendliteratur an.

Was sind die Ziele des Arbeitskreises für Jugendliteratur?

Lichtenberg Das erklärte Ziel ist es, Kinder- und Jugendliteratur und literaturästhetische Bildung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zu stärken. Außerdem geben wir Orientierungshilfen in Form der viermal pro Jahr erscheinenden Fachzeitschrift „JuLit“.

Gibt es Ihrer Meinung nach auch heute noch besonders gute Kinder- und Jugendliteratur?

Lichtenberg Ich bin ja eine Verfechterin davon, dass man neben den Klassikern auch verstärkt aktuelle und moderne Kinder- und Jugendliteratur in der Schule einsetzt. Und es gibt sehr gute Literatur. Allerdings ist der Markt sehr unübersichtlich, so dass es schwierig ist, da fündig zu werden. Eine Hilfe bieten die jährlichen Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis und die Preisbücher, vergeben in den Sparten Bilder-, Kinder-, Jugend- und Sachbuch. Und wie schon erwähnt, der Preis der Jugendjury. Der Katalog dazu ist beim Arbeitskreis für Jugendliteratur erhältlich.

Welches Buch war denn als Kind Ihr Lieblingsbuch?

Lichtenberg Das ist ein wenig ungewöhnlich… Ich war etwa 13 oder 14 Jahre alt und habe „Bel Ami“ von Guy de Maupassant gelesen. Ich wusste damals nicht, wer das war, habe auch vielleicht nur die Hälfte oder noch weniger verstanden. Aber ich erinnere mich bis heute, dass mich dieses Buch gefangen hat. Ich habe gemerkt, dass ich da etwas ganz Besonderes in den Händen gehalten habe. Heute weiß ich natürlich, was Weltliteratur ist… Das war wohl der Ursprung dessen, was aus mir geworden ist. Dadurch habe ich gelernt, dass man sich davor hüten muss, Kindern zu sagen: Das ist noch nichts für dich! Man muss die Kinder auswählen lassen. Wer „Bel Ami“ kennt, der weiß, dass das kein Buch für eine 13-Jährige ist. Aber das, was ich nicht verstanden habe, habe ich einfach ausgeblendet. Aus dieser Erfahrung habe ich mir zur Aufgabe gemacht, Kindern immer zu antworten und nicht auszuweichen, sondern auch auf Fragen zu antworten, die nicht altersgemäß sind. Da müssen wir Erwachsenen noch mehr Mut haben und die Kinder ernstnehmen.

Lesen die Kinder heute noch die Klassiker, etwa von Otfried Preußler oder Astrid Lindgren?

Lichtenberg Aus meiner Sicht werden die Klassiker auch heute noch mit Begeisterung gelesen. „Der Räuber Hotzenplotz“, „Pippi Langstrumpf“… - diese Bücher haben die Zeit überdauert und sind aus dem Repertoire nicht wegzudenken. Aber auch die neuen Bücher dürfen wir nicht außen vor lassen. Ein bisschen mehr Mut zum aktuellen Buch!

Welche Rolle spielen die digitalen Medien?

Lichtenberg Ich habe das mit den Mitgliedern meines ehemaligen Leseclubs diskutiert. Die einhellige Meinung war: E-Book-Reader sind gut, wenn man auf Reisen geht. Aber für das eigentliche Lesen geht auch Kindern und Jugendlichen nichts über das tatsächliche Buch. Natürlich spielen WhatsApp und Twitter, Facebook, Blogeinträge u.a. eine große Rolle. Die Herbsttagung des AKJ mit dem Arbeitstitel „Wege vom und zum Buch – Literatur in Zeiten der Digitalisierung“ dreht sich übrigens genau um dieses Thema, denn wir können und wollen uns nicht solch zukunftsgerichteten Themen verschließen.

(Das Interview führte Wolfgang Weitzdörfer)
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