So macht man Raclette richtig - Anleitung eines Schweizers

Schweizer über deutsche Unsitten: Weshalb man nie — gar nie! — Fleisch zum Raclette isst

Raclette geht immer: Überall in Deutschland wird zu Weihnachten und Silvester Käse auf Pfännchen in den Elektrogrill geschoben. Aber überbacken wir eigentlich richtig? Hier kommt eine Raclette-Anleitung aus der Schweiz.

Wir Schweizer lieben unsere Küche und fiese Klischees. Gerne auch solche über Deutsche. Ich war deshalb nur kurz erschüttert, danach in meinen Vorurteilen bestätigt, als der sehr muntere und gewitzte Chefredakteur der Rheinischen Post bei seinem Besuch in Zürich erzählte, dass seine deutschen Landsleute Fleisch zum Raclette essen.

Fleisch zum Raclette? Was für Barbaren! Welch kulturelle Ignoranz gegenüber einer Jahrhunderte alten Tradition. So etwas macht man nicht! Genauso wenig wie man Eiswürfel in den Rotwein oder Ketchup auf Spaghetti kippt.

Was mich aber doch ein wenig stolz macht, ist die kulinarische Verschiebung von der Weihnachtsgans (das deutsche Feiertagsgericht — dachte ich wenigstens bis heute) hin zu einem urschweizerischen Menü. Das Raclette kommt aus dem Wallis. Aus jenem Tal im Südwesten der Schweiz, wo das Matterhorn steht und Dutzende Berge die 4000-Meter-Marke überschreiten. Etwas, wovon die Österreicher nur träumen. Die haben mit Glück einen 3000er. Die Walliser selbst sind ziemlich verschrobene Kerle, deren Sprache man in der restlichen Schweiz schlecht versteht, deren Wesen sich uns nie erschliessen wird.

Aber sie können Raclette. Und würden nie, gar nie, Fleisch zum Raclette essen! Raclette genügt sich selbst. Es hat eine No-bullshit-Attitüde: Direkt, simpel, authentisch. Nicht multikulti. Es passt in seiner amorphen Veränderlichkeit von fest zu schmelzig hervorragend zur Jahresend-Abrechnung mit dem eigenen Leben, zum Alles-ist-im-Fluss. Ausserdem ist es gemütlich. Vorne zu heiss vom Ofen, im Rücken dafür zu kalt. Ein Wintergefühl. Als Vorspeise ist ein Plättli mit Walliser Trockenfleisch oder Bündnerfleisch mit einer Flasche Fendant übrigens in Ordnung. Aber danach: Hände weg vom Fleisch!

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Die Frage umtreibt mich seit Jahren: Wieso ist für viele Deutsche eine Mahlzeit ohne Fleisch oder Wurst keine Mahlzeit? Geholfen hat mir der wunderbare Roman "Fleisch ist mein Gemüse" von Heinz Strunk von 2004. Es hat sich 400.000 Mal verkauft. Empfehlenswert für alle Deutschen, die sich selbst nicht verstehen.

Wie macht man denn nun ein richtiges Raclette?

Und wenn Sie sich mit dem Raclette richtig auskennen, gehen wir einen Schritt weiter zum Fondue. Dann wirds erst richtig schwierig. Ich erkläre es Ihnen dann.

Peter Röthlisberger war Chefredakteur der "Blick"-Gruppe in Zürich.

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